Seien Sie höflich zu Robotern!

Wir müssen darüber nachdenken, wie wir mit künstlicher Intelligenz sprechen wollen.

Mit ihrem Haustier sprechen sie auch nicht im Imperativ, also: Seien Sie nett zum Roboter. Foto: Joel Hanhart

Alexa hört alles mit, meine Damen und Herren. Wen wundert das eigentlich? Wundern kann man sich höchstens darüber, dass das irgendjemanden überrascht. War doch klar. So viel dazu. Wir haben in dieser Kolumne bereits über das Phänomen des Dienstboten-Tons gesprochen, der in der spätmodernen Konsumwelt ein massenhaftes Revival erlebt, dank der massenhaften Verbreitung von digitalen Assistenten mit Sprachsteuerung, zum Beispiel Siri oder Alexa. Wir haben ebenfalls thematisiert, dass besagte digitale Assistenten in aller Regel weiblich konnotiert sind, weibliche Namen tragen und weibliche Stimmen haben. Was eventuell damit zusammenhängt, dass achtzig Prozent aller Software-Entwickler männlich sind.

Der Dienstboten-Ton, in dem mit diesen spätmodernen Maschinen gesprochen wird, hat noch weitergehende Implikationen als eventuellen Sexismus. Bekannt ist nämlich auch, dass Kinder, die regelmässig mit Alexa interagieren, gewisse Sprachmuster dieser Herrschaft-Diener-Kommunikation, namentlich die Verwendung des Imperativs, also der Befehlsform, in ihre Alltagskommunikation mit Gleichaltrigen und auch mit den Eltern übernehmen.

Was Kant zum Thema meint

Der Imperativ ist nicht sehr höflich. Das weiss jeder. Die wenigsten Leute werden gern im Imperativ angesprochen. Die Manieren leiden, wenn der Dienstboten-Ton neuer Standard wird. Moral und Ethik sind langsamer als die Technik, das waren sie schon immer. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir mit künstlicher Intelligenz sprechen wollen.

Hier eröffnet sich eine interessante Parallele zu einem Gedanken des Philosophen Immanuel Kant. Kant lebte von 1724 bis 1804 in Königsberg, wo er bekanntlich nahezu sein gesamtes Dasein verbrachte, und erschuf trotzdem Welten als Denker des Abendlands und König der Aufklärung und Begründer der modernen Philosophie. Kant betrachtete Tiere als Sachen, sprach sich aber gegen Tierquälerei aus, weil er eine «Verrohung der menschlichen Sitten» befürchtete. Genau das, die Verrohung der Sitten im zwischenmenschlichen Umgang, kann die Folge sein, wenn man mit Alexa wie mit einer Leibeigenen umgeht. Erst mit Alexa, dann mit dem Rest der Welt, belebt oder nicht.

Mein Telefon, das Haustier

Also: Seien Sie höflich zu Robotern. Mindestens so höflich wie zu jemandem, den Sie nicht leiden können. Denn: Ein manierlicher Umgang mit Sachen kann dazu beitragen, den manierlichen Umgang mit den Mitmenschen zu fördern. Dabei hilft paradoxerweise eine Rückkehr archaischen Denkens, die unsere hypermodernen Zeiten ebenfalls kennzeichnet. Ich meine die Rückkehr des Animismus. Also des Glaubens daran, dass die Dinge beseelt seien, über einen Geist verfügten. Dieser Glaube bezieht sich ganz besonders auf jene in unserer Konsumkultur allgegenwärtigen elektronischen Gerätschaften, die auch unser Verständnis der Welt, unsere Wahrnehmung prägen, und deren Beseelung wiederum hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass man die Funktion dieser Objekte nicht mehr unmittelbar an ihrer Form ablesen kann. Was besagte Objekte weniger verständlich und beherrschbar macht.

Die spätmodernen Maschinen sind zugleich offen in ihren Möglichkeiten und undurchsichtig in ihrer Funktion. So treten sie aus ihrem reinen Objektzustand heraus und eröffnen sich subjekthaften Zuschreibungen: «Mein Telefon spinnt.» Sie müssen das Ding ja nicht gleich als Familienmitglied oder gar Extension des eigenen Körpers betrachten. Vielleicht fürs Erste als eine Art Haustier.

6 Kommentare zu «Seien Sie höflich zu Robotern!»

  • Rolf Rothacher sagt:

    Gute Beobachtung, das mit dem Imperativ im „neuen“ Sprachgebrauch. Deshalb auch der Erfolg all dieser Geräte. Denn Hunde folgen dem Imperativ nicht immer. Und Katzen fast nie. Deshalb sind Smartphones auch so beliebt. Sie widersprechen nie, sind perfekte Sklaven.
    Ja, die nächste Generation wird sich Wohl oder Übel mit neuen Herausforderungen zwischenmenschlichen Chaos auseinandersetzen müssen. Doch ich bin zuversichtlich, dass ihr das gelingen wird. Denn genauso, wie die Technik laufend viele Lebensbereiche umgestaltet, verändert sich auch der Mensch, nur eben meistens eine Generation langsamer. Das war aber immer schon so und muss uns nicht ängstigen. Und: schon immer haben Kleinkinder im Befehlston ihre Forderungen gestellt. Man musste ihn ihnen auch früher stets abgewöhnen!

  • Kristina sagt:

    Kategorien wie Höflichkeit oder Objekt dürsten nach einem Herrschaftsverhältnis. Dieses fällt nicht zu Gunsten der Menschen aus, die einen Unterschied zwischen sich und der Umgebung machen. Was nicht heisst, nicht weiterhin Jedem und Allem Namen und Kosenamen geben zu dürfen.

  • Scout sagt:

    Ein manierlicher Umgang mit Sachen bedingt kein Verständnis von den Funktionen. Aber die Sache soll zumindest einen Zweck erfüllen, einen Nutzen bringen. Noch besser wäre eine Art Rückmeldung in Form einer Belohnung oder Befriedigung. So laufen organische Prozesse ab, aber nicht jeder organische Prozess belohnt. Auf anorganische Maschinen übertragen ist bei Licht betrachtet die Beseelung unnötig. Funktioniert mein PC nicht, fluche ich. Aber ich fluche nicht den PC an, sondern ich fluche vor mich hin, denn ich könnte etwa ein neues, besseres Gerät erwerben. So wäre eine drohende Verrohung der Sitten nicht vom Umgang mit Sachen abhängig, sondern von mir selbst. Der pflegliche Umgang mit Dingen könnte indes eine Art Training sein, um meinen Umgang mit Menschen fit zu halten.

  • Ruth Gerber sagt:

    Roboter: Ich würde ihn in die Eier treten, wenn er sie hätte!

    • Klaus Weber-Fink sagt:

      Das ist aber politisch unkorrekt! Denn eigentlich müsste es heissen der/die Roboter*innen. Und wohin würden Sie dann treten? Aber Recht haben Sie trotzdem!

  • Enrico G. Corloni sagt:

    @ Kristina: Kants Kategorien sind – wenn Sie darauf anspielen – „abstrakte Beschreibungen der Verarbeitungstendenzen, die die Umwelt unseren Gehirnen in Hunderten von Jahrmillionen durch Selektion aufgezwungen hat“ (Norbert Bischof). „Aufgezwungen“ trifft es wegen der Kontingenz der nach wie vor nicht vollständig erklärbaren „Sprünge“ in der Evolution nicht ganz. Aber Kant kann man daraus zeitgemäss keinen Vorwurf machen. Das Dürsten verliert dadurch ein wenig an Aussagekraft. Aber der von Ihnen genannte Unterschied behält (unbedingt) seinen Wert, auch nach Abschaffung des expliziten Feudalsystems. Ihre Konklusion ist richtig, angesichts eines sich leider mehrenden Determinismus selbst in der armen Welt der Begriffe durchaus faszinierend, wenn nicht sogar transzendent.

Kommentar

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