Knigge für Vegetarier

vegetarier

 

Ich liebe Fleisch. Das wird kaum jemanden überraschen. Deshalb kann ich ja trotzdem ab und zu vegetarisch essen. Das nennt man neuerdings Flexitarismus, Teilzeitvegetariertum, bei dem die Qualität der Ernährung im Vordergrund steht, nicht irgendein Dogma. Naja, vielleicht auch nicht ganz. Soweit ich es ermitteln konnte, sind Flexitarier eher Vegetarier, die gelegentlich mal Fleisch essen. Ich bin eher Fleischesser, der gelegentlich vegetarisch isst. Falls die Impala-Steaks nicht schnell genug auftauen. Damit will ich sagen: Die meisten Mahlzeiten, die ich einnehme, hatten Eltern. Seis drum. Heute geht es mir um Folgendes: Dogmen, egal welchen Inhalts, sind ja oft problematisch, nicht zuletzt in ihrer Wirkung auf den gesellschaftlichen Umgang, und darum, meine Damen und Herren, liebe Kinder, möchte ich Sie kurz auf die sozialen Gefahren eines kategorischen Vegetarismus hinweisen. Weil das sonst keiner macht. Dabei hat unsere aufgeklärte Wellnessgesellschaft es sich eigentlich angewöhnt, bei sämtlichen Lebensstiloptionen – oder jedenfalls bei denen, die mit Spass verbunden sind – über Risiken und Nebenwirkungen zu informieren; bloss beim Vegetarismus nicht. Woraus man ableiten könnte, dass Vegetariertum per se nicht mit Spass verbunden sei, aber so weit will ich hier natürlich nicht gehen. Okay, here we go:

  1. Die Missionierungsgefahr

    «Du bist, was du isst» ist als Maxime ungefähr so beknackt wie: «Man ist so alt, wie man sich fühlt.» Man ist vielmehr so alt, wie man aussieht. Und wenn man tatsächlich ist, was man isst, was wären dann Vegetarier – Krautsalat? Sie merken, worauf ich hinaus will: Immanuel Kant hat gesagt, zur moralischen Bewertung irgendeines Handelns sei nicht dessen Resultat entscheidend, sondern die Maxime, die es motiviert. Für eine vegetarische Ernährung lassen sich nun mannigfache Antriebe aufzählen: ethische, gesundheitliche, religiöse, kommerzielle, politische zum Beispiel, und all diesen Antrieben gemein ist eine gewisse Tendenz zur Missionierung. Also der Impuls, seine Mitgeschöpfe von der Richtigkeit des eigenen Tuns zu überzeugen. Womöglich, weil man selbst nicht ganz überzeugt ist. Und isst. If you’ll pardon the pun.

  2. Die Indoktrinationsgefahr

    Am 1. August lief ich zufällig über die Zürcher Rathausbrücke und kam dabei an der sogenannten Zürcher Landsgemeinde vorbei, einer Art privat initiierter basisdemokratischer Versammlung nach dem Vorbild dieses urschweizerischen Forums des politischen Diskurses. In Zürich soll dabei jeder mitwirken können, und so ein barrierefreies Plenum ist zwar in der Theorie ganz attraktiv, zieht jedoch in der Praxis gerne Verrückte und Verblendete an, zum Bespiel die Person, die gerade ans Mikrophon getreten war, um durchzugeben, dass die einzige Rettung im Veganismus läge, denn Fleisch – und übrigens auch Milch – würden Krebs verursachen. Mir fiel dabei ein, wie damals Peta, die bekannte Tierrechts- und Tierschutzorganisation, Lindsay Lohan angeboten hat, einen Teil ihrer Rehab-Rechnung fürs Betty Ford Center zu übernehmen, falls Lindsay bereit wäre, sich für die Dauer ihres Klinik-Aufenthalts vegan zu ernähren. Das weiss ich übrigens alles aus dem «National Enquirer», den ich immer im Flugzeug lese. Womit ich wahrscheinlich auch schon wieder irgendwelche Ausbeutungsindustrien unterstütze. Und falls Lindsay anschliessend für ein Jahr lang Veganerin bliebe, offerierte Peta nochmals 10'000 Dollar. Die Frage ist: Was soll das? Welche Botschaft soll hier transportiert werden? Rette dein Leben dank Veganismus? Das würde man Stella McCartney abnehmen, aber nicht Lindsay Lohan. Und das ist auch gut so. Eine gekaufte Überzeugung ist schliesslich gar keine. Anders sieht die Sache bei Ozzy Osbourne aus. Der hat zwar mal einer Fledermaus auf der Bühne den Kopf abgebissen, ist aber jetzt meistens Vegetarier, allerdings nicht aus weltanschaulichen Gründen, sondern weil er kein Fleisch mehr verdauen kann. Und wer auch nur ahnt, was Ozzy im Laufe seines Lebens schon verdaut hat, der glaubt ihm das sofort. Der Punkt, auf den ich hinaus will, ist: Wenn es einem nur noch darum geht, um jeden Preis eine Botschaft zu verbreiten, dann ist man ... irgendwie auf dem Holzweg.

