Wohnen in der Natur

Der Innenarchitekt Jürg Brawand und seine Frau Barbara Knapp wohnen in einem grosszügigen, raffiniert ausgebauten Reihenhaus in Winterthur.

Fotos: Rita Palanikumar für Sweet Home

Nach der Fahrt über die lauschigen Winterthurer Hügel empfängt uns zuerst eine Mauer, die ein wenig an eine Festung erinnert. Sie ist sowohl Eingang als auch Tarnung einer Gruppe moderner Reihenhäuser in Winterthur. Eines davon ist das Zuhause von Jürg Brawand, seiner Frau Barbara Knapp und den beiden Hündinnen Lana und India. Jürg Brawand ist Innenarchitekt bei vsi.asai und in der Geschäftsleitung des renommierten Möbelhauses Teo Jakob, wobei er dort die Innenarchitekturabteilung leitet. Zuvor war er viele Jahre lang selbstständiger Innenarchitekt mit eigenem Möbelgeschäft. Dieses hat er bei seinem Eintritt vor neun Jahren der Firma Teo Jakob verkauft. Da sich im Leben ja oft gleich mehreres zugleich ändert, zog er etwa zur gleichen Zeit mit seiner Frau, die im kaufmännischen Bereich tätig ist, in das aussergewöhnliche Reihenhaus in Winterthur. Das Haus hat der Innenarchitekt im Rohzustand übernommen und den gesamten Innenausbau selbst gestaltet und ausgeführt.

Jürg Brawand und Barbara Knapp wohnten immer in Altbauwohnungen, in der Stadt Zürich. Die Idee, in ein Reihenhaus nach Winterthur zu ziehen, hatte ein alter Schulfreund von Jürg Brawand, der Architekt Peter Kunz. Natürlich handelte es sich um einen speziellen Ort und ein spannendes Projekt. Nachdem der Architekt erfahren hatte, dass auf dem grossen Grundstück, das seit 200 Jahren im Besitz einer Winterthurer Familie aus der Industriedynastie ist, nur zwei Villen gebaut werden sollten, schlug er den Eigentümern ein Projekt mit verdichtetem Bauen vor – mit acht Reihenhäusern und viel grüner Wiese. Die Idee wurde akzeptiert, und das Paar entschied sich für eines der Häuser. Jürg Brawand hat dabei nicht nur den Innenausbau des eigenen Hauses übernommen, sondern gleich noch den von drei anderen. Die zweite Hälfte gestaltete Peter Kunz. Jeder Hausbesitzer konnte nicht nur seinen Ausbau wählen, sondern auch den dazugehörigen Garten frei gestalten. Dies gilt jedoch nur bis zum Mauerende. Denn im offenen Bereich sorgt ein durchgehendes Landschaftskonzept für viel Grosszügigkeit.

Die Häuser sind einstöckige Bungalows. «So bieten unsere Reihenhäuser die totale Privatsphäre, obschon sie aneinandergebaut sind. Die grossen Fenster mit Sicht in den Wald brauchen keine Vorhänge. Das Ziel der Architektur, die Verschmelzung von Aussen- und Innenraum, ist gelungen. Mit einer Durchstanzung mit Oberlichtern und Innenhöfen haben wir das zusätzlich forciert», erklärt der Innenarchitekt. Grosse Mauern teilen die privaten Gärten, trennen sie aber nicht total. 

Bewusst hat der Innenarchitekt im Wohnzimmer die Sofas so platziert, dass sie sich in den Raum öffnen. «Das wirkt nicht nur freundlicher und einladender, sondern ist ganz klar wohnlicher. Es ergibt nicht viel Sinn, nachts in ein schwarzes Fensterloch zu schauen. Die Aussicht ist ja immer da, man nimmt sie also automatisch wahr. Zudem möchte ich beim Eintritt ins Wohnzimmer nicht von Sofarücken empfangen werden.» Auch seine Raumaufteilung hat Jürg Brawand nicht traditionell gewählt. «Normalerweise befinden sich die Schlafräume gegen Nordosten und die Wohnräume gegen Südwesten. Ich habe das umgekehrt. So wohnen wir gegen Nordosten, wo die Sonne von Mittag bis Abend die Landschaft anscheint – statt einfach prall in den Raum reinzustrahlen. Könige haben früher auch so gewohnt», erklärt der Profi.

