Vergessen Sie gute Vorsätze

Eine Vorsatzkritik zum Jahresabschluss.

Jedes Silvester werden wieder mutig gute Vorsätze gefasst. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen, meine Damen und Herren, und jetzt beginnt wieder dieser Stress mit den Vorsätzen. Ich sage nur: #resolutionfail. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich glaube an die Kraft des Vorsatzes und die Tugend der Selbstverbesserung. Zum Beispiel würde ich mir von Herzen wünschen, dass im neuen Jahr viele Menschen weniger über irrelevante Filmpreise oder ihren persönlichen Bezug zu Tibet reden würden. Oder sich dies wenigstens vornähmen. Doch nicht jeder Vorsatz ist ein guter. Es folgen in einer nicht abschliessenden Liste fünf Kategorien von Vorsätzen, von denen ich dringend abrate. Rechtzeitig vorm Jahresende, damit Sie noch Gelegenheit haben, die Sache zu überdenken. Auf gehts:

  1. Schrittzählerziele

    Sogenannte Fitbit-Vorsätze gehören in eine Kategorie mit Freundeszielen auf Facebook oder Zielquotienten von Tweets und Followers auf Twitter. Ich will nicht hartherzig klingen, aber dieses quantitative Paradigma der Selbstoptimierung grenzt scharf an metaphysische Dummheit.

  2. Lektüreziele

    Wenn immer Leute mir sagen: «Jetzt will ich endlich den ganzen Shakespeare lesen!», frage ich stets: «Warum?»

  3. Berühmtheitsziele

    Wirklich? Sie wollen immer noch berühmt werden? Berühmtheit als Lebensmodell verrät ein Transzendenzdefizit und endet regelmässig im Dschungelcamp des Privatfernsehens. Wenn Sie Glück haben.

  4. Anlageziele

    In unseren unsicheren Zeiten scheint mir als Geldvermehrungsziel einzig noch relevant: die Karl-Lagerfeld-Doktrin. Von Herrn Lagerfeld stammt nämlich der Satz: «Geld muss aus dem Fenster, damit es durch die Tür wieder reinkommt.» Und so schlecht ist er ja nicht damit gefahren.

  5. Selbsthilfeziele

    Hier meine ich so hartnäckige Klassiker wie: «Lebe jeden Tag, als ob es der letzte wäre». Hashtag: Yolo. Ich werde Ihnen jetzt mal was sagen; Sie müssen dafür tapfer sein: Niemand lebt nach dieser Regel. Nicht mal Keith Richards. Denn sie geht nur ein einziges Mal auf. (Und zwar umso früher, je strenger Sie sich an sie halten.) Falls Sie unbedingt ein Selbsthilfeziel brauchen, empfehle ich wieder einmal: «Mache 15 Minuten nach dem Aufwachen erst mal gar nichts.»

7 Kommentare zu «Vergessen Sie gute Vorsätze»

  • Christine Kaufmann sagt:

    Tinglers Fünf lesen – und der Tag beginnt gut!
    An dieser Stelle herzlichen Dank für die wunderbaren Lesemomente, die Sie mir auch dieses Jahr wieder geschenkt haben.

  • R. Wenger sagt:

    Vor vielen Jahren habe ich einen Vorsatz gefasst, an den ich mich eisern gehalten habe: Nie gute Vorsätze fassen.

  • Brigite Werneburg sagt:

    Super Hinweise zur Vorsicht. Besonders Punkt 5 gefällt mir ausserordentlich gut. Vor allem wegen den berühmten 15 Minuten, die endlich mal einer sinnvollen Idee gelten.

    Herzlich

  • doris sagt:

    Hab nur eine kurze Frage, was mein Sprachverständnis anbelangt. Sagt man jetzt auch in der Schweiz „das“ Silvester und „das“ Weihnachten? War mal der Silvester und die Weihnacht. Sehe diese Neuerung auch auf Plakaten in der Innenstadt: Für ein schönes Weihnachten.

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