  3. Die Gesundheitsgefahr

    Ich will hier nicht uralte Debatten wiederholen und über Proteindefizite oder mangelnde Gesichtsfarbe referieren; oder gar über die Illusion, sich gesund zu ernähren, obschon vegetarisch per se nichts mit kalorienarm oder frisch oder organisch zu tun hat. Ich will lediglich darauf hinweisen, dass, wie Grayson Perry neulich wieder sehr schön gezeigt hat, die Orientierungs- und Identifikationspunkte der bürgerlichen Mittelklasse nicht selten über die Art der Ernährung gesetzt werden. Der Geschmack der Mittelklasse kreist regelmässig um das, was Freud den «Narzissmus der kleinen Differenzen» nannte, und im Zusammenhang mit der Ernährung bedeutet das zum Beispiel die Deklaration einer «Philosophie», deren Grundzüge nicht selten darin bestehen, dass man vermeintlich proletarische Lebensmittel wie Milch oder Brot auf gar keinen Fall in seine Diät aufnehmen könne, zum Beispiel wegen des Brennwerts oder weil man sie gar nicht (mehr) vertrage. Solche Distinktionsbemühungen können allerdings – wie jeder Geltungskonsum – entgleisen: Wir haben letzte Woche bereits über jene Essstörung namens Orthorexia nervosa gesprochen: den Zwang, nur noch (anscheinend) gesunde Nahrung zu sich zu nehmen. Daran sind schon Leute verhungert.

  4. Die Small-Talk-Gefahr

    Die menschliche Gesellschaft fusst auf dem Prinzip, dass sich mehrere Leute einvernehmlich um irgendein totes Tier mit Sauce versammeln. Da wird es dann im Interesse der Harmonie wichtig, nicht ins Fettnäpfchen zu treten; egal ob das, je nach der Art des Fettes, mit einer vegetarischen Lebensweise vereinbar wäre oder nicht. Auch wenn man gar nicht das Ziel der Missionierung (siehe unter 1.) hat, sollte man als Vegetarier im gesellschaftlichen Small Talk mit der Erörterung seiner diätetischen Grundsätze zurückhaltend sein. Wie übrigens auch jemand, der prinzipiell nur Fleisch zu sich nimmt oder ausschliesslich dieses grüne Zeug, das unter Bootsrümpfen wächst. Prinzipiell ist ja die Liste von Small-Talk-Tabus älter als die Bibel, aber wesentlich kürzer. Tabu-Themen sind: Politik, Religion, Einkommen, Körperfunktionen, Sex. Allerdings ist dabei zu beachten, dass sich das Small-Talk-Religionstabu in unserer erlösungsfixierten multifokalen Populärkultur beispielsweise auch auf Kabbala / Buddhismus / die Weisheiten des Dalai Lama / die Weisheiten Ihres tibetischen Vajrayana-Yogi erstreckt. Sowie eben auf das, was manche Leute als ihre Ernährungsphilosophie bezeichnen. Denn so faszinierend diese Lehren und Einsichten für Sie auch sein mögen – andere könnten sie langweilen. Ich persönlich kann mir jedenfalls keine durchschnittlich lebensfrohe Person vorstellen, die nicht mit nach hinten fallendem Kopf und offenem Mund einschlafen würde, nachdem ihr Tischnachbar bei einer Abendgesellschaft vier Minuten lang den Unterschied zwischen ovo-lacto-vegetarischer und pescetarischer Lebensweise erläutert hat.

