Unten ohne

underwear

Den obigen Schnappschuss habe ich in der Berliner U-Bahn für Sie aufgenommen, meine Damen und Herren, doch eigentlich sieht man dies Bild überall, jeden Tag. Sie müssen, leider, etwas genauer hinsehen. Folgen Sie einfach meiner Markierung. Dann werden Sie feststellen, dass dem jungen Mann seine erbsengrüne Unterwäsche auf recht unvorteilhafte Art aus der Hose quillt. Offenbar hat er den Farbton versuchsweise mit dem T-Shirt abgestimmt. Aber das hilft auch nicht viel. Geek Briefs.

Ich habe gar nichts gegen tiefsitzende Hosen (fachsprachlich: Baggy Pants), auch wenn wir es auf dem Bild offensichtlich mit einer Verfallserscheinung derselben zu tun haben. (Die Konnotationen der Baggy Pants übrigens haben mit den Wurzeln des Hip-Hop zu tun: Erstens sind Baggy Pants garderobengeschichtlich und auch popkulturell gesehen eine Referenz an den Umstand, dass man Gefängnisinsassen keine Gürtel erlaubte, ihre Hosen also hingen; zweitens an den Umstand, dass vor Aufkommen von Hip-Hop-Labels vor allem Jeans standardmässig für Weisse zugeschnitten wurden, weshalb schwarze Männer sie regelmässig ein paar Nummern zu gross kaufen mussten, damit sie einigermassen passten. Aber dies nur am Rande, für die modehistorisch Interessierten unter Ihnen.) Ich habe also gar nichts gegen Baggy Pants oder Baggy Shorts, doch man sollte sich, auch wenn man erst so ungefähr 25 ist (so wie der Unterhosenenthüller auf dem Bild), darüber im Klaren sein, dass diese Beinkleider gewisse Ansprüche nicht nur an die Figur ihres Trägers, sondern auch an dessen – per definitionem sichtbare – Unterwäsche stellen. Ich will im folgenden aber gar nicht weiter über die verschiedensten Varianten zulässiger Unterbekleidung referieren – dies machen wir vielleicht ein andermal, vielleicht aber auch nie –, sondern über: ganz ohne. Also untendrunter ganz ohne. Das tun mehr Leute als Sie denken. Going Commando ist die englische Bezeichnung für das Verzichten auf Tragen von Unterwäsche in der Öffentlichkeit, und das Schlüpfer-Desaster auf dem Bild hat mich zur grundsätzlichen Frage inspiriert: Ist das zulässig? Und wenn ja, wann?

Natürlich nicht bei Baggy Pants. Die trägt man klassischerweise mit Boxer Shorts. Soviel vorweg. Ansonsten aber ist festzustellen, dass Going Commando ganz augenscheinlich immer gesellschaftsfähiger wird. Und mit «gesellschaftsfähig» meine ich nicht irgendwelche Britney-Spears-Paris-Hilton-Oops-Ich-habe-vergessen-dass-ich-beim-Aussteigen-aus-diesem-tiefliegenden-Sportwagen-fotografiert-werde-Monstrositäten, sondern den Umstand, dass Leute wie Jemima Khan, Tom Ford, Ewan McGregor oder Jon Hamm sich massenmedial als Nicht-Träger bekennen. Und während die legendäre Going-Commando-Szene von Sharon Stone vor zwanzig Jahren in «Basic Instinct» noch der einsame Akt einer einsamen Vorkämpferin war, verlautet inzwischen aus gut unterrichteten Kreisen, dass selbst die seriöse englische Staatsschauspielerin und Dame Commander of the British Empire Helen Mirren ihren Oscar damals pantless akzeptierte, also: ohne Schlüpfer. Going Commander, sozusagen, if You’ll pardon the pun.

