Haben Geschäftsmänner keine Gefühle?

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Wenig, meine Damen und Herren, scheint unter Geschäftsmännern so verpönt wie der Ausbruch von Gefühlen – oder jedenfalls das öffentliche Zeigen derselben, fachsprachlich auch «Public Display of Affection» genannt (kurz: PDA). Ja, die Abwesenheit von Gefühlen ist (oder war jedenfalls lange Zeit) geradezu das Definitionsmerkmal des Geschäftsmanns, quasi seine notwendige Bedingung. Und noch heute liegt in der emotionalen Schlichtheit und strebsamen Einfalt mancher Geschäftsleute eine Zuversicht, worüber man als nachdenkender Mensch rasend werden möchte. Doch man möge bedenken: Jene Tüchtigkeit, für die alles organisabel scheint und die den perfekten Geschäftsmann auszumachen vorgibt, ist ja tatsächlich bloss eine kontraphobische Überreaktion, eine Überreaktion auf jenes unumstössliche Gesetz, das mir bereits mein Opa eingebläut hat: Kein Mensch ist unersetzbar in Geschäften. Das ist Segen und Fluch der Marktwirtschaft, und damit muss der Geschäftsmann erst mal fertig werden. Da ist es doch zunächst ganz gut, dass er sich zusammennimmt! Andernfalls würden wir gegenwärtig überall weinende Hedge-Fonds-Manager sehen, und das hilft ja nun auch niemandem.

Damit hiesse die Antwort auf unsere Frage im Titel: Nein. Kein PDA bei Geschäftsmännern, please. Doch wie beinahe jede herrlich einfache und eindeutige Antwort ist das natürlich eine Fünfzigerjahre-Lösung. Früher war Gefühl Gefühl, und Geschäft war Geschäft. Heute hingegen geht es ja gern um ganzheitliche Führungskonzepte und emotionale Kompetenz und so Gedöns, und eine der Haupterleuchtungen der globalen Finanzkrise wird in der Erkenntnis gesehen, dass die Unternehmenskultur globalisierter Konzerne oft genug geradezu perfekte Lebensbedingungen für Psychopathen schaff(t)e, Psychopathen im Sinne der sogenannten «thrill seekers»: risikoliebend und leicht zu langweilen und selbstverständlich emotional verarmt. «Thrill seeking» wurde neurowissenschaftlich mit einem «Warrior Gen» in Verbindung gebracht. Früher, als Jäger und Kämpfer, konnte die damit verbundene Gefühlsarmut einen Überlebensvorteil bedeuten, heute, bei Industriekapitänen und Finanzmagnaten, wirkt hohe Risikobereitschaft zwar nicht selten immer noch irgendwie charismatisch, taugt aber ebenso sehr als Feindbild und Emblem eines mutmasslichen Casino-Kapitalismus.

Und also hiesse die Antwort nunmehr: Ja! Der spätmoderne Geschäftsmann muss sogar Gefühle zeigen. Der effiziente Umgang mit Gefühlen wird zu einer Managementtechnik und -tugend. Natürlich geht es um die richtigen Gefühle. Neid, Furcht, Hass sind weniger gern gesehen; Empathie hingegen, also das Metagefühl der «Ein-Fühlung» ist einer der Spitzenreiter. Das wertschätzende und mitfühlende Führen begreift die dosierte und wohleingesetzte Emotion als wichtige Ressource für Führungskräfte, ein wertvolles Mittel zur Burn-out-Prophylaxe. Ich persönlich denke bei dieser Strategisierung von Gefühlen eher an Bore-out, aber ich habe leicht reden, denn ich bin mein eigener Chef.

Noch fragwürdiger jedoch erscheint mir eine andere Sorte von Geschäftsgefühl, nämlich: die materialistische Pseudo-Ironie des Hipsters. Findet man gerne im Medien- und Interwebgeschäft. Aber auch in der Mode, zum Beispiel. Ja, wenn unsere Gesellschaft, und auch die Wirtschaft, heute an irgendwas leidet, dann ist es die Pseudo-Ironisierung sämtlicher Sphären: falsches Gefühl. Die alberne Nostalgie des urbanen, spätmodernen Hipsters, die sich in hohlen Zitaten erschöpft, um niemals Stellung beziehen zu müssen, ist eine Haltung der Unsicherheit, Resignation, Risikoscheu und kulturellen Taubheit, die das Leben defensiv als endlose Reihe von Sarkasmen und popkulturellen Referenzen zu bewältigen sucht. Das ist kein Lebensgefühl, sondern geistlose Selbst-Infantilisierung, das Gegenteil von Authentizität. Danke für Backobst.

Und daraus folgt zweierlei: Einerseits ist und bleibt Selbstbeherrschung eine Tugend, gerade im Geschäftsleben. Nicht alles ist falsch, bloss weil es von früher kommt. Und andererseits sollte es, wenn Gefühle ins Spiel kommen (beziehungsweise: ins Geschäft), um Wahrhaftigkeit gehen, also weder um Strategien noch um Attitüden. Wahre Gefühle sieht man aber traditionellerweise selten, übrigens nicht nur bei Geschäftsmännern. Die wirklich dramatischen PDAs bleiben offenbar heutzutage für Profisportler reserviert. Das scheinen die wahren Emos zu sein.

Bild oben: Die Unternehmenskultur globalisierter Konzerne schafft perfekte Lebensbedingungen für Psychopathen. Christian Bale als Manager im Film «American Psycho». Foto: PD