  5. Das Single-Risiko

    In der des Chauvinismus völlig unverdächtigen «Wahrheit»-Seite der deutschen Tageszeitung war kürzlich zu lesen, dass Vegetarismus vor allem ein weibliches Phänomen darstelle. Demnach achten vor allem Frauen auf eine irgendwie als korrekt oder anständig geltende Ernährung. Was nicht heisst, dass sie dies auch bei ihrer Partnersuche leiten würde. Ich zitiere: «Dazu gehört auch, was zwei kanadische Kulturwissenschaftler, Matthew Ruby und Steven Heine, in einer empirischen Studie herausfanden: dass Frauen, denen man unterschiedliche Dating-Profile vorlegte, Männer, die Vegetarier waren, als weniger maskulin einschätzten, sie mithin als potente Liebhaber und potenzielle Väter für ihre Kinder eher ablehnten.» Und die taz fährt fort: «Aber es kommt noch dümmer und dicker, kaum hat dieses junge weibliche Gemüse die 30 überschritten und nennt sich kokett U-40, kleidet es sich zügig sackartiger ein – in Läden für Übergrößen, wo man die Klamotten als ‹bequem und extraweit› bezeichnet. Statt in Salattellern zu stochern, sitzen sie nun in sogenannten Müttercafés, wo sie Biokuchen mit Sahne in sich reinstopfen und Kaffee mit Sojamilch trinken. Wobei sie wie ihre Grossmütter, Gott hab sie selig, ständig beteuern: ‹Nur noch einen kleinen Schluck!› Dabei dämmert es ihnen, dass diese ganze Bauchpflegerei für die Katz war. Innen wie aussen.» Soweit die taz. Man könnte das Ganze vielleicht wie folgt zusammenfassen: Ihre Chancen, liebe Vegetarierinnen, auf eine dauerhafte Beziehung mit einem fleischfressenden proteintriefenden Macho sinken erheblich, wenn Sie allmählich aussehen wie Iris Radisch.

Und damit schliesse ich meinen kleinen Vegetarier-Knigge. Wie jeder Knigge hört er sich zunächst vielleicht ein bisschen restriktiv an, aber dem ist gar nicht so. Es geht im Grunde eigentlich nur darum, nicht gleich aus jedem Tun ein Sein, eine Lebensform machen zu wollen. Die Gefahr gibt es übrigens auch bei Rauchern, Sportlern oder Schreibern zum Beispiel. Und, apropos Rauchen: Vielleicht kann man anderen Menschen den Reiz des Vegetarismus gerade dadurch vor Augen führen, dass man sie nicht auf seine Einschränkungen, sondern auf seine Freiheiten hinweist: Auch Vegetarier können schliesslich rauchen (nicht wenige tun das), trinken (jedenfalls alles, was auf -tini endet), zu Starbucks gehen, Rauschmittel und Tabletten konsumieren – und möglicherweise sogar Pelz tragen. Das Letztere ist jedoch eine offene Frage, zu der ich abschliessend gerne mal wieder Karl Lagerfeld zitieren möchte: «Der Nerz ist ein Schädling.» Und nun entschuldigen Sie mich bitte. Ich muss noch ein paar Impala-Steaks auftauen.

77 Kommentare zu «Knigge für Vegetarier»

  • Gwendolan sagt:

    In der Kürze, nach persönlicher Ansicht und eigener Erfahrung:

    1. Dass Kant als moralische Instanz nicht taugt – und schon gar nicht per se, unkritisch und ohne spezielle Rechtfertigung – sollte sich eigentlich schon länger herumgesprochen haben. Zumindest unter Leuten, welche ihn in einem Zeitungsartikel zu zitieren gedenken. Dass das Motiv ethisch mehr als das Resultat zählen soll, sei bestritten.

    2. Meist beginnt nicht der Vegetarier, über seine Ernährungsüberzeugungen zu sprechen. Eher wird er von den Fleischessern dazu aufgefordert, diese zu erklären & zu rechtfertigen

  • Darja Rauber sagt:

    Selbst wenn der Nerz ein Schädling wäre (was er nicht ist), ist es grausam, ihn zu Tausenden in winzige Käfige zu sperren, wo die Tiere in den Exkrementen aus den Käfigen über ihnen liegen oder vom Eingesperrtsein irre werden und sich ständig im Kreis drehen, und wo sie durch Elektroschläge in Maul und After zu Tode geröstet werden. Aber Herr Tingler glaubt wohl, diese Tiere würden irgendwie „nachhaltig“ und natürlich „human“ vom Fallensteller gejagt! Ach ja, und wer Karl Lagerfeld bewundert, der ist sowieso menschlich und moralisch unten durch! Es gibt schon Gründe, auf Fleisch zu verzichten.

