Reiseführer durch die Hölle

Crocs-Investment

Die Hölle, meine Damen und Herren, ist zweifellos der heisseste Ort aller Zeiten (und jenseits der Zeit). Hinzukommen ist nicht so schwer. Aber wie findet man sich dort zurecht? Es gibt immerhin neun Kreise. Hier ist Ihr Reiseführer:

  1. Anreise

    Hinzukommen ist, wie gesagt, nicht so schwer: am direktesten führt der Weg der ständigen Sünde (ohne jede Reue), der sogenannte Lady-Macbeth Expressway. Ist jedoch oft überlastet. Der Lebensweg der gelegentlichen Ausrutscher in Kombination mit mangelnder Einsicht und fehlendem Besserungsvermögen (Lindsay-Lohan Boulevard) ist wohl die entspanntere Alternative. Wie dem auch sei, wenn Sie mal auf dem Weg sind, brauchen Sie nichts mitzunehmen. Man wird Sie entsprechend ausstatten. Beim Grenzübertritt müssen Sie ein wenig aufpassen: Es gibt nämlich nicht nur ein Höllentor, sondern im Grunde neun: drei aus Messing, drei aus Eisen und drei aus brennendem Diamant. Sie erkennen das erste Tor aber an seiner Inschrift: «Abandon all hope, ye who enter here». (Beziehungsweise «Lasciate ogne speranza, voi ch’intrate» oder «Omnes relinquite spes, o vos intrantes» – die Hölle ist kosmopolitisch, polyglott und multilingual.) Achten Sie auch auf plötzliche Feuerfontänen und bremsen Sie bitte unbedingt für die dreiköpfigen Höllenhunde. Und nehmen Sie keine Anhalter mit: In der Vorhölle, am obersten Rand des Höllentrichters, drängen sich nämlich die lauen Seelen, das Jammervolk, das nie recht lebend war, die Gleichgültigen, im Leben zu träge, sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden. Die will weder der Himmel noch die Hölle haben.

  2. Sehenswürdigkeiten

    Bereits die Landschaft ist einzigartig: Bodenlose Schluchten, feuerspeiende Berge, blutglutrote Fluten, dunkle Wälder und erfrischende Winde von gelegentlicher Orkanstärke sind nur ein paar der atemberaubenden Attraktionen der Hölle. Das international bevölkerte Städtchen Dis beginnt im sechsten Höllenkreis an den malerischen Gestaden des Flusses Styx. In Dis, wo immer die Sonne scheint (um nicht zu sagen: brennt), werden unter anderem Crocs-Schuhe hergestellt (einer der Hauptexportartikel der Hölle) und CDs eingeschweisst. Hier beginnt zugleich die Untere Hölle. Der Verkehr ist natürlich eine Herausforderung (siehe unter 3.). Dafür werden Sie an jeder Ecke (bzw. in jedem Zirkel) bekannte, berühmte Gesichter sehen. Einer der grössten Anziehungspunkte ist Satan höchstselbst. Sie finden ihn im neunten Kreis, der Eishölle, dem eigentlichen Zentrum. Er ist leicht an seinen drei gehörnten Häuptern zu erkennen, deren Mäuler fortwährend, von Ewigkeit zu Ewigkeit, die drei schrecklichsten Sünder zermalmen. An den Zotteln Satans sich festhaltend, sieht man bei guter Atmosphäre bis auf den Läuterungsberg auf der anderen Seite des Erdmittelpunktes. Leider ist die Atmosphäre selten gut.

