Alles über Schuhe

IMG_5786

Sie sehen auf dem obigen Schnappschuss, der in der Kassenwarteschlange eines grossen Elektrosupermarktes entstand, ein furchtbares Paar Schuhe, meine Damen und Herren. Nicht das vorderste, das ist OK. Ich meine das dahinter: störend, auf die falsche Art laut, irgendwie nicht richtig, mutmasslich (ich kann mich nicht mehr genau erinnern, es ging alles so schnell) mit den Initialen jenes italienischen Duos versehen, das wir bei uns zuhause «Stan & Ollie» nennen. Warum sind die furchtbar (die Schuhe)? Weil sie etwas vorgeben, was sie nicht sind: den Turnschuh. So nannte man das damals, als ich jung war.

Meine Grossmutter, eine liebenswerte, aus Erfahrung reaktionäre Dame, die schon seit einiger Zeit im Himmel ist (und zwar in einem Raucherabteil Erster Klasse), pflegte zu sagen: «Man hat in seiner Sphäre zu bleiben.» Selbstverständlich hat meine Grossmutter nie in ihrem Leben Turnschuhe getragen. Aber ihr Diktum hat etwas mit Glaubwürdigkeit, mit Authentizität zu tun – und es gibt wohl kaum ein Kleidungsstück, bei dem Authentizität so wichtig ist wie bei Turnschuhen. Und das kommt daher, dass der Turnschuh seinen Aufstieg einer Zweckentfremdung verdankt: Ursprünglich für den Sport gemacht, wurde er erst zum preiswerten Schuhwerk der Underdogs, in dem man sich obendrein ausgezeichnet aus dem Staub machen konnte, was für Underdogs ja wichtig ist. Und dann, mit dem Aufstieg von Hip Hop und Acid House, Teil der sartorialen Popkultur. Heute sind Turnschuhe (in Amerika «Sneakers» oder cooler «Kicks», in England «Trainers» genannt) nicht selten Prestigeobjekte für Topdogs, die sich gern mit anarchistischen Accessoires schmücken.

Und das bringt uns auch schon zu einem grossen Fehler, der sich seitdem parallel zu den Sneakers ausbreitet, nämlich der Tendenz, Coolness kategorisch mit Objekten zu verbinden, zum Beispiel mit bestimmten (Pseudo-)Turnschuhen. Es handelt sich hier um eine Art Lifestyle-Totalitarismus, der dem Individuum nur über die richtige Ware einen sozialen Wert beimisst und sich in bemüht apodiktischen Festlegungen darüber versucht, ob nun Dunks skatermässiger wären als Vans oder Air Force Ones ghettomässiger als Superstars und Trimm Trabs eher nur was für Casuals oder doch skatermässiger als Chucks und so weiter. Diese Attitüde, eine Geisteshaltung der neunziger Jahre, die einfach nicht aussterben will, wahrscheinlich, weil man sie sich so einfach aneignen kann, ist platt und provinziell. Ihr Distinktionsbemühen verbindet sich gern mit einer pseudo-jugendlichen Begeisterung für alles, was von gestern, also «vintage» und «echt» ist, und führt dann zu Einsichten, die ebenso banal wie falsch sind, in der Art wie: «Cool ist definitiv nicht, was alle tragen.»

Das Gegenteil ist richtig. Der Turnschuh ist seinem Sinn und Wesen nach ein Massenprodukt; limitierte Sonderausgaben oder Individualanfertigungen (sogenannte «Custom Kicks») widersprechen im Grunde seiner Essenz, seiner Daseinsberechtigung, und jemand, der drei Stunden lang bei Undefeated in Santa Monica ansteht, um ein Paar Special Edition Fukijamas zu ergattern, erwirbt dadurch per se nicht mehr Street Cred als jemand, der seine High-Street-Trainers mit der nötigen Glaubwürdigkeit trägt. Selbstverständlich gibt es auch bei Turnschuhen bestimmte Modelle, die inhärent uncool sind – und das bringt mich zurück zu meiner Grossmutter und ihrer Maxime: «Man hat in seiner Sphäre zu bleiben.» Das heisst nämlich auch, dass bestimmte Labels, die beispielsweise als Kofferschuster, Sattelmacher, Anzugfabrikanten oder Gesundheitsschuhhersteller bekannt sind – sich von Turnschuhen fernhalten sollten. Denn sonst kommt es zu so Ensetzlichkeiten wie «Turnschuh-Optik» (siehe Bild), zu prätentiösen Fakes, deren Authentizität von Anfang an unter Null liegt und in denen man nicht mal theoretisch turnen würde. Oder könnte. Und deren Botschaft die langweiligste von allen ist, nämlich die notorische Trias von Geld und Geltungssucht und auch etwas Dämlichkeit, so in der Art von Kanye West, denn man ist dämlich, wenn man zum Beispiel knapp 1000 Dollar für ein paar Pseudo Sneakers bezahlt, und in Asnières lacht sich jemand ins Fäustchen.

Und schliesslich sollte man trotz der Wichtigkeit des Subjekts und seiner Haltung ein paar objektive Regeln für das Tragen von Turnschuhen nicht übersehen, die sich jenseits des Bedeutungswandels dieses Schuhwerks etabliert haben und eisern gelten, zum Beispiel, allen voran, das Verbot von Sneakers zum Anzug. Das sieht einfach immer schlimm und provinziell aus. Ausserdem gelten gewisse Altersgrenzen. Die klassischen Stan Smiths von Adidas kann man (ebenso wie klassische Tretorns) tragen, bis man 93 ist; Wu-Tangs hingegen gehen nur bis 16. Mit einem strengen Alterslimit versehen sind ebenfalls Air Jordans sowie auch beinahe jedes andere Paar aus dem Sortiment von Flight Club NY, es sei denn, es käme von aussen so neutral daher wie die Pee-Wee-Herman Dunks. Und wer sich ganz entspannt und sicher fühlt, kann schliesslich versuchen, vormals unmögliche Modelle durch souveränes Tragen in ihrer Bewertung quasi umzukehren, so wie das vor ein paar Jahren die Jungs von der Dance-Punk-Nu-Rave-Vorreiter-Band Test Icicles mit Dunlop-Turnschuhen gemacht haben. Sie sehen: Es hängt alles am Subjekt. Selbstsicherheit, die über Mode-Zitate hinausgeht, ist nämlich noch weitaus cooler als irgendein Paar Turnschuhe.