Das wispernde Monster

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Dieses virtuelle Magazin, meine Damen und Herren, gibt mir endlich eine Rechtfertigung für das, was ich schon lange tun wollte: Leute zu fotografieren, die mir ins Auge stechen. Zum Beispiel die obige junge Dame. Die junge Dame ist etwas unvorteilhaft angezogen und mancher Stilexperte möchte sich vielleicht Feuerquallen auf die Augen legen; aber was mich persönlich eigentlich viel mehr schockt als die junge Dame sind die meisten vermeintlichen Stilexperten selbst. Nach einigen dornenreichen Jahren voller Stippvisiten in dieses Milieu muss ich sagen: Ich habe selten so viele schlecht angezogene Leute gesehen wie im Modegeschäft. Besonders: so viele albern angezogene Männer. Männer sehen ja sehr viel schneller albern aus als Frauen. Und wenn ich zum Beispiel an der Fashion Week in Mailand gespenstisch aufgestutzte Vierzigjährige sehe, die in jammervollem Übermut mit Jungmännerfrisuren, bunten Sonnenbrillen, sogenannten Sommerschals und Umhängetaschen herumstolzierten, dann habe ich ein Gefühl, als würde ich einem Betrunkenen beim Überqueren einer vereisten Strasse zuschauen: Man möchte hinüberlaufen und Hilfe anbieten. Man kann das auch weniger rücksichtsvoll ausdrücken: Wer jenseits der 35 noch den Parolen der Bekleidungsindustrie hinterherrennt, ist eine pathetische Figur. Man kann das auch hübscher ausdrücken: Mode ist was für die Leute, die nicht wissen, was sie anziehen sollen.

Wozu mir Tanya Gold einfällt, eine ganz famose britische Journalistin, die schon vor über zwei Jahren in der Tageszeitung «The Guardian» einen immer noch sehr lesenswerten Beitrag schrieb unter dem Titel «Why I Hate Fashion». Frau Gold vertritt die Auffassung, die Mode, ohnehin eines der grossen Übel des Universums, sei heutzutage schlimmer und dümmer als je zuvor in der menschlichen Zivilisationsgeschichte. Sie quält uns. Sie ist ein ständig wisperndes Monster, das uns manipulieren will, und sie terrorisiert uns mit ihren Abgesandten auf Laufstegen und in Hochglanzmagazinen: anorexische Fabelwesen, ein Drittel Mensch, ein Drittel Make-up, ein Drittel Photoshop, die uns Dinge verheissen, die uneinlösbar sind. Dieses ewige leere Versprechen liegt für Frau Gold ebenso im Wesen der Mode wie der ständige Terror, die dosierte Verabreichung von Selbstzweifel an ihre Opfer.

Soweit Tanyas Sicht. Ich kann sie verstehen, aber ich hasse Mode nicht. Ich hasse bloss die materialistische Doofheit eines bornierten Markenfetischismus, und ich hasse es, wenn sich wieder irgendein schmalwüchsiger Nachwuchsdesigner auf der sogenannten Berlin Fashion Week (Sie wissen ja: contradiction in terms) hinstellt und sagt, also, er fände das total schlimm, wie wenig die meisten Leute über ihre Kleidung nachdächten. Dummes Geschwätz. Tanya Gold hat auch nämlich insofern Recht, als dass vermutlich niemals zuvor in der Zivilisationsgeschichte von so vielen Menschen so viel darüber nachgedacht worden ist, was sie anziehen sollen. Aber dessen ungeachtet finde ich: Die Mode an sich ist überhaupt nicht das Problem. Sie war es nie. Was nämlich ist Mode überhaupt? Versuchsweise könnte man sagen: Mode ist die Gesamtheit an Sachen, Äusserungen und Verhaltensweisen, die dem Zeitgeist gerecht werden. Der Zeitgeist aber ist ein schwer fassliches Phänomen. Versuchsweise könnte man sagen: Der Zeitgeist ist die Gesamtheit der kollektiven Urteile einer Gesellschaft in einem bestimmten geschichtlichen Moment. „Kollektiv“ ist hier das entscheidende Wort. Auf der Seite des Einzelnen, des Individuums hingegen haben wir es nicht mit Mode zu tun, sondern mit Geschmack.

Der Unterschied zwischen Mode und Geschmack

«Mode» und «Geschmack» werden häufig verwechselt. Mode bleibt aber die eine Sache, ein Angebot, und in der Tat wird dieses Angebot heute vielleicht mit drastischeren Mitteln serviert als zu den Zeiten vor Photoshop. Geschmack hingegen, also die talentierte Auslese des Einzelnen aus diesem Angebot jedoch ist die andere Sache, und in der Tat sind die äusseren Freiheiten für diese Auslese heute grösser als je zuvor. Vielleicht fallen deshalb so viele Menschen der Mode zum Opfer.

Wenn ich Peter Sloterdijk wäre, bei dessen Anblick Anna Wintour, die ja jetzt eventuell Diplomatin werden will, sofort tot umfallen würde, würde ich schlussfolgern: Die Mode transzendiert sich im Geschmack. Ich halte es aber lieber mit der fabelhaften Essayistin Fran Lebowitz, die einst schrieb: «Es gibt zwei Hauptgründe, warum wir Kleider tragen: Erstens, um körperliche Makel zu kaschieren, von denen die durchschnittliche Person wenigstens 17 hat. Und zweitens, um reizend auszusehen.» Das ist eine sehr prägnante Umschreibung von Geschmack; und wenn man sich draussen mal umsieht, wird man feststellen, dass nicht wenige Leute weder reizend aussehen noch ihre Makel kaschieren, im Gegenteil. Woher kommt das? Dazu konstatierte Modeschöpfer Oscar de la Renta: To be well dressed you must be well naked. Das heisst: Die Voraussetzung für die Auswahl der richtigen Garderobe, des angemessenen Erscheinens ist, dass man sich in seiner Haut einigermassen wohlfühlt. Die Geschmacksbildung setzt mithin eine gewisse Selbstsicherheit voraus, oder, wenigstens: Selbsterkenntnis. Das heisst auch: Geschmack hat mit Geld gar nichts, mit Bildung nur wenig zu tun. Siehe oben. Oder in Mailand. Ordinäre Wesenheit aber, die Art, Geld geschmacklos zu verwenden, ist so alt wie die Geldgesellschaft selbst, also älter als Elton John. Und was die Albernheit als kulturmorphologisches Phänomen unserer Tage angeht, empfehle ich zum Beispiel die Debatte um Lee Siegels Buch «Are You Serious?» The grain of sand in the oyster that never quite becomes a pearl. Und jetzt höre ich auf mit den Referenzen, denn wenn ich ’nen Dutt hätte, könnte ich sonst als Bibliothekarin durchgehen. Lieber gehe ich raus auf die Strasse, Leute fotografieren.