  3. Abreise

    niemals

  4. Verkehr

    Der Verkehr ist wie gesagt eine ziemliche Herausforderung, obschon die kartografische Grundstruktur des Höllenschlundes eigentlich sehr simpel ist: Es handelt sich um einen aus neun konzentrischen Kreisen bestehenden Einschlagkrater, den Satan bei seinem Sturz aus dem Paradies hinterlassen hat, und zwar in der Form eines sich nach unten verengenden Trichters; je tiefer es hinabgeht, umso kleiner werden die Kreise, aber umso grösseres Weh umschliesst sie. Zusätzlich gibt es die erwähnte Unterscheidung in Upper Hell (1. bis 5. Kreis) und Lower Hell (6. bis 9. Kreis), die ungefähr der Unterscheidung von Upper und Lower Manhattan entspricht. Die schlimmsten Rowdys finden sich im 8. Kreis, wo unter anderem böse Ratgeber, Zwietrachtstifter und professionelle Lügner versammelt sind. Meiden Sie diese Gegend. Parkverbote finden sich freilich überall, besonders im 2. Kreis, wo die Wollüstigen gepeinigt werden, sowie im Kreis 5, Heimstatt der Jähzornigen und Trägen. Achten müssen Sie hier auch auf ungünstige Strassenverhältnisse infolge des Stygischen Sumpfes. Weitere neuralgische Punkte sind der Tantalos-Kreisverkehr und das Sisyphos-Parkhaus mit seinem berüchtigten Find-Your-Car-Automaten sowie der gesamte 3. Höllenkreis, der ständig von ewigem, kaltem, gottverfluchtem Regen überschauert wird, was die Sicht stark einschränkt. Ein Nadelöhr auch die notorisch unzuverlässige Fähre über den Höllenfluss Acheron. Leihwagen sind momentan noch nicht verfügbar, ihre Einführung wird aber erwartet, sobald Dolores, die momentan noch am Avis-Stand am Flughafen in Houston arbeitet, in der Hölle auftaucht.

  5. Abschliessende Bewertung

    Wir wollen abschliessend nicht verschweigen, dass die Hölle nicht für jedermann ist. Entsprechend variieren auch die Bewertungen, von «there is no place like hell» bis «immer noch besser als Appenzell».

Bild oben: Crocs-Schuhe sind einer der Hauptexportartikel der Hölle, zu finden in Dis, wo immer die Sonne scheint. (Foto: Keystone)

10 Kommentare zu «Reiseführer durch die Hölle»

  • Philipp Rittermann sagt:

    der wahre horror ist der alltags-horror! die hölle beginnt dort, wo der verstand endet.

  • Meinrad Angehrn sagt:

    Ein aufschlussreicher Text! — Heute zwar etwas abgeschmackt, aber immer noch reizvoll Garcin: «Also das ist die Hölle. Ich hätte es nie gelaubt … Wisst ihr noch: Schwefel, Scheiterhaufen, Rost … Was für Albernheiten. Ein Rost ist gar nicht nötig, die Hölle, das sind die andern.» (Jean-Paul Sartre, Geschlossene Gesellschaft, neu übersetzt von Traugott König, Reinbek bei Hamburg 1986, neu aufgelegt 1995, Seite 59)

    • Katharina I sagt:

      …die Hölle, das sind die andern. So ist es. Es gibt natürlich auch Ausnahmen. Herr Tingler zum Beispiel ist eher himmlisch. 😎

  • Holger sagt:

    Ach Dr. Tingler, Sie sind einer der wenigen Menschen, auf die wirklich noch Verlass ist!
    Da merke ich, dass das eigene Entsetzen über die pure Existenz von „Crocs“ immer unerträglicher wird, weil immer mehr Menschen sich dieses Plastik an die Füßen tun. Und keiner sagt etwas dazu …
    Dabei gehört das zu den absoluten No-Gos des 21. Jahrhunderten und ist bestenfalls an Felsenstränden tolerierbar.
    Ich hatte mich schon in meiner stillen Verzweiflung eingerichtet.
    Aber wie gesagt: Auf Sie ist Verlass! Ihr stilkritisches Auge übersieht nichts.
    Dank sei Ihnen, dass Sie ein stilles Leiden beenden!

  • drmama sagt:

    ad 1) fehlt noch der Geri-Müller-Trampelpfad … LG, Dante

  • Gabriella Widmer sagt:

    Herr Tingler, Sie haben eine Phantasie, so etwas habe ich weder gelesen noch gesehen.
    Ihr Wording ist sensationell und die Verwendung der Fremdwörter ist eine wahre Freude.
    Herzliche Gratulation!
    Dante Aligheri hätte sich über diese bildhafte Beschreibung „seines“ Infernos diabolisch gefreut.

    Ich freue mich immer auf Ihre Kolumne. Darum: bitte weiter so.

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