Lesen Sie «Joseph»!

Der Meistunterschätzte: Warum man jetzt zu Thomas Manns Romanzyklus greifen sollte.

Thomas Mann bei der Lektüre, circa 1946. Foto: Thomas Mann Archive (Epa)

Die mythische Tetralogie «Joseph und seine Brüder» ist das umfassendste Romanwerk des grossen Dichters und Grossschriftstellers Thomas Mann, meine Damen und Herren. Der Vierteiler wurde zwischen 1933 und 1943 veröffentlicht, abgeschlossen im kalifornischen Exil, ein Monument und Gipfelwerk des 20. Jahrhunderts, ein jüdisch-griechisch-ägyptisches Familienepos, basierend auf der biblischen Geschichte von Jakobs (Thomas Mann schreibt «Jaakob») Lieblingssohn Joseph und dessen Lebensweg. Im Rahmen der grossen kommentierten Frankfurter Ausgabe (GKFA) der Werke Thomas Manns liegt dieser gigantische Roman nun erstmals in einer textkritischen Edition vor. Hier kommen fünf Gründe, sofort mit der Lektüre zu beginnen: 

  1. Der Kommentar dokumentiert nicht nur Archivmaterial wie Manuskripte und Notizen, sondern erschliesst auch kulturhistorische Quellen und die Rezeptionsgeschichte. Man bekommt Einblick in die Arbeitsweise Thomas Manns und in die Hintergrundschichten des Romanwerks.

  2. Die Joseph-Tetralogie ist das meistunterschätzte Werk Thomas Manns. Jedenfalls im deutschsprachigen Raum. Bis heute hat die Originalausgabe nicht annähernd so viel Erfolg gehabt wie die englischsprachige Übersetzung in der angelsächsischen Welt, besonders in den USA, wo die «Joseph»-Romane seit 80 Jahren zur Weltliteratur gerechnet werden.

  3. Manche Kritiker sahen und sehen im «Joseph»-Romanzyklus nicht weniger als eine abgekürzte Geschichte der gesamten Menschheit, einen humanistischen Erziehungsroman. Dazu eine der kühnsten literarischen Unternehmungen der Kulturgeschichte.

  4. Auf jeden Fall ragt dieses Werk heraus als ein Schildhalter, den universalistischen Humanismus der Aufklärung gegen den totalitären Zeitgeist verteidigend. Das macht seine Zeitlosigkeit und Aktualität aus.

  5. Rund 2000 Seiten Kommentar? Da kann man nicht nur Respekt, sondern fast Angst kriegen, und ich möchte diese Angst gern zerstreuen: Das Grossartige bei Thomas Mann ist, dass man auch einfach nur die Geschichte lesen kann, sich erfreuend an der Souveränität seiner Sprache, an ihrem Humor und ihrem Ernst, jener Thomas-Mann-typischen ironisch-distanzierten Verquickung des Realistischen mit dem Mythischen. So was wird heute gar nicht mehr hergestellt.

 

6 Kommentare zu «Lesen Sie «Joseph»!»

  • Urs Heinz Aerni sagt:

    Danke Philipp, ich glaube, ich kaufe das Ding…

  • Astrid Meier sagt:

    „Joseph“ ist eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe, mehr als ein Mal. Und es liesst sich flüssig, ist unterhaltsam von Anfang bis Ende.

  • Beat Bosshart sagt:

    Habe mich bis jetzt nicht an den Joseph gewagt, obwohl ich sonst sämtliche Romane Manns mit grossem Genuss und Gewinn gelesen habe. Danke vielmal für den Text, jetzt ist es soweit!

  • Eduardo sagt:

    Thomas Manns Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ ist entsetzlich geschwätzig und dazu bildungsbürgerlich aufgedunsen. Wenn „Joseph und seine Brüder“ genauso ist, dann nein danke. Aber ich werde vielleicht mal reinschauen.

    • Henry sagt:

      Nun ist der Krull, das Spätwerk Thomas Manns, doch nicht geschwätzig oder gar bildungsbürgerlich aufgedunsen, das letztere trifft vielleicht auf einen Dr. Faustus zu. Der Krull ist doch ganz wunderbar und kurzweilig, am Joseph -um beim tinglerschen Jargon zu bleiben, sind schon Heroen und Heilige verblutet. Aber lesen sollte man es trotzdem.

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