«Going Commando» klingt ziemlich militärisch, und die urbane Überlieferung spekuliert, dass die Redewendung etwas mit der Tradition schottischer Militäreinheiten zu tun haben könnte, nichts unter dem Kilt zu tragen. Fest steht, dass der Ausdruck vom Studenten- und Militärjargon in den Mainstream überging, nachdem er 1996 in einer Episode der wahnsinnig biederen Sitcom «Friends» benutzt wurde. Inzwischen jedenfalls ist das Weglassen der Unterbekleidung längst nicht mehr nur was für Kiltträger, Radrennfahrer oder Prostituierte – aber warum? Nun, Damen verzichten auf Unterwäsche offenbar aus dem gleichen Grund, aus dem sie sich Botox in die Achselhöhlen injizieren lassen, um nicht zu transpirieren, oder Collagen in die Fusssohlen, um endlose Cocktailempfänge auf hohen Hacken länger durchzustehen: weil es besser aussieht. Es soll auch bequemer sein. Das findet wenigstens «Cosmopolitan». Wer keine Unterwäsche trägt, hat jedenfalls garantiert nicht das Problem, dass sich irgendwelche Linien auf dem Neon-Schlauchkleid von Cavalli abzeichnen. Apropos: Auf dem Laufsteg wird selbstverständlich in den seltensten Fällen viel untendrunter getragen.

Allerdings bekennen sich nicht nur Damen, sondern auch immer mehr Herren zum Commando-Dresscode. Auch die Herren führen Bequemlichkeitsgründe an – sowie die Theorie, nach der zu enge Unterwäsche bei Männern die Fruchtbarkeit schädige. Das mit der Bequemlichkeit (gelegentlich auch als Begründung für den Verzicht auf Unterwäsche beim Militär vorgebracht) habe ich offen gesagt nie verstanden. Das hängt, wenn Sie mich fragen, doch sehr vom Klima, dem Material, der Beanspruchung ab. Auch sind die potentiellen Gefahren, von denen das Verletzungs- und Infektionsrisiko nur ein Teil ist, bei Going Commando nicht gleich Null. Und dann wäre da noch, besonders in der Kombination von gar nichts mit dem Rock, das ständige Entblössungsrisiko: verspiegelte Tanzflächen, plötzliche Witterungswidrigkeiten, eine vielleicht zu sportliche Bewegung – schon wird man zum Flesh Flasher. Immer nur einen Windstoss entfernt von einer Adrienne Bailon Wardrobe Malfunction (ABWM). Dann doch lieber Knicker Flashing (KF). Wenn auch vielleicht nicht gleich wie Lady Victoria Hervey. Oder wie oben auf dem Bild.

Wir schliessen mit folgendem einfachen Rat an alle Geschlechter: Im Zweifel behalten Sie einfach Ihren Schlüpfer an. Nach der bewährten KTM-Maxime. Und KTM ist die offizielle Abkürzung für keeping the mystery.

18 Kommentare zu «Unten ohne»

  • Rupert sagt:

    Nichts für ungut, aber wie kann man bitteschön über solche überflüssigen Sachen schreiben?

  • Simone sagt:

    Ach, Cosmopolitan. Ideale kreieren. Tatsache ist: Der Verzicht auf Unterwäsche ist toll, keine Frage. Aber was mache ich als Frau ohne Unterwäsche mit dem Ausfluss?

  • Martine sagt:

    Als Gast an einer Englischen Hochzeit habe ich nicht schlecht gestaunt, als ein schottischer Gast im Quilt sich wie selbstverständlich zu seinem kleinen Sohn hinuntergekniet hat, und zwar breit-beinigst, der gesamten Hochzeitsgesellschaft sein bestes Stück präsentierend…
    „just made my day“ habe ich mir damals gedacht und geschmunzelt

  • Cybot sagt:

    Dass enge Unterwäsche bei Männern die Fruchtbarkeit beeinträchtigt, ist keine Theorie, sondern eine Tatsache, die schlicht daran liegt, dass Spermien es nicht gerne zu warm haben. Allerdings treten dabei keine dauerhaften Schäden auf, wer Kinder produzieren will, kann einfach temporär auf etwas lockereres wie Boxer Shorts umsteigen, um die Spermienqualität zu verbessern.

  • Pippi Langstrumpf sagt:

    Die Erfindung der Unterhose war eine kulturelle Errungenschaft, es gibt keinen Grund, sie wegzulassen. Sie hat eine Schutzfunktion in vielerlei Hinsicht, bei engen Jeans z.B. schützt sie die zarte Haut im Intimbereich, ausserdem ist es eine Frage der Hygiene. Drei Tage in denselben Jeans, ohne Unterwäsche? Mit solchen Leuten möchte ich nicht Tram fahren.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.