Peinliche Phasen

bowie

David Bowie, meine Damen und Herren, war ein grosser Künstler. Aber auch er hatte peinliche Phasen. Niemand hat das deutlicher festgestellt als er selbst, der immer wieder darauf hinwies, dass die Achtzigerjahre eigentlich ein schlimmer Abschnitt gewesen seien – obschon Bowie erst in den Achtzigern richtig kommerziell erfolgreich wurde. Alben wie «Heroes» von 1977, die seinen Ruhm begründeten, verkauften sich nämlich nicht gut. Wenigstens hatte Bowie das Privileg, sich seine peinliche Phase mit Mick Jagger zu teilen. Ihr gemeinsames Video «Dancing in the Street» von 1985 ist eines der peinlichsten in der Geschichte der Popmusik. Obschon es nicht einmal drei Minuten dauert, ist es unmöglich am Stück ansehen, weil die Qualen zu gross werden. Ich habe es eben wieder versucht. – Oh ja, peinliche Phasen. Diese Lebensabschnitte, die man in der Rückschau lieber ein bisschen mit Vergessen und Verschönerung ummäntelt. Sie sind Zeichen und Wegmarken der Entwicklung, der Bewegung, des Grundprinzips des Lebens. Es gab Phasen in der Geschichte der Popkultur, die in der Nachbetrachtung kollektiv als peinlich empfunden wurden, und zwar in der Regel immer von der direkt anschliessenden Dekade. Dann gab und gibt es peinliche Phasen, die ganze Landstriche durchmachen, zum Beispiel Ostdeutschland oder Österreich. Auch Labels und Marken erlebten peinliche Phasen, etwa Chanel oder Audi. Und hier kommen noch ein paar weitere Beispiele:

  1. Madonna

    Die True-Blue-Phase (in diese fällt auch das schlimmste Madonna-Stück aller Zeiten: «La Isla Bonita»).

  2. Justin Timberlake

    Hier (wie zum Beispiel auch bei Lindsay Lohan) ist es im Grunde leichter, die coole Phase zu identifizieren, um die herum dann alles peinlich ist. Die coole Phase von Justin Timberlake war die «Justified»-Phase und starb während «FutureSex». Augenblicklich ist er wieder auf Disney-Niveau.

  3. Dr Dre

    Am 28. Mai 2014 gab Apple bekannt, den Audiotechnik-Hersteller Beats Electronics für 3,2 Milliarden Dollar zu übernehmen. Damit begann eine peinliche Phase für den Rapper, Hip-Hop-Produzenten und Beats-Gründer Dr Dre a.k.a. André Romell Young, die bis heute andauert.

  4. Die Zürcher Street Parade

    Ob Sie’s glauben oder nicht: die Street Parade war mal ganz cool. Vor langer, langer Zeit. Peinlich seit 1997.

  5. Polo Hofer

    Diverse peinliche Phasen in seiner ungefähr hundertjährigen Karriere. Aber er fängt sich immer wieder, der Polo Hofer. Nicht wahr?

Ein Privileg: David Bowie hatte das Glück, seine peinliche Phase mit Mick Jagger zu teilen. Foto: Screenshot aus dem Clip «Dancing in the Street»

«Tinglers Fünf» erscheint immer sonntags im Blog Mag und gleichzeitig in der «SonntagsZeitung».

7 Kommentare zu «Peinliche Phasen»

  • Jacques sagt:

    Manche hatten solchen ‚peinlichen Momenten‘ auch vorgebeugt. „Live Fast, Love Hard, Die Young“; wie Janis Joplin, Jim Morrison, Jimi Hendrix u.a. vom Klub 27. Nicht jeder hat die Lebens-Balance eines Leonard Cohen. Polo Hofer hat immerhin ein beachtliches Lebenswerk produziert; trotz ‚Travailler c’est trop dur‘. Mick Jagger ohne die Stones wirkte immer etwas ’nackt‘.

  • Benedikt Gfeller sagt:

    jaja, vor zehn Jahren war die Bowie-Früh-80er-Zeit sehr hip, 2016 bemühen sich alle darum, möglichst pointiert das Gegenteil zu behaupten. Meine Meinung zu zeigt Bowie in genanntem Video von 2:02 -2:15.
    Madonnas schlimmstes Stück ist weder „La Isla Bonita“ noch ist das True Blue-Album schlecht, ganz im Gegenteil! „Papa Don’t Preach“, „Open Your Heart“ (bestes Video sowieso!) und besonders „Live To Tell“ gehören zu den ganz grossen Songs dieser fantastischen Performerin!

  • Kristina sagt:

    Living next door to Alice. Lieber Starvation Diet. So furry.

  • Marc Keller sagt:

    Swiss Music Award. Wird von Jahr zu Jahr immer peinlicher.

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