Das Gute der anderen

Wie moralisch ist die Unterschicht?

Der «Moraladel» ernährt sich gesund. Montage: Kelly Eggimann

Der Philosoph Robert Pfaller hat im Zusammenhang mit der Debatte um die sittliche Zulässigkeit der aktuellen Balthus-Ausstellung in der Fondation Beyeler in Basel etwas sehr Interessantes gesagt, meine Damen und Herren, nämlich: Während die Gesellschaft nach unten immer mehr verroht, werden die Eliten immer sensibler und liefern sich einen gnadenlosen Kampf um Empfindlichkeiten.

Was Pfaller damit auch sagt, ist, dass in der Gesellschaft verschiedene Moralsysteme existieren, unterschiedliche Schamgrenzen. Das deckt sich mit der Auffassung des Konsumtheoretikers Wolfgang Ullrich, der eine moralische Kluft entlang der Einkommensgrenzen feststellt: Auf der einen Seite ein gesund ernährter, fair und nachhaltig einkaufender «Moraladel», der nach selbst gewählten Werten lebt und Konsum nicht zuletzt als Präsentation dieser Werte versteht. Diese Wertepräsentation vollzieht sich im Rahmen der Inszenierung eines bewusst geführten Lebens mit ausgesuchten Produkten und gutem Design.

Die Inszenierung hat möglichst kreativ zu erfolgen. Der Soziologe Andreas Reckwitz spricht von einem massenwirksamen Kreativitätsdispositiv und dessen Siegeszug im Kontext allgemeiner gesellschaftlicher Ästhetisierungsprozesse. Mit anderen Worten: Kreativ sein sollen wir, wir alle haben das Gefühl, dass in uns ein Potenzial schlummert, das es nur richtig zu wecken gilt, vermittels der richtigen Güter, Atmosphären und Stimulanzien, die übrigens die Erlebnisgesellschaft, in der wir leben, quasi in allen Formen und Farben feilbietet. Sofern man sie sich leisten kann.

Die Dünkel des Moraladels

«Ich glaube, dass Moral und Kreativität noch nie so eng verknüpft waren wie heute», sagt Ullrich. Und er sagt auch, dass die Spaltung der Gesellschaft bis zu den moralischen Grundwerten neu sei: Dem «Wertstolz» des Moraladels stehe eine Unterschicht gegenüber, die viel geringere materielle und intellektuelle Voraussetzungen habe und daher ihre Werte viel schlechter verwirklichen könne, sondern vielmehr ständig daran erinnert werde, wie moralisch fragwürdig sie sei. Durch den Wertstolz des Moraladels fühlten sich ganze Bevölkerungsschichten moralisch disqualifiziert. Die Opfer des Wertstolzes rächten sich zum Beispiel mit der Unterstützung rechtspopulistischer Politik.

Hierinnen liegt eine gewisse Inkonsequenz des Arguments. Denn entweder gibt es eine Fragmentierung der Gesellschaft, dann kümmern die einen die Werte der anderen nicht. Niklas Luhmann würde sagen: Die Gesellschaft hat sich in Teilsysteme funktional ausdifferenziert, die sich anhand je eigener Codes operationell geschlossen haben. Damit wäre jede übergreifende normative Instanz, wie die einer universalistischen Moral, obsolet.

Falls sich aber eine Unterschicht durch einen Moraladel herabgesetzt fühlt, werden dessen Standards also implizit doch als verbindlich anerkannt. Man kann diesen Unterschied am Beispiel der Debatte um ausbeutungsfreie, nachhaltige Kleidung illustrieren: Wer Textilien mit fragwürdiger Herstellungsgeschichte konsumiert, täte dies nach Ullrich immerhin mit einem schlechten Gefühl. In der Tat allerdings hat es zumindest den Anschein, als gebe es erhebliche Milieus, die keinerlei schlechte Gefühle hierbei haben. Letzteres würde tatsächlich bedeuten, dass man sich, statt über Balthus, über die Auswirkungen einer werteethischen Ordnung Gedanken machen sollte, die kaum mehr über allgemeingültige Standards verfügt.

9 Kommentare zu «Das Gute der anderen»

  • Anh Toàn sagt:

    Konsumgüter moralisch zu kategorisieren erscheint mir falsch. In erster Linie geht es in der Überflussgesellschaft doch darum, wie viel man konsumiert, nicht was man konsumiert. Unmoralisch war der Exzess schon immer. Völlerei betreiben wir heute ab der Mittelschicht mit Konsumgütern. Und zum Ablass verbieten man den Kindern der Unterschicht die Strohhalme.

  • Benjamin Kraus sagt:

    Vielleicht wäre nach Pfaller, Reckwitz, Ullrich & Luhmann eine Verknüpfung mit Bourdieu hilfreich, um den scheinbaren Widerspruch aufzulösen. Denn implizit oder explizit geht es in den verschiedenen sich überkreuzenden „Feldern“ immer auch um „Distinktion“. Und Letztere muss, um wirksam zu sein, auch sichtbar sein. Fragmentierung und operationelle Geschlossenheit bedeutet ja nicht unsichtbar hinter Mauern.

    Und da auch die Einkommensgrenzen erwähnt werden: Auch die gute alte Gesellschafts- oder Klassenstruktur-Analyse ist von Bedeutung, aktuell etwa Nachtweys „Abstiegsgesellschaft“. Sowie die Elitensoziologie eines Hartmann. Denn oft ist, was sich als „universalistische (Moral-)Norm“ ausgibt, die von „Oben“. Was natürlich mit einer De-Klassierung der von „Unten“ einhergeht.

  • Kristina sagt:

    Schön gesagt. Ich würde dem anfügen wollen; Freundlichkeit kostet nichts. In diesem Sinne: you can call me Queen B.

  • Marie Bornand sagt:

    Wen man schon die 10 biblischen Gebote respektiert hat man schon vieles getan und ist „ein guter Mensch“. 10 sind nicht viel, warum haben die Leute so viel mühe sie einzuhalten ? Man braucht nicht mehr um ein vertrauenswürdiger Mensch zu sein. Wen man dazu noch freundlich ist und ein wenig Humor hat, kommt man gut durch’s Leben.

  • Scout sagt:

    Gestern auf dem Sofa trank ich 1 Bier und rauchte 1 Zigarette. Vertrauen Sie dieser Aussage? Rechtens kommt ein Vertrag zustande, wenn die gegenseitigen Willensäusserungen übereinstimmen. Gibt es später Streitigkeiten, wird zur Auslegung das Vertrauensprinzip angewandt: Es gilt, was eine vernünftige Person verstehen durfte und musste. Das ist ein normativer Konsens. Das ist Recht? Hat das nicht einen moralischen Touch? Gestern kam mir auch die Idee, wie unerhört codiert die Sprache sei, und dass Dr. Tingler mal was darüber schreiben könnte. Ohne Vertrauen könnte der Mensch morgens sein Bett nicht verlassen (Luhmann). Ver- und Misstrauen ist vielleicht ein Überstieg zum Universalismus der Moral. Der Kern liegt im Versprechen, wertethisch mehrwertig gegenüber dem personalen Begehren.

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