Drangsaliert uns die Skinny Jeans?

Wenn die Dinge die Herrschaft übernehmen.
Foto: istock / Montage: Raisa Durandi

Diese Hose schüchtert manche ein: Die Skinny Jeans. Foto: istock / Montage: Raisa Durandi

Gerade war wieder Fashion Week in Berlin, meine Damen und Herren, eine Veranstaltung, von der ich ja hartnäckig behaupte, sie sei ein Widerspruch in sich, aber dies nur am Rande. Anlässlich besagter Fashion Week nun fand ausgerechnet in der Berliner Volksbühne, diesem hochsubventionierten publikumsfernen Palast der Komplexitätsverweigerer, eine Podiumsdiskussion zum Thema «Skinny Jeans» statt. Ja, Sie haben richtig gelesen. Nein, Karl Lagerfeld war natürlich nicht dabei. Ich bitte Sie. Ich war auch nicht dabei, weil ich mich lieber eingenagelt in einer Kiste in den Resten des Aralsees versenken lassen würde, als an der Berliner Volksbühne an einem Skinny-Jeans-Podium teilzunehmen; aber ich weiss, was anschliessend mit Bezug auf diese Veranstaltung über die Skinny Jeans in der deutschen «Tageszeitung», kurz TAZ, zu lesen stand.

Die Skinny Jeans sei ein «Werkzeug der Beschämung», stand dort zu lesen. Und weiter: «Darin liegt die Ironie: Eine Hose, die in den 50er-, 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts als popkulturelles Zeichen der Unangepasstheit galt, ist zum Werkzeug der Beschämung geworden. Im Sinne der Leistungsgesellschaft ist das ein Aufstieg. Die Hose wird zum Fitnesstool, nach Elastan-Anteilen und Schwierigkeitsgraden gestaffelt. Angeblich kann sie jeder tragen. In Wahrheit werden unablässig ‹falsche Körper› produziert. Der Hüftspeck steht über dem Hosenrand, wie dem Hohn der Leute preisgegeben. In der U-Bahn fragen sie sich, ob dieses Styling denn wohl sein musste. Die Körper- und Bewegungssoziologin Melanie Haller erklärt den Zusammenhang, das Embodiment der Mode: Auch die Skinny Jeans ist nicht einfach Anziehsache, sondern selbst schon ein Körper, der die meisten realen Körper zu normativen Antibildern degradiert. Auf die Demütigung antwortet die Arbeit, oder, wie im Falle Kim Kardashians, die schiere Investition, die sich […] allen demokratischen Grundsätzen entzieht. Diese Silhouette kann sich nicht jeder leisten. Die Skinny Jeans droht zum Claqueur, zur geheimnislosen Opportunistin an der Seite eines narzisstisch-feudalen Ichs zu werden.»

Please.

Es ist ganz einfach: Zur Beschämung gehören immer auch Leute, die sich beschämen lassen. Und Konsumentensouveränität heisst auch: sich nicht von Sachen beherrschen zu lassen. Wer sich von einer Hose einschüchtern lässt, hat ganz andere Probleme als ein narzisstisch-feudales Ich. Aber, da wir gerade von «narzisstisch-feudal» sprechen: Ich wüsste eine schöne neue Inszenierung für die Volksbühne: Claus Peymann versucht ein Paar Skinny Jeans.

13 Kommentare zu «Drangsaliert uns die Skinny Jeans?»

  • Jean-Claude sagt:

    Bei Jeans bin ich seht konservativ. Bereits über 60 trage ich immer noch die gleiche Marke, wie mit 18. Schon nicht mehr die gleiche Grösse. Mit 18 hatte ich eine 37. Und diese Halbgrössen bekam ich bei Lee Cooper. Ausserdem passt sie gut zu meinem Körper. Angenehm zu tragen. Bequem. Mit Levis sehe ich wie in einem Sack aus. Es geht aber auch amerikanisch. Lee sind ähnlich geschnitten, wie Lee Cooper. Für mich bequem: nur nach Grösse kaufen. Also zw. 40-42. Form Zigarette.

  • Ivo sagt:

    So lange die Mode von irgenwelchen älteren Herren bestimmt wird, haben wir solche Undinge wie Skinny-Jeans zu ertagen. Als Sportler mit entsprechend stark ausgepräger Beinmuskulatur ist das Hosen kaufen zur Zeit ein echte Qual! Ich freue mich auf den Tag wo sich dies ändert.

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