    • mobern sagt:

      @ darja
      Also, ich esse im Fall keinen Nerz, falls dies der Gedankensprung hinter Ihrer Antwort war. Aber ab und zu bin ich „nichtvegetarisch unterwegs“ und geniesse dies. Wenn auch nicht wie die meisten in Bus und Tram, wo am meisten gegessen wird, was auch immer. Und immer auch mit entsprechender Achtung vor jedem Tier. Auf jeden Fall wertschätze ich nicht nur meine Entscheidungsfreiheit sondern auch nichtmossionarisches Leben sehr. Das gilt -für mich- auch bei Rauchen, Sprachwahl im Kindergarten -eigentlich überall wo ich (noch) Herr meiner eigenen Entscheidung bin…

  • Selma sagt:

    Das mit der Small-Talk und Indoktrinationsgefahr sieht in der Praxis eher umgekehrt aus. Meist sind es nämlich die Fleischesser, die fragen, warum man denn Vegetarier sei. Wenn man dann nicht den Spruch 8-jähriger Mädchen „mir tun die Tierli leid“ bringt, sondern das ganze in einen grösseren Kontext (aka Weltanschauung) einbettet, ist es das Gegenüber, das plötzlich anfängt sich zu rechtfertigen und lange Diskussionen anzettelt. Ohne das man ein Wort über Fleischesser verloren häte.

    • Chris Schneider sagt:

      Genau. Diese Erfahrung mache ich auch immer wieder.

    • Adrian Engler sagt:

      Dem kann ich nur zustimmen. Ich glaube, die Situation, dass Vegetarier oder Veganer Fleischesser fragen, warum sie das wirklich essen, und von sich aus missionieren, ist extrem selten. Sehr häufig ist dagegen das Umgekehrte, dass Fleischesser von Vegetariern/Veganern eine Begründung oder Rechtfertigung dafür, dass sie keine Tiere essen, haben wollen.

    • Corinne sagt:

      Oh ja, das kann ich bestätigen. Es ist eher selten, dass der Fakt, dass ich kein Fleisch esse, einfach so akzeptiert wird.

    • Jon Maier sagt:

      Kenne ehrlich gesagt weder das eine noch das andere in meinem Kollegenkreis. Man isst was man will.

  • Mephisto sagt:

    Herlicher Bericht! Interessant sind die Kommentare einiger Vegi-Dogmatiker. Sie können es einfach nicht lassen mit der Moralkeule zu schwingen. Aber das schnallen diese Gutmenschen leider nie. Nehmt zur Kenntnis dass eine Mehrheit der Menschheit gerne Fleisch isst. Findet Euch damit ab. Lasst uns Fleischfresser in Ruhe.

    • Luzifer sagt:

      Leider ist die Welt zu klein für unbegründet egoistisches Verhalten. Unser Planet ernährt keine 4Milliarden Machos, die sich nur dann männlich fühlen, wenn Sie mindestens drei Tiere an einem Tag herunterwürgen! Das hat auch nichts mit Vorliebe oder Geschmack zu tun, sondern mit gesundem Menschenverstand! Und wenn das Denken über den Tellerrand hinaus bereits als moralische Predigt gedeutet wird, bezeichne ich mich sehr gerne als Moralisten!

    • stefan heim sagt:

      ich empfehle allen spöttern die lektüre von „tiere essen“ von jonathan safran foer. ein absolut undogmatisches buch zu diesem thema. es stimmt, dass es quasi religiöse eiferer gibt unter den vegetariern und veganern. das ändert aber nichts an der tatsache, dass massentierhaltung ein verbrechen ist! tiere werden zur ware degradiert. man produziert möglichst kostengünstig unter abscheulichsten bedignungen. warum? nur weil wir sie gerne essen und dazu möglichst billig.

    • Anna sagt:

      Dass es aber meistens die Fleischfresser sind, die nicht damit umgehen können das es Menschen gibt, die kein Fleisch essen, das wollen sie nicht einsehen. Fleischfresser beginnen für Fleisch zu missionieren sobald man sich als Vegi outet, auch wenn der Vegi überhaupt kein Problem damit hat, dass der andere Fleisch isst. Das erlebe ich seit nun 10 Jahren. Nehmt zur Kenntnis, dass eine Minderheit kein Fleisch isst. Findet euch damit ab. Lasst uns Vegis in Ruhe. Schliesslich würde sich auch niemand dafür interessieren, wenn ich sagen würde, ich esse kein Gemüse. Also woher die Abwehrhaltung?

  • Peter michael sagt:

    Die fleischindustrie ist mit allen anderen industrien an raffinesse und verblendungstaktik in ihrer polarisierenden werbung gleichzusetzen. Es gibt keine vegetarismusindustrie. Darum wird der vegetarier in eine quasireligiöse position gedrängt die er tunlichst auch vertreten soll. Diese rolle sucht sich der vegetarier nicht selbst aus. Das hauptproblem besteht schon darin, dass manche, wie der autor, davon ausgehen dass unsere zivilisation ohne fleischverzehr inexistent wäre.

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