Was Frauen wirklich wollen

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Neue Erkenntnisse gibt es von der Sex-Front – wobei man von neu wohl nur sprechen kann, wenn man das vergangene Jahrzehnt verschlafen hat. Oder zu jenen Menschen gehört, die eine Vorliebe für abgehangene Stereotypen haben. Oder das Pech hatten, in ihrem Leben tatsächlich nur auf Klischees zu stossen. Für jene hat US-Autor Daniel Bergner ein Buch geschrieben mit dem schönen Titel «What Do Women Want?» (Deutsch: Die versteckte Lust der Frauen). Darin räumt er mit den gebräuchlichsten Mythen über die weibliche Sexualität auf. Mythen, die sich etwa so zusammenfassen liessen: Zum Beispiel, dass Frauen an Sex grundsätzlich weniger interessiert seien als Männer, die ganze Übung eigentlich bloss so über sich ergehen liessen. Und vor allem emotionale Befriedigung suchten. Oder dass sie weniger visuell funktionieren und deshalb auch keine Pornos mögen. Stimmt alles nicht, sagt Bergner und zitiert einen Haufen Studien und Anekdoten, die das Gegenteil beweisen sollen. Frauen, so stellt er in seinem Buch fest, stehen genauso auf sexuelle Abwechslung wie Männer, und nicht nur das. Am liebsten geben sie sich Fantasien über Sex mit Fremden hin oder gar solchen über Sex gegen ihren Willen. Ausserdem stehen sie in Wahrheit gar nicht auf Kuschelsex, sondern lieben es, dominiert zu werden. Bergners Hauptthese ist denn auch besonders provokativ: Frauen, so sagt er, seien zur Monogamie sogar noch weniger begabt als Männer.

Es geht hier um das alte, evolutionäre Dogma, das besagt, Frauen seien von Natur aus darauf programmiert, ihre Sexualität dazu einsetzen, einen wohlhabenden Mann mit Status zu finden, um dann mit diesem ein Haus und einen Hund zu kaufen und in einer monogamen Ehe zwei Kinder aufzuziehen. Ein Dogma, das bei jeder Gelegenheit gerne zitiert wird um zu erklären, wie Frauen eigentlich funktionieren. Bergner ist nicht der erste, der solches bestreitet und sagt, dass Frauen punkto Sexualität genauso tierisch veranlagt sind wie Männer.

Aber die eigentliche Frage lautet doch: Wenn dem so ist, warum halten sich dann die alten Mythen über die weibliche Sexualität so hartnäckig? Warum verhalten sich noch immer so viele Frauen danach?

Das wohl beste Buch zu dieser Frage heisst «Sex at Dawn» von Christopher Ryan und Cacilda Jethá, ein weltweiter Bestseller, der seltsamerweise bis heute nicht auf Deutsch übersetzt worden ist. Darin gehen die beiden Autoren den prähistorischen Wurzeln der menschlichen Sexualität nach und hinterfragen vor allem die Vorstellung, ob der Mensch wirklich von Natur aus monogam veranlagt ist, wie es Darwin und nach ihm so viele Evolutionsbiologen behaupteten. Sie kommen zum Schluss, dass der Mensch zwar durchaus die Paarbindung sucht – aber zu behaupten, er wäre monogam, wäre eine krasse Fehlinterpretation.

Eines der interessantesten Kapitel in diesem Buch widmet sich der weiblichen Sexualität und steigt mit der Frage ein, die auch Bergner stellt und die schon Sigmund Freud schlaflose Nächte bereitet hat: Was wollen Frauen? Das herauszufinden, so die These der beiden, ist schon nur deshalb so schwierig, weil Frauen es oft selbst nicht wissen. Sie zitieren dazu verschiedene Experimente, in denen Frauen verschiedene Bilder sexuellen Inhalts gezeigt und sie befragt werden, wie stark welche Bilder sie erregen. Die Frauen geben Antwort, gleichzeitig werden aber auch ihre körperlichen Reaktionen auf die Bilder gemessen. Und die Erkenntnis ist: Was bei einer Frau im Kopf passiert, entspricht selten dem, was in ihrem Körper passiert. Will heissen: Frauen können durch Bilder knutschender Männer total erregt werden, behaupten aber, das mache sie überhaupt nicht an.

Die Argumente der beiden Autoren in voller Länge auszuführen, würde den Rahmen dieses Blogs sprengen. Aber sie kommen zum Schluss, dass weibliche und männliche Sexualität sich vor allem in ihrer Plastibilität, also Wandlungsfähigkeit unterscheidet. Männer werden irgendwann in der frühen Kindheit darauf geprägt, was sie sexuell erregt und was nicht. Und dabei bleibt es dann im Verlauf ihres gesamten Lebens mehr oder weniger. Bei Frauen hingegen bleibt dies ein Leben lang wandelbar. Das bedeutet aber auch, dass Frauen auf sozialen Druck viel sensibler reagieren. Wenn man ihnen also lange genug einredet, sie seien von Natur aus monogame Wesen mit einem nicht besonders stark ausgeprägten Sexualtrieb, und wenn sie vor allem sozial stigmatisiert werden, sofern sie sich nicht so verhalten, dann sind sie auch geneigt, das zu tun. Und die christliche Kultur, zu deren Ursprungsmythen die unbefleckte Empfängnis gehört, betrieb grossen Aufwand, um Frauen genau dies glauben zu machen.

Es ist anzunehmen, dass das auch umgekehrt funktioniert, man Frauen also auch einreden kann, sie seien von Natur aus unfähig, monogame Beziehungen zu führen – und eine richtige Frau sei nur, wer seinen endlosen Appetit auch pausenlos zur Schau stellt. Wobei ich damit natürlich nicht bloss individuelle Erzählungen meine, sondern kulturell und sozial über Generationen gewachsene. Doch kommt dies der Wahrheit näher als der bekannte Mythos von der grenzfrigiden weiblichen Natur?

Nimmt man Bergners Thesen ernst und auch die von Ryan und Jethá, muss man auch dies verneinen. Die Wahrheit darüber, was Frauen eigentlich wollen, ist kompliziert – und wird es auch immer bleiben. Das wiederum liegt an der bei Frauen stark ausgeprägten sexuellen Plastibilität. Diese besagt, dass die weibliche Sexualität immer auch eine soziale Funktion hat und durch die Rahmenbedingungen beeinflusst wird. Und so gibt es wohl nur eine richtige Antwort auf die Frage, was Frauen eigentlich wollen: Kommt ganz darauf an.

33 Kommentare zu «Was Frauen wirklich wollen»

  • Michael Bloom sagt:

    Alles spielt sich zuerst im Kopf ab.
    Siehe dazu auch: http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/hurra_wir_kommen_nicht

  • Peter Steiner sagt:

    Ich habe nur einen Tip an all Männer: do what works, not what they say.

  • Damian Berwert sagt:

    Mich regt die Frage „Was wollen Frauen“ inner grausam auf! Wieso sollte man alle Frauen gleih betrachten? Es sollte sich besser jeder in seiner Partnerschaft bemühen herauszufinden, was die Partnerin braucht, und was man selbst braucht.

  • Ricco Morales sagt:

    Was ist genau die Aussage? Das Frauen ihre Wünsche und Präferenzen eher ändern als Männer, je nachdem was man ihnen einredet oder woher der soziale Druck kommt, und dass diese Tendenz in der weiblichen Natur angelegt ist? Ziemlich gewagte These…
    Daraus liessen sich schöne neue (oder alte?) Klischees ableiten, z.B. dass Frauen komplexer sind als Männer, oder dass man den Frauen eine grössere Freiheit zur Veränderung zugestehen und ein höheres Mass an Unstetigkeit nachsehen muss als den Männern…

  • Jacques sagt:

    Was Frauen wollen – ist auch nicht das gleiche, wie – was Frau will. Das wäre etwa wie der Unterschied Wald – Baum. Ein Wald besteht aus vielen Bäumen, und jeder Baum ist mehr oder weniger – anders. Und, wollen wir wirklich ein grosses Welträtsel lösen?

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