Chiffre der Verwahrlosung

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«Männer, die solche Unterwäsche tragen, leben auf Kreta!» Soweit die Feststellung meiner Tante Kitty, als ich im Feinripp-Trägerleibchen an die Tankstelle wollte. Worauf ich erwiderte: «Wieso Unterwäsche, das ist meine Oberbekleidung!» Mit dieser kurzen, aber tragischen Szene werden gleich zwei Problemkreise angerissen, in deren Zentrum das klassische Herrenunterhemd steht: 1. Auch in aufgeklärten Kreisen Mitteleuropas wird dieses Kleidungsstück immer noch assoziiert mit der Libertinage des Südens, mit neapolitanischen Hochbauarbeitern oder eben Anthony Quinn als Alexis Zorbas (und als Zampano in «La Strada», einem der langweiligsten Filme aller Zeiten). 2. Das Unterhemd als Oberbekleidung erfordert daher besondere Umsicht. Natürlich kann man es tragen, wenn man jung und braungebrannt und Trevor Donovan ist – aber dann kann man alles tragen.

Ansonsten ist die Voraussetzung fürs Unterhemd: eine Körperform. Gar nicht mal unbedingt viel Muskeln, sondern vor allem: Proportionen. Auch bei schmalen Männern zum Beispiel kann ein Unterhemd gut aussehen, sofern sie wohlgestalt sind. Zweitens, und wichtiger: Man braucht eine Haltung. Das weisse Feinripp-Leibchen wird im angelsächsischen Raum auch als «wifebeater» bezeichnet, weil man seinem Träger stereotyp eine Tendenz zu Bildungsdeprivation und häuslicher Gewalt zuschreibt, was natürlich klischeehaft und ungerecht ist. Aber der Trick besteht darin, den Ruch der Verwahrlosung, der dem Unterhemd anhaftet, anzunehmen – nicht versuchsweise abzuwehren, indem man sich für irgendeine alberne Kompromisslösung mit Labelaufdruck oder eines dieser seitenfreien Cut-off-Shirts entscheidet. Die können auf der ganzen Welt nur ungefähr 17 Männer tragen, und einer davon ist Redfoo von LMFAO. Gegen Farben hingegen ist bei Leibchen, finde ich, nichts einzuwenden. Sie sehen auf dem Foto oben das zartrosa Exemplar, das ich kürzlich in Paris bei Uniqlo erwarb. Zusammen mit einem dunkelblauen. Meist kaufe ich Unterhemden im Dutzend. Und in den Vereinigten Staaten.

Das Trägerleibchen, meine Damen und Herren, ist also eines jener Kleidungsstücke, wo es darauf ankommt, das Original zu umarmen. Wie Kid Rock, der Ex-On-Off-Favorit von Pamela Anderson, das macht. Der ist nicht im klassischen Sinne hübsch und hat keinen Katalogkörper – doch das Feinripp-Trägerteil, diese alltagskulturelle Chiffre des Outcasts, wird von ihm mit Rock-’n’-Roll ’tude getragen und passt also. Perfekt. Mit der richtigen Einstellung kann man im Unterhemd Pamela Anderson erobern. Und mit der falschen sieht man aus wie Günter Wallraff in «Ganz Unten». Oder wie Ricky Martin. Ansonsten kann man das Unterhemd natürlich immer noch – darunter anziehen. Aber bitte niemals unter einem T-Shirt.

26 Kommentare zu «Chiffre der Verwahrlosung»

  • magister navis sagt:

    Wer punkto Design, Qualität und Comfort etwas höhere Ansprüche an das Trägerleibchen und Ähnliches hat, der möge sich auf die Seite http://www.zimmerli.com/ begeben und dort auf den Button Herren Basics klicken.

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