Obschon er an der Quelle ist, wechselt Jürg Brawand die Möbel nicht oft. «Lieber die Bilder», lacht er. Jedes Möbel hat aber eine kleine Geschichte. So ist etwa das De-Sede-Sofa, das auf dem Bild gerade wunderschön von einem Oberlicht beleuchtet wird, aus den 70er-Jahren und aus dem Elternhaus von Jürg Brawand. «Ich bin damit aufgewachsen.» Dazu hat er ein neues Flexform-Sofa und einen alten dänischen Stuhl gestellt. Überall sind Beistelltischchen und Leuchten. «Die Accessoires sind zufällig, Spontaneinkäufe und Stücke, die wir aus den Ferien mitgebracht haben. Auf jeden Fall nicht Deko, sondern Gebrauchsgegenstände», meint Jürg Brawand.

Bei dieser königlichen Aussicht passt die Krone, eine Schale von Sottas, natürlich perfekt. «Blumen sind immer im Haus», sagt Jürg Brawand. Er kauft sie gern auf dem Markt oder bei Blumen Schipfe, einem Geschäft von Freunden. Bilder haben eine grosse Bedeutung für ihn, er besitzt viele, und sie sind im ganzen Haus verteilt. Auch die Bilder erzählen persönliche Geschichten, und viele Bilder, wie etwa dieses dunkle abstrakte Bild hinter den Vasen, sind von einem guten Freund, Andi Denzler.   

Durch die vielen Bilder und die Sicht auf das Wohnzimmer wirkt der Essbereich sehr wohnlich. «Im Sommer öffnen wir die Fenstertüren, und alles wird zu einem grossen Raum», so Jürg Brawand. 

Die Industrieküche von Rametal hat der Innenarchitekt nach eigenen Vorstellungen geplant und zusammengestellt. Dabei hatte er bei der Rückwand einen Rahmen eingesetzt. Diesen wollte er mit einer geeigneten Füllung versehen. Das schicke Holzregal sieht zwar aus wie geplant, ist aber viel später entstanden. «Irgendeinmal waren da einfach zu viele Kochbücher, da kam mir die Idee, ein Regal in den Rahmen zu bauen. Ich mag Ergänzungen, die so wirken, als wären sie von Anfang an geplant gewesen», erklärt der Einrichter seine Kreation. Was er verabscheut, sind Gags und künstlich Aufgesetztes. Das Bücherregal verstärkt zudem die Wohnlichkeit im Essbereich. 

Von der Küche aus sieht man einen der vielen Innenhöfe des Hauses. Die Höfe schaffen viel natürliches, wunderschönes Licht und vergrössern den Wohnraum. Im Winter eher optisch, im Sommer räumlich. Barbara erklärt, dass die beiden Hunde Lana und India im Sommer gern in diesem Innenhof liegen, weil er so schön kühl ist. Sehr interessant ist es, dass es im Haus zwei Küchen gibt. 

«Da wir in Zürich immer in Altbauwohnungen lebten, hatten wir in der Küche jeweils einen kleinen Tisch zum Frühstücken. Einen solchen Platz wollte Barbara unbedingt auch im Haus. Auch kochen wir beide gern, und so ist die Idee von zwei Küchen entstanden.» Aus dem Reduit wurde die zweite Küche. Wie eine Schiffskombüse ist diese cosy, privat und ein echtes Rückzugsgebiet. Jürg Brawand schwärmt von seinen kleinen Wohnplätzen. Er hat sie überall eingerichtet, die Orte, an denen man sich hinsetzen und das Wohnen in vollen Zügen geniessen kann. Vorbild dafür waren ihm die Hotels, die das Paar gern besucht. «In Hotels gibt es so viele Möglichkeiten, wo man sich einfach niederlassen kann und die Aussicht, das Licht oder einfach die Schönheit des Ortes geniessen kann. Das wollten wir auch zu Hause umsetzen.» 

Das Paar hat, wie in der Gastronomie, eine kalte und eine warme Küche. Die Industrieküche, mehr Jürgs Quartier, ist die warme Küche. Die kleinere mit Barbaras Bistrotischchen ist die kalte Küche und für Salatzubereitung, Frühstück, gemütliche Tee- und Kaffeepausen und kleine Mahlzeiten in Gebrauch. 

Ein anderer Innenhof gehört zum Bad. Hier bekommt die einzigartige Privatsphäre, die der Bungalow bietet, eine starke Bedeutung: Man kann nämlich auch draussen unter freiem Himmel duschen – ohne, dass jemand hereinsieht. Jürg Brawand mag dunkle Bäder. «Sie sind so viel sinnlicher und gemütlicher als die weissen, clean und steril wirkenden Badezimmer.» 

Diese Sinnlichkeit wird im Innenhof weitergeführt. Er ist mit Kastanienholz ausgebaut und bekommt damit eine asiatische Anmutung. Hauptdarsteller im Hof ist der fantastische, knorrige Rhododendronbaum, der zudem für Schatten sorgt. 

Das Spiel mit Licht und Schatten ist ein wichtiger Bestandteil der Innenarchitektur. Im Gästebad kommt das Licht wieder von oben und sorgt für eine wunderschöne, sanfte Lichtstimmung. Dabei kommen auch die vielen edlen Materialien in ihrer ganzen Schönheit zur Geltung. «Sinnliche Materialien und Handarbeit sind für mich das Wichtigste bei einem Innenausbau», beschreibt Jürg seine Wahl. In den Bädern hat er handgemachte Glaskeramikplättchen eingesetzt. «Jedes ist anders, und zusammen entsteht eine einzigartige Textur, die nicht zu vergleichen ist mit industriell gefertigten Varianten. Die Wände sind aus Sumpfkalk. Das ist ein organisches Material, welches von Hand aufgetragen wird, Werkspuren zeigt und somit lebendig und ein wenig archaisch wirkt.»

Auch der Beton im Eingangsbereich ist kein normaler, wie wir lernen, sondern gestockter Kalkbeton. Das bedeutet, dass er am Schluss mit einem Stockhammer – ein Hammer, der eine Art Zähne hat – bearbeitet wird. Das gibt ihm seine Struktur und Lebendigkeit und macht ihn optisch textiler.

Dieser Hocker von Poliform hat Jürg und Barbara in alle ihre Wohnungen begleitet. Er stand über 20 Jahre in den jeweiligen Eingängen. «Altbauwohnungen haben Eingangshallen, keine dunklen kleinen Entrees. Das wollte ich auch für unser Haus.» Der Hocker dient dazu, die Schuhe an- und auszuziehen, darüber hängt ein grosses Bild von H. A. Sigg.

Genauso wie der Innenarchitekt beim Eintritt in sein Haus nicht von einem Kleiderhaufen begrüsst werden möchte, will er auch nicht schon die ganze Wohnung sehen. So arbeitete er mit Korridoren und Zwischenräumen. Diese schöne Idee wirkt geheimnisvoll und vermittelt mehr Grosszügigkeit als riesige offene Räume. Zudem hat der Kunstliebhaber Wände für seine vielen Bilder. Eine Wand des Korridors dient als grosse Schrankwand und Ankleide. Die Schränke sind von Hand gestrichen mit einer Farbe, die einen sanften Glanz hat und perfekt zu den Sumpfkalkwänden passt. Wichtig ist auch hier das Licht. Es kommt von oben. Man geht im ganzen Haus immer dem Licht entgegen. 

Korridore laden ein, auf Entdeckungsreisen zu gehen. Sie haben etwas Beruhigendes und bringen Spannung in die Architektur. Von diesem Gang gelangt man in die Schlafräume und ins Bad. Das Bild am Ende dieