Das Alter als Wahl

Über Selbstkonsum und Selbstkonsumiertheit.

Verhandelbare Vergänglichkeit: Kann man sein biologisches Alter künftig manipulieren? (Foto: iStock/ Montage: Kelly Eggimann)

Verdinglichung, Versachlichung, Fetischisierung sind drei Formen der Entfremdung, die nach Marx in der Produktion von Waren zwingend entstehen, meine Damen und Herren. So weit unser Beitrag zum Marx-Jahr in dieser Konsumkolumne. Ich bin kein Marxist, Marx war schliesslich auch keiner. Und doch scheint es mir ein kulturmorphologisch interessantes Zeichen unserer Zeit zu sein, dass ihr Verhältnis zum menschlichen Körper nicht zuletzt durch ebendiese Tendenzen gekennzeichnet ist: Verdinglichung, Versachlichung, Fetischisierung.

Wir haben in dieser Kolumne bereits gelegentlich diskutiert, ob eine solche letztendlich konsumistische Haltung dem Körper gegenüber ganz allgemein einen Wandel in der Richtung des Gestaltungswillens signalisiert: Während die Gesellschaft zunehmend als ungestaltbar und unbeeinflussbar erfahren wird, werden der eigene Körper (und auch die eigene Psyche) als form- und optimierbar angesehen. So äussert sich der gnadenlose Glücksimperativ der Spätmoderne, höchstens bedroht durch asiatische Superkeime.

Die Inakzeptanz des eigenen Alters

Kultursemiotisch in diese Tendenz passt folgende aktuelle Meldung: Wie die BBC berichtet, zieht der Niederländer Emile Ratelband, 69, vor Gericht, um sein Geburtsdatum vom 11. März 1949 auf den 11. März 1969 ändern zu lassen. Herr Ratelband selbst vergleicht dieses Bedürfnis nach Altersanpassung mit dem Bedürfnis nach Geschlechtsanpassung bei einer transsexuellen Person. Sein tatsächliches Alter entspricht nicht seinem seelischen. Er fühle sich aufgrund seines Alters diskriminiert, benachteiligt sowohl auf dem Arbeitsmarkt wie auch auf dem Liebesmarkt, zum Beispiel hinsichtlich seiner Erfolgsquote auf der Dating-App Tinder. Herr Ratelband, der sich unter anderem als Motivationstrainer verdingt und sich gut gehalten zu haben scheint, weist weiter darauf hin, dass ihm seine Ärzte den Körper eines 45-Jährigen attestieren.

Nun mag manchem die Inakzeptanz des eigenen Alters als drastische Form der Selbstentfremdung erscheinen und auf den ersten Blick die Zeitdiagnose der Philosophin Rahel Jaeggi zu bestätigen: Probleme der Gesellschaft werden ins Individuum verlegt, in dessen Körper und/oder Seele; das Selbst wird verdinglicht, um die Kontrolle in einer anscheinend zunehmend unkontrollierbaren Welt wenigstens über den Körper auszuüben. Dessen Gestaltung bleibt das letzte Verfügungspotenzial des spätmodernen Menschen.

Wappnen Sie sich

Die von Herrn Ratelband verkörperte Ablehnung des eigenen Alters geht aber kultursemiotisch noch weiter. Sie berührt direkt die Prognosen des Historikers Yuval Harari, der in seinem neuen Buch «21 Lektionen für das 21. Jahrhundert» die provokante These aufstellt, dass es aufgrund der Verschmelzung von Informations- und Biotechnologie in näherer Zukunft zwei verschiedene «Spezies» Mensch geben könnte: die Vermögenden, die sich die technologisch unterstützte Optimierung von Körper und Gehirn leisten können (und daher auch ihr Alter suspendieren) – und den Rest. Harari spricht von «biologischen Kasten».

Wappnen Sie sich. Bevor wir aber so weit sind, könnten wir uns stattdessen vielleicht auf ein bewährtes klassisches Konzept besinnen, das schon die Stoiker im alten Griechenland praktiziert haben, und das heisst: Ego-Deflation durch Selbsttranszendenz. Abstand zu sich selbst. Für den Fall des Herrn Rattelbeck oder Ratelband oder wie auch immer heisst das: Erfinden Sie doch einfach auf Tinder Ihr Alter. So wie das alle machen.

6 Kommentare zu «Das Alter als Wahl»

  • Rolf Rothacher sagt:

    Nur weil die technischen Mittel ändern und der Mensch (manche Menschen) davon Gebrauch machen, bedeutet nicht, dass sich irgendetwas in der Gesellschaft ändert. Wenn von „Optimierung“ gesprochen wird, die sich nur die „Reichen“ leisten können, so darf man an die Perückenzeit erinnern oder die Tiegel/Töpfe mit Schönheitscremes aus Ägypten. Der Mensch hat immer versucht, sich zu optimieren, attraktiver/jünger/besser als andere dazustehen. Das ist genauso Teil seiner Biologie, wie der meisten anderen Tierarten.
    Ich find es bemühend, wenn Leute Bücher schreiben und darin im Prinzip nur das Wiederholen, was längst schon tausendfach beschrieben wurde.
    Kultur, die sich wiederholt, ist in der Regel nur noch Folklore und vielleicht noch Unterhaltung.

    • LiFe sagt:

      Ich find es bemühend, wenn Leute Bücher schreiben und darin im Prinzip nur das Wiederholen, was längst schon tausendfach beschrieben wurde.
      Kultur, die sich wiederholt, ist in der Regel nur noch Folklore und vielleicht noch Unterhaltung.

      Ja, das stimmt und die Frage stellt sich: Wer soll alle diese Bücher lesen und vor allem kaufen. Wobei sich die nächste Frage stellt: Wo soll man diese Bücher lagern?!
      Ich habe das Problem so gelöst: Einen Plott selber ausgedacht, geschrieben und immer wenn Bücher vorgestellt werden den eigenen Plott gesucht. Nie war einer dabei! Ein köstliches Gefühl und vor allem Geld und Platz gespart.

  • tom sagt:

    Also ich fühle mich mit Jg. 91 mindestens schon im Rentenalter. Kann man da was machen? Wäre super wenn ich gleich die Rente kriege & vielleicht werde ich damit der älteste Mensch der Welt?

  • H.Decurtins sagt:

    Wir kommen auf die Welt – und gleichzeitig altern wird. Das ist doch nichts Neues, wird jedoch häufig verdrängt. Jeder Lebensabschnitt hat sein Schönes,doch eines ist sicher – alt zu werden ist nichts für Feiglinge …..

  • Scout sagt:

    Zu Frau Rahel Jaeggi: Die Verlegung der gesellschaftlichen Probleme in den eigenen Körper und/oder die eigene Seele missfällt mir, zumal es keine Seele gibt, sondern nur Geist und Körper, was indes nicht neurologisch ist. Aber das ist mir egal und spielt hier keine Rolle. Der Rückzug aus den sozietären Problemen in das Individuum wäre ein Paradigmenwechsel. Er wäre nicht aufgeklärt. Die Verlagerung der privaten Moral des Souveräns in die Öffentlichkeit zeichnet die Aufklärung aus. Das habe ich aus einem Buch von 1959, das ich gerade lese. In der Danksagung dieses Buchs erscheint Prof. Carl Schmitt, was indes skeptisch macht … Nimmt man Frau Jaeggi ernst, wäre das nicht Spätmoderne, nicht Postmoderne, nicht der Beginn eines neuen Zeitalters. Sondern das wäre schlichtweg vormodern. Oje.

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