«Eleganz ist Verweigerung»

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Meine Grossmutter, die Chanel-Kostüme nicht leiden konnte, hat deren Urheberin, Mademoiselle Chasnel, stets als «Nazi-Kollaborateurin mit Feldarbeiterbräune» bezeichnet. Aber Coco Chanel hat uns viel mehr hinterlassen als die Neubewertung des bronzefarbenen Teints sowie eine Handvoll Legenden über sich selbst, einen Berg falscher Perlen und ein paar Dutzend überquellende Aschenbecher. Vor allem hat sie uns den Satz hinterlassen: «Eleganz ist Verweigerung», der von ihrer kongenialen Seelenverwandten (und Kundin) Diana Vreeland wie folgt ausgedeutet wurde: «Eleganz ist eine immanente Qualität, die nichts damit zu tun hat, ob jemand gut angezogen ist. Eleganz ist Zurückweisung.» Dieses Aperçu stammt aus Mrs. Vreelands Buch «Allure», einer Sammlung von Bildern und Ansichten um das Wesen von Mode, Erscheinung und Geschmack. Und wer war Diana Vreeland? Eine Instanz des guten Stils. Als es sowas noch gab. Instanzen, meine ich, nicht Stil. Dann leitete das Ende der kulturellen Prägekraft des Bildungsbürgertums die sogenannte Postmoderne ein, die primär durch die Enthierarchisierung des Geschmacks gekennzeichnet war. Was unter anderem zur Folge hatte, dass nun aufgestutzte Lebegreise wie Nicholas Haslam auf der Best Dressed List von Vanity Fair auftauchen können. Zum Glück bin ich nicht verbittert.

«Bildungsbürgertum» ist freilich keine angelsächsische Kategorie, und Diana Vreeland, geboren 1903, hat in der Tat keine grossartige formale Bildung genossen. Dafür entstammte sie jenem Segment der besseren Gesellschaft, wo sich Salonlöwen, altes Geld, Upperclass und gnadenlose Ambition mischen – und diese Mélange ist ein spezifisch angelsächsisches Phänomen. Sowas konditioniert natürlich auch geschmacklich. Geschmack wird immer ein Klassenindikator sein. Doch das Gefühl für Geschmackvolles und Geschmackloses muss im Inneren des Menschen selbst wurzeln; das Wesentliche der Geschmacksrichtung hat mit Geld oder auch mit Bildung wenig zu tun. Geschmack ist nicht so sehr – oder nicht allein – der Ausdruck ästhetischen Gefühls, sondern spricht die innere Haltung eines Menschen aus, eben eine immanente Qualität: Urteilssinn, Gefühl für Harmonie, Verständnis für Situationen; Selbsterkenntnis. Selbstdistanz. Und dann, gelegentlich, dieser Funke, der noch ein bisschen weiter leuchtet, Neues erhellt, Altes in den Schatten stellt. Diana Vreeland war Kolumnistin und Zeitkritikerin und Gesellschaftsveteranin und Chefredakteurin von «Vogue» und trug so einen Funken in sich. Sie war ausserdem auch noch Beraterin des Costume Institute of the Metropolitan Museum of Art in New York. Und so viel mehr. In ihrem Leben tauchen Namen auf wie Cecil Beaton, Wallis Simpson, Carmel Snow, Lauren Bacall, Richard Avedon, C.Z. Guest, Cole Porter und Studio 54. Und Mrs. Bouvier, natürlich. Wer mehr von Frau Vreeland und ihrer Welt und deren Geschmacksbildung erfahren und vor allem sehen will, sollte einen Blick in den ziemlich opulenten, kürzlich erschienenen Band «The Eye Has to Travel» werfen. Wenn man dies Buch durchblättert, wird einem plötzlich klar, dass die Unsicherheit in Geschmacksfragen vielleicht noch nie so gross war wie heute. Das Gleiche gilt für die Zahl von Rummelplatzfiguren, die sich als Geschmacksinstanzen aufspielen. Go to hell, Bruce Darnell. Und nimm Heidi mit.

Elegance is Refusal. Darum geht es. Zurückweisung – von Chichi, Tand, Plunder, Rummelplatz, vermeintlich Unkonventionellem, Pseudo-Provokativem, Kleinkunst. Und Verweigerung: sich nie zu sehr über seine Garderobe zu enthüllen. Sich nie auch innerlich zu kleiden, wie es die Mode heischt. Ach, ich wünschte, viel mehr Leute würden sich an diese Maxime halten – und da wäre sicher meine Grossmutter mit mir einer Meinung. Und, apropos Zurückweisung: Diana Vreeland in a nutshell sehen Sie hier.