Die Seele von Public Relations

Über Konsum und Wahrheit

Die nackte Wahrheit ist für PR das, was das Glück für Heinrich Heine war: Eine leichte Dirne. Montage: Laura Kaufmann

Unlängst stiess ich auf ein interessantes Zitat der Schriftstellerin Rachel Cusk, meine Damen und Herren. Es lautet: «Unsere Welt ist besessen von Pornografie, und damit meine ich nicht speziell Dinge, die mit Sex zu tun haben, sondern eine Welt, in der sich Vorstellungen manifestieren, denen jegliche Anbindung an die Realität fehlt.» So weit Frau Cusk. Und die Branche, die derartige Vorstellungen professionell bearbeitet, nennt sich «Public Relations».

Fast alles fällt unter PR in einer Welt, in der fast alles Produkt ist. Ich persönlich habe dann und wann mit PR-Firmen und PR-Personen zu tun, und zwar aus zwei Abteilungen, die man sich entgegengesetzter nicht vorstellen könnte: Literatur und Luxusprodukte. Der Hauptunterschied zwischen diesen beiden PR-Sphären liegt, neben phänotypischen Differenzen, in Folgendem: In der einen Sphäre gilt Melancholie als Verkaufsargument, in der anderen darf es sie gar nicht geben.

Eine leichte Dirne

Nun ist, wie Sie wissen, gerade diese neue EU-Datenschutzverordnung in Kraft getreten, und alle möglichen PR-Agenturen schickten mir Mails, in denen stand, dass sie den Schutz meiner Daten sehr ernst nähmen. In einem solchen Mail aber las ich  zusätzlich noch was anderes, nämlich dass man mich in der Vergangenheit mit Informationen versorgt hätte, um mich in der Ausübung meiner Meinungsfreiheit sowie der Presse-, Rundfunk- und Medienfreiheit «und Artikel 11 EU-Grundrechtecharta (GRCh) für die freiheitliche demokratische Grundordnung zu unterstützen».

Ich weiss nicht mehr, um welche ungebetenen Informationen es dabei ging, aber ich weiss: Die nackte Wahrheit ist für PR das, was das Glück für Heinrich Heine war: eine leichte Dirne. Es tut mir leid, wenn ich das hier so deutlich sagen muss, denn in der Regel kommt ja durch PR-Gequassel niemand ernstlich zu Schaden, im Gegenteil, manch gute Frau isst ihr Brot davon. Aber zu behaupten, man würde beispielsweise mit der wortreichen Vermarktung von Luxusreisen einen aktiven Beitrag für die freiheitlich demokratische Grundordnung leisten, geht ein bisschen weit. Selbst für PR. Gerade die PR-Branche sollte wissen, wann sie sich lächerlich macht.

Freiheit im Newsletter

Die Philosophin Rahel Jaeggi ist der Auffassung, der Kapitalismus lasse sich auf drei Ebenen kritisieren, nämlich a) funktional (also anhand seiner eventuell endemischen Krisen), b) moralisch (also bezüglich der Ressourcenverteilung bzw. dem, was manche Leute «Ausbeutung» nennen) und schliesslich: c) ethisch, nämlich anhand der Frage: Ist der Kapitalismus eine Lebensform, die für uns taugt?

Hinsichtlich dieser letzteren Frage können selbst Anhänger der freien Marktwirtschaft (wie ich) skeptisch werden, wenn eine PR-Agentur auratische Begriffe wie «freiheitlich demokratische Grundordnung» für die Versendung ihres Reklame-Newsletters trivialisiert. Weil das ungefähr so ist, als würde sich Facebook als Durchsetzer der EU-Grundrechtecharta verstehen.

2 Kommentare zu «Die Seele von Public Relations»

  • Rolf Rothacher sagt:

    Rahel Jaeggi würde ich antworten:
    a) Der Sozialismus kennt weitaus mehr Krisen, da Güterherstellung und -verteilung nie funktioniert, da zentrale Steuerungen einer dezentralen immer unterlegen sind.
    b) Der Sozialismus verteilt Ressourcen schlechter als der Kapitalismus, wie UDSSR, Kuba oder Venezuela zeigen. Alle sozialistischen Länder verarmten finanziell und technisch, weil der Antrieb für Sonderleistungen mehrheitlich fehlt.
    c) Fast alle im Sozialismus lebenden Menschen streben nach Änderungen. Schon Adam/Eva entschieden sich gegen die Rund-um-Versorgung von Gott, assen vom Baum der Erkenntnis, wollten sich weiterentwickeln. Der Kapitalismus entspricht der Natur des Menschen, der Sozialismus der Natur der Ameise.

  • Kristina sagt:

    Jede Menge Kommunikation.
    Sind Sie darauf vorbereitet? Wenn ich dann beim Tagesanzeiger nach meinen persönlichen Daten frage? Wo soll man sich da melden? Wo bekomme ich eine Rechnungskopie? Gilt meine Kundennummer noch? Was passiert beim Datenabgleich, wenn nichts passiert? Was, wenn ich ein neues Profil eröffnete?
    Es gibt jede Menge zu tun.

Kommentar

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