Alle sind Künstler

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Wir leben in einer Gesellschaft, meine Damen und Herren, in der nicht nur die Warenwelt zum Ort wurde, wo ästhetische Satisfaktion und Selbsterhellung gesucht werden, sondern oft genug das Warenpublikum inzwischen emanzipierter und anspruchsvoller geworden ist als das Kunstpublikum. Die Kunst ihrerseits leidet an Kommodifizierung und Korruption und hat jedenfalls ein Reputationsproblem. Eine ganz ausgezeichnete Reputation hingegen geniesst: der Typ des Künstlers.

Jeder will ein Künstler sein. Der künstlerische Lebensentwurf ist zum massenhaften Rollenideal der spätmodernen Gesellschaft geworden. Kunst bedeutet, symbolisch zu denken. Das heisst: Kunst hat zur Wahrheit a priori gar kein Verhältnis, jedenfalls nicht zur materiellen Wahrheit, die sagt, ob eine Beschreibung der Welt wahr oder falsch sei. Stattdessen bezieht sich Kunst, sofern sie diesen Namen verdient, auf die metaphysische Wahrheit, indem sie eben grenzüberschreitende Inhalte, also: Transzendenz anbietet. Die Idee des Manierismus und später der Romantik, wonach Kunst nicht zuletzt als Selbsterschaffung des Künstlers aufgefasst wird, als ein spezifisches Verhältnis von Imitation und Korrektur, in dem der Künstler der Kontingenz der materiellen Wirklichkeit gegenübersteht – diese grundlegend ästhetizistische Idee ist zum Selbst- und Weltauffassungsideal breitester Kreise geworden. Jedermann hat heute die Möglichkeit, sein eigenes und auch fremder Leute Dasein zu ästhetisieren, sich zur Wirklichkeit in ein künstlerisches Verhältnis von Imitation und Korrektur zu setzen. Und sei es nur durch einen Instagram-Filter.

Der hohe Stellenwert des Visuellen in unserer Gegenwart, der Stellenwert des Inszenatorischen und Scheinhaften ist ein Zug unserer Zeit, in dem der Philosoph Wolfgang Schivelbusch eine «digitale Entwirklichung allen tatsächlichen Geschehens» erkennt. Fest steht: In seiner Fixierung auf die eigene digitale Repräsentation wird dem spätmodernen Subjekt in der Tat das Selfie zur Sinnverlautbarung, in der es immer auch um Selbsterschaffung geht: Dem Individuum wird seine (mutmassliche oder gefühlte) Einzigartigkeit zur verpflichtenden Aufgabe. Das allererste Selfie stammt schliesslich von Narziss.

Jeder fühlt sich heute als Künstler. Mit sämtlichen Idealzuschreibungen, die dazugehören, allen voran: Authentizität und Unkonventionalität und Kreativität. Jeder erfindet sich selbst jeden Tag neu, umstellt seine Existenz mit Hilfskonstruktionen aus den Welten des Konsums und Rollenversatzstücken, die allesamt dem Götzendienst am Ich zu dienen scheinen: Das Selbstschöpferische erscheint jedenfalls als Leittugend der Digitalmoderne und der Künstler als Rollenmodell für die Ichdarstellung. Die Biografie wird zum Projekt. Aus dem Leben ist ein Kunstwerk zu machen: Lebenswelten und -formen werden ambitioniert durchästhetisiert, und das Pathos der Selbsterschaffung richtet sich auf die beiden grossen Ziele der Postwachstumsgesellschaft: Spass und Glück.

Während also, wie wir gesehen haben, das Wesen der Kunst ein grundlegend anderes geworden zu sein scheint, lebt interessanterweise ein traditionelles Künstlerbild weiter, und zwar als Massenideal. In diesem seinem Idealbild ist der Künstler sich selbst absolut. Genau das strebt der spätmoderne Mensch an – wenigstens dem Bilde nach. Das Grundversprechen der Moderne, deren Verheissung, ist Selbstbestimmung. Und für die an Visualität ausgerichtete Kultur unserer spätmodernen Tage heisst das: Das Leben mag schön sein oder schlecht; wesentlich ist das Bild, das man sich von ihm macht. Und verbreitet. Ein Erlebnis ist nicht abgeschlossen, wenn es nicht «ausgedrückt», das heisst, anderen mitgeteilt wird. Im Grunde wird es dadurch erst wirklich. Eine Identität ist keine Identität, wenn sie nicht mit anderen geteilt und zumindest partiell von anderen bestätigt wird. So wird Erleben verdichtet und in eine ästhetische Form gebracht. Und sei es nur durch einen Instagram-Filter.

Bild oben: Erst durch das Mitteilen wird die Realität real. (Maelick/Flickr)