Bäume umarmen

Der Ruf der Natur?

Alles schon mal dagewesen, irgendwie. Montage: Laura Kaufmann

Die Warenwelt ist nicht nur glitzernd und verheissungsvoll, meine Damen und Herren, sie ist auch komplex, verwirrend und belastend. Nichts kann nervtötender und zeitaufwendiger sein als die Optimierung von Konsumentscheidungen, wie jeder weiss, der sich schon einmal für eine Waschmaschine oder Lichtschalter entscheiden musste. Und dann guckt der spätmoderne Mensch aus dem Fenster und fragt sich: «Was ist eigentlich noch einfach? Wo gehts eigentlich noch einfach und ursprünglich zu?» Die Antwort scheint ihrerseits einfach: Draussen. In der Natur.

Das geheime Leben

Oder doch nicht? Seit langer Zeit verkauft ein Förster sehr gut Bücher, dessen Werk sich mit dem «geheimen Leben der Bäume» befasst. Ein Titel, der offenbar eine Sehnsucht bedient: die nach der Beseelung der Natur. Es ist dies eine romantische Sehnsucht, die weiter geht als Kompensation des Naturverlusts für Grossstädter, weiter als die Langeweile der Besitzenden, weiter als das sinnsuchende Bekenntnis einer Zeit, in der jener zerstreuungsbedürftige, nervöse, selbstfixierte Typus des urbanen Menschen auch in der Provinz überall auf den Plan tritt.

Die Natur wird dabei selbst zur Ware, aber da ist lediglich ein Nebeneffekt, den wenige bemerken, denn er versinkt vor dem grossen Antrieb: Wenn schon die Begegnung mit Mitmenschen in der beschleunigten digitalen Konsumgesellschaft oft unbefriedigend und virtuell ausfällt, wenn daneben und darüber hinaus der Wettbewerb als Interaktionsmodus Bereiche wie Beziehungsanbahnung und Freundschaftspflege übernimmt, dann wächst und wuchert und exuberiert das Verlangen nach sinnbehafteter Begegnung mit anderen Lebensformen und Mitgeschöpfen. Also vertiefen wir uns in die Pflanzenwelt. Also lernen wir die Gewächse kennen. Vor allem als Schlüssel zum eigenen Selbstverständnis natürlich, denn jedes Phänomen in der Welt muss und soll dem spätmodernen Konsumbürger zunächst als Schlüssel zum eigenen Selbstverständnis dienen.

Der Baum kann nicht weglaufen

Auch der Florentiner Botanik-Professor Stefano Mancuso bescheinigt den Pflanzen in seinen Büchern eine Art von Intelligenz, eine Art von Gefühlen und eine Art von kommunikativen Fähigkeiten: Die Pflanzennetzwerke sind ihm ein Vorbild für ideale Strukturen menschlicher Entscheidungsfindung. Und wenn also die mitfühlende Innenwelt dieser mitentscheidenden Mitmenschen irgendwie hinter den Erwartungen zurückbleiben sollte (und wann täte sie dies nicht), kann man sich immer noch der fühlenden Innenwelt der Photosynthese betreibenden Mitgeschöpfe zuwenden. Und einen Baum umarmen.

Alles schon mal dagewesen, irgendwie. Der Baum kann vor dieser Art von Konsumation auch nicht weglaufen. Kulturell gesehen hingegen ist dieser Konsumwunsch nach gefühliger Natur wohl vor allem wieder einmal ein weiteres Zeugnis des umgreifenden Ironieverlustes in der Spätmoderne, einer asketischen Kulturentwicklung, wie der Philosoph Robert Pfaller sagen würde, von erwachsener Ironie hin zu kindlichem Ernst. Ernst wie eine Trauerweide.

10 Kommentare zu «Bäume umarmen»

  • Armin sagt:

    Aus Ihrer Rede, Herr Tingler, tönt der spätmoderne Abgesang des Untergangs des Abendlands (Spencer), ein altes Lied etwa so wie „He is a jolly good fellow“, aber mit dem Unterschied, dass die es vor 100 Jahren wirklich ernst meinten, während wir heute den im Verhältnis dazu noch gesteigerten Ernst der Ironie der all dîeses wissenden Spätgeborenen ertragen müssen. Sollte es sowas wie die Ironie der Ironie geben, und Niklas Luhmanns Theorie der Gesellschaft setzt dies voraus, dann sind Sie, Herr Tingler, bereits ein Vertreter dieser noch nicht sehr verbreiteten Spezies des spät-spät-modernen Menschen. Ich umarme zu derem Glück keine Bäume (wäre es nicht eine Art sexueller Belästigung?), mein Problem ist eher, dass ich seit einiger Zeit keine Menschen mehr umarme, ohne unglücklich zu sein.

  • Eduardo sagt:

    Dr. Philipp Tingler, kühnes Streitross des parfümiert-wohltemperierten Kulturmarxismus, schlägt, um den Ansprüchen seines linksintellektuellen Publikums auch immer garantiert zu genügen, stets in alle Richtungen aus 😉

    Das ist doch interessant: Im Artikel wird der „umgreifende Ironieverlust in der Spätmoderne“ bedauert, aber Ironie ist offenbar auch hier völlig unerwünscht. Nanu, warum so viel kindlicher Ernst? 😉

  • werner boss sagt:

    Man könnte auch versuchen dieses Thema ein wenig allgemein verständlicher aus zu drücken. Wer kommt auf die Idee einen Baum zu umarmen? Aus meiner Sicht jemand der Halt sucht, aber nicht irgend ein Halt, sondern ein neutraler, achtungsheischender, (scheinbar) unbezwingbarer und gleichzeitig lebensbejahender. Was würde sich da besser eignen als ein altehrwürdiger Baum, welcher stumm jedem Sturm widersteht, uns alle überlebt und sich nicht darum kümmert, was gerade Mode sein sollte.

  • Edi sagt:

    „Exuberieren“ ist ein cooles Wort. 🙂

    • Edi sagt:

      Lateinisch „uber“ heisst im Deutschen als Wie-Wort nicht nur „reich“ und „fruchtbar“, sondern als Was-Wort auch „Euter“, dessen Kenntnis, die durchaus selbstfixiert nach aussen – in die Stadt (vgl. https://urbani.me) – getragen werden kann, der angeblich provinziellen Landwirtschaft entspringt.

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