Botox und Wahn

Was kostet es, im Spiel zu bleiben?

Photoshop fürs reale Leben: Botox und Filler. (Foto: iStock/Montage: Kelly Eggimann)

Unlängst haben wir an dieser Stelle darüber diskutiert, dass das Berliner Kaufhaus des Westens, kurz KaDeWe, seiner Kundschaft neuerdings auch Faltenunterspritzungen und Fadenliftings anbietet, in einer sogenannten Walk-in-Praxis für plastische und (mutmasslich) ästhetische Chirurgie. Ich habe das thematisiert, meine Damen und Herren, weil die Konsumsitten auch immer etwas über den Kulturstand unserer Zeit sagen, ihre Ideen und Prioritäten.

In England nun scheint man bereits einen Schritt weiter zu sein, wenn man das so nennen will. Die Drogeriekette Superdrug, wesentlich weniger posh als das KaDeWe, bietet seit September letzten Jahres Botox- und Filler-Behandlungen an, also Injektionen vor allem gegen Falten oder zur Lippenvolumenvergrösserung. Gegen diese konsumtive Bequemlichkeit bei der Durchsetzung konventioneller Schönheitsideale hat jetzt interessanterweise der britische National Health Service (NHS) interveniert. Nicht etwa wegen der körperlichen Risiken der angebotenen Behandlungen. Sondern mit dem Argument, dass eine tiefstschwellige Verfügbarkeit derartiger Verschönerungsprozeduren Risiken für die geistige Gesundheit berge. Indem besagte Prozeduren nämlich auch und nicht zuletzt Menschen anzögen, die an Body Dysmorphic Disorder (BDD) litten oder zu dieser Störung wenigstens neigten, bei der die Betroffenen sich obsessiv auf (vermeintliche) körperliche Makel fixierten. 

Narzissten und Walküren auf «Love Island»

Der NHS verlangte von Superdrug eine ausführlichere Beratung und Prüfung potenzieller Botox- und Filler-Kunden, um das Risiko einer Ausbreitung psychischer Störungen zu verhindern, deren Behandlung und Folgekosten dann schlussendlich wieder auf den NHS zurückfallen. Vor diesem Hintergrund ist interessant, dass Simon Stevens, CEO des NHS England, bereits letztes Jahr den britischen Fernsehsender ITV kritisierte, und zwar für die Ausstrahlung von Reklame für Appetitzügler sowie kreditfinanzierte Brustvergrösserungen, Fettabsaugungen oder Nasenkorrekturen. Alles in den Werbefenstern des hochgradig populären ITV-Reality-Formats «Love Island». Stevens plädiert überdies für die Erhebung einer zweckgebundenen Abgabe auf sozialen Medien, um die steigenden Kosten des NHS für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit mentalen Problem wie beispielsweise Essstörungen zu decken.

Falls Sie «Love Island» nicht kennen: Es handelt sich um eine Verkupplungsshow (deren deutsche Variante selbstverständlich auf RTL2 ausgestrahlt wird), bei der eine Schar von dürftig bekleideten Teilnehmern und Teilnehmerinnen, die regelmässig Mitte zwanzig sind und über diverse Körpermodifikationen (aber wenig Scham) verfügen, sich vor der idyllischen Kulisse eines sonnenbeschenkten Eilands zu Paaren zusammenfinden müssen. Das Format wird gelegentlich als IRL-Version der Dating App Tinder bezeichnet, wobei «IRL», also: «in real life», hier wohl höchstens in dem Ausmass zutrifft, in dem man Botox und Filler als Photoshop fürs reale Leben bezeichnen kann. Tinder ist aber insofern eine treffende Analogie, als dass sich die Paarbildung in «Love Island» beinahe mit algorithmischer Kühle vollzieht, ohne (zu viele) Worte. Und allgemein die Paarungen kalkuliert werden als Teil einer narzisstischen Strategie: im Spiel zu bleiben. Oder, wie es neulich eine dieser «Love Island»-Walküren ausdrückte: das, was sie bei einem Mann am dringlichsten suche, sei – ein Nackentattoo.

8 Kommentare zu «Botox und Wahn»

  • Matthias Ottiger sagt:

    Ich finde diese Botoxangebote toll. Die Leute sehen danach jünger und attraktiver aus. Dagegen gibt es nichts einzuwenden. Schönheit für alle! Wem es nicht gefällt, der muss ja nicht hingehen, kann gerne mit seinen dünnen Lippen, Krähenfüssen und Tränensäcken durchs Leben gehen. So ein bisschen aufgepolsterte Lippen und Wangen sehen gut aus.

  • LiFe sagt:

    Hässlich bleibt hässlich Schönheit vergeht. Da hilft weder Botox, noch Filler Behandlungen, denn diese Produkte wirken monströs.

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