Besitz als Idol

Was brauchen wir dringender: Weniger Moral in der Politik oder weniger Privateigentum?

Identitätspolitik ist Indienstnahme der Politik zur moralischen Validierung: Trump-Fan mit Fahne. Montage: Laura Kaufmann

Eigentlich wollte ich was über den sogenannten Frugalismus schreiben, meine Damen und Herren, aber das Thema ist einfach zu langweilig. Philosophisch interessanter bleibt demgegenüber die Frage, ob es ethisch beziehungsweise moralisch bedenklich sei, Eigentümer von Dingen zu sein, die man nicht benutzt.

Diese Frage, die eine alte Frage ist, taucht jetzt vermehrt wieder auf im Zusammenhang mit Immobilien, die zu Spekulationszwecken leer stehen, begleitet von der Frage, ob man Boden nicht, wie Luft, als Gut behandeln sollte, an dem kein Privateigentum möglich ist.

Die Frage nach der Moral von Eigentum betrachtet dieses meist als Idol. Idolatrie passiert dann, wenn etwas, was eigentlich nur ein Abbild, ein Vehikel, ein Mittel zum Zweck ist, selbst zum Quell der Sinngebung, Bindung oder emotionalen Besetzung wird: ob das nun Besitz, Konsum, Geld, Technologie, Alkohol oder sonst was sei.

Politik als Heilmittel

Das Interessante an der Epoche, in der wir leben, ist eine Verschiebung, in der auch Politik zum Idol wird. Und zwar in dem Sinne, dass auf der Ebene des alltäglichen politischen Geschäfts immer mehr ein Politikverständnis vorherrschend wird, das «Politik» nicht mehr als strategisches, pragmatisches, problemlösungsorientiertes Handeln versteht, sondern als Heilmittel für spirituelle und soziale Bedürfnisse wie Einbindung, Identifikation, Heimat, zum Beispiel.

Es handelt sich hier um eine Indienstnahme und Kulturalisierung der Politik zur moralischen Validierung, die am stärksten in den Ansätzen der sogenannten Identitätspolitik zum Ausdruck kommt. Identitätspolitik, ob von links oder von rechts, hat ja nichts mit Individualität zu tun, eher im Gegenteil: Es geht um die Erfahrung von als essenzialistisch begriffenen Wesensmerkmalen, die man mit anderen teilt oder zu teilen vermeint. 

Identität heisst für Identitätspolitik immer Gruppenidentität, sie ist essenzialistisch, nicht individualistisch, und insofern vormodern, als es für dieses Verständnis von Politik wichtiger ist, was man ist oder zu sein glaubt, als was man kann oder erreichen möchte. Es werden Emotionen der Vertrautheit und Gemeinsamkeit hergestellt, aber regelmässig auf Kosten anderer, durch Abgrenzung. Weniger die mutmasslichen eigenen Benachteiligungen, sondern vielmehr die vermeintlichen Privilegien der anderen werden als Problem gesehen. So heisst die Antwort nicht Freiheit, sondern Repression.

Anschluss statt Ohnmacht

Identitäres Denken, ob von rechts oder von links, ist natürlich ein Reflex auf vielfältige Ohnmachts- und Ausschlusserfahrungen, aber es ist nicht einfach die Gehässigkeit der Machtlosen, die hier zum Ausdruck kommt, sondern auch eine Sehnsucht nach Transzendenz. Die Sehnsucht nach Bezug zu einer über-individuellen Grösse, nach Übersetzung des kleinen Ichs ins grosse Ganze.

Was nun die Rekonfigurierung von Boden als öffentliches Gut angeht, wäre also die Frage, ob man das eher pragmatisch oder mythisch begründet. Im letzteren Fall hätte ich dann doch lieber die Idolatrie von Eigentum.

8 Kommentare zu «Besitz als Idol»

  • Ernst Menet sagt:

    Menschen haben eine komplexe Identität; sie sind Individuen und Teile diverser Gruppen. Gruppenidentitäten sind zwar, wenn sie im Anspruch totalitär werden, gegen das Individuen gerichtet. Dennoch sind Gruppenidentitäten zugleich auch konstitutiv für die Bildung von individueller Identität. Auch die Erfahrung der „Übersetzung des kleinen Ichs ins grosse Ganze“ ist zunächst keineswegs zu diffamieren, sondern existentiell wichtig. Politik war nie nur ein rein pragmatisches, lösungsorientiertes Handeln ohne Identitätsaspekte. Zu kritisieren ist erst der Anspruch, das Partikuläre sei das Allgemeine, d.h. irgendeine ethnische/kulturelle/religiöse Gruppenidentität stehe über demokratischen Regeln oder über den Verfassungsnormen. – Die Kritik an der Moralisierung der Politik teile ich hingegen.

  • Edi sagt:

    Sehr interessanter Kommentar! Existentiell wichtig ja, aber nur wenn die „Erfahrung“ nicht essenziellen Gehalt hat. Aber das tönen Sie mit „ethnische/kulturelle/religiöse Gruppenidentität“ selbst an. Demokratische Regeln sind nicht zwingend, denn es gibt noch die konstitutionelle Monarchie (vgl. FL). Da ist indes nicht gewährleistet, dass sich der Monarch nach einer Essenz richtet. Aber spielt das eine Rolle, wenn der Staat so verfasst und verfassungsrechtlich geschützt ist? Nein. Schlimmer sind Gruppen, die sich einer „reinen“ Demokratie essenziell geben und „ewigs“ nur darüber labern. Übrigens kenne ich manche Politiker, die pragmatisch und lösungsorientiert handel(t)en, sogar unter bewusster Ablegung von „Identitätsaspekten“. Richtig ist, dass diese seltener werden. Schade!

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