Die Rettung der Welt als Geschmacksfrage

blogmag_stella

Die Modeschöpferin Stella McCartney ist eine Nervensäge, meine Damen und Herren. Und ein perfektes Beispiel dafür, dass Leute, die sich mit grossem Gewese aufmachen, die Welt zu retten, regelmässig Nervensägen sind. Solche selbsternannten Weltverbesserer hat es übrigens zu allen Zeiten gegeben. Ich bin überzeugt, dass die bereits Jesus auf die Nerven gefallen sind. Und wieso? Weil ostentative Weltretter in der Regel zwei der schlimmsten menschlichen Eigenschaften in Kombination verkörpern: Selbstgerechtigkeit und Missionierungsdrang. Stella McCartney beispielsweise lässt sich gerne als «bekennende Veganerin» apostrophieren, als wäre der Titel «Veganerin» in Notting Hill so riskant wie «Regimegegnerin» in Teheran. Stella teilt der Welt mit, sie arbeite bei den Kollektionen, die sie als Modedesignerin unter eigenem und fremden Namen vermarktet, ausschliesslich mit natürlichen und fair erzeugten Materialien und verwende weder Pelz noch Leder. Und zwar teilt sie das der Welt wieder und wieder und wieder mit. Allen, die es hören wollen. Sowie dem sehr viel grösseren Rest.

Die Schauspielerin Gwyneth Paltrow gehört zum Zirkel der Anhänger von Stella McCartney, und Frau Paltrow ist auch so ein superkompliziert ernährtes, yogagestähltes Phänomen, das anderen Menschen gerne erklärt, was sie zu tun und zu lassen hätten, damit dieser arme gestauchte Planet ein besserer würde. Mehr noch: Gwyneth Paltrow ist von ihrer gesamten lebensstilistischen Ausstattung her ein vollendetes Beispiel für das, was die zeitgenössische Berühmtheit («Celebrity» genannt) ausmacht: ostentativer Weltverbesserungsanspruch, Hybridwagen und Nachwuchs mit bizarrem Namen. Offenbar entspricht das der Mode. Mode hat immer mit Ostentation zu tun, denn eine Mode, die keiner mitkriegt, ist keine. Und seit jeher gibt es in der menschlichen Zivilisationsgeschichte genügend Menschen, die sich auch innerlich kleiden, wie es die Mode heischt. Nichts anderes als das, ein modisches inneres Kleid, ist der solcherart zur Schau getragene weltverbessernde Anspruch; ein Phänomen, anhand dessen sich die Sozialpsychologie der Mode vortrefflich erklären lässt, weil das neue pseudoökologische Bewusstsein gar nicht vorstellbar wäre ohne jene komplementären Antriebe, die jede Mode begleiten: Zugehörigkeit und Abgrenzung, Konformismus und Individualismus, Expression und Tarnung, Exhibitionismus und Verhüllung. Vom eigentlichen Inhalt einer Weltverbesserung sind solche Tendenzen natürlich so weit entfernt wie Donald Trump von einer Frisur.

Kann man stilvoll die Welt retten?

Das jedoch heisst nicht, dass man nicht die Welt retten sollte oder aufhören sollte, sich um die Weltrettung zu bemühen, und es heisst darüber hinaus ebenfalls nicht, dass man das nicht stilvoll tun könnte. Dafür aber muss man sich zunächst die Frage stellen: Was ist Stil? Das können wir leicht beantworten: sichtbarer Geschmack. Und was ist Geschmack? Nun, dafür müssen wir ein bisschen weiter zurück, zu den Grundlagen, zum Beispiel zu Edith Wharton, einer der feinsten Chronistinnen der nordamerikanischen Gesellschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und einer klassischen Kommentatorin von Moden und Manieren überhaupt. Frau Wharton schreibt: «The Essence of taste is suitability. Divest the world of its prim and priggish implications, and see how it expresses the mysterious demand of the eye and mind for symmetry, harmony, and order.» Geschmack ist also das Gespür für das Passende, Angemessene; keine abstrakte, transzendente Befähigung zu Verständnis und Erfassen des Schönen, sondern ein ganz praktischer, weit greifender Instinkt, eine souveräne und rapide Wahrnehmung von Wesentlichkeiten, auch wenn sie sich in Kleinigkeiten äussern, eine Empfindsamkeit und Wachheit des Geistes, die uns spontan dasjenige verwerfen lässt, was in einem gegebenen Kontext als störender Makel erscheinen würde. Das äussere Zeichen dieser Begabung ist die Auswahl an Besitztümern, Handlungsstrategien, Äusserungen. Kein Feld des Daseins bleibt insofern unberührt von Geschmacksfragen. «Das ganze Leben», schreibt Nietzsche im «Zarathustra», «ist eine Auseinandersetzung um Geschmack» (und das schrieb er, bevor er völlig durchgedreht ist).

Die Anlage zu gutem Geschmack, das Gefühl für Geschmackvolles und Geschmackloses muss im Menschen selbst wurzeln. Das Wesentliche der Geschmacksrichtung hat mit Geld oder Bildung wenig zu tun. Sonst würden Teilchenphysiker keine Polyesteranzüge tragen und die südamerikanischen Zweitehefrauen russischer Oligarchen nicht ganze Containerladungen bei Louis Vuitton einkaufen. Wie aber hängt Geschmack mit der Rettung der Welt zusammen? Nun, Geschmack hat mit der Kombination von Versatzstücken zu tun, manchmal auch mit Originalität, aber immer mit Dezenz. Und Dezenz auf dem Gebiet der Mode heisst: Klassiker. Als «klassisch» im Allgemeinen sprachlichen Sinne wird ja etwas bezeichnet, das typische Merkmale in einer als allgemein gültig akzeptierten Reinform in sich vereint und als formvollendet und harmonisch gilt. Das Klassische bildet den zeitlosen Kontrapunkt zur Mode. Damit etwas aber zeitunabhängig und zeitüberdauernd sein kann, bedarf es einer gewissen Qualität, nicht nur im ästhetischen, sondern auch im ganz handfesten, materiellen Sinne. Und Qualität trägt zur Weltrettung bei. Denn gute Sachen kann man lange, lange tragen.

Alter hat Klasse

Ich finde es gut und richtig, Sachen lange zu tragen, 10 oder 15 oder 20 Jahre – sofern sie die entsprechende Qualität haben. Das älteste Stück in meiner Garderobe ist ein Peter-Scott-Pullover, der 30 Jahre auf dem Buckel hat und tadellos aussieht. Schuhe von Church’s oder Anzüge von Caraceni oder Trenchcoats von Burberry sind grün, auch wenn sie nicht mit Zertifikaten der Weltrettung und Umweltfreundlichkeit auf sich aufmerksam machen. Sondern allein schon aus dem simplen Grund, dass man sie viel länger behält und benutzt. Nach ein paar Jahren haben sich solche Stücke nicht nur ökonomisch (via «cost per wear»), sondern auch ökologisch amortisiert, und zwar mutmasslich weitaus besser als die höhere Wegwerfkleidung, die Stella McCartney beispielsweise in ihrer Gastkollektion für eine schwedische Billigtextilkette realisiert hat. Geschmack (als Synonym für: guter Geschmack) ist also nicht so sehr, oder nicht allein, der Ausdruck ästhetischen Gefühls, sondern man könnte sagen: Geschmack spricht schon (ansatzweise) die moralische Haltung eines Menschen aus. Oder, etwas milder und eleganter formuliert, nämlich in den unsterblichen Worten des englischen Dichters Cyril Connolly: «Perfect taste always implies an insolent dismissal of other people’s.»

Bild oben: Modedesignerin Stella McCartney posiert vor ihrem Shop in Peking, 21. Mai 2013. (Reuters/Kim Kyung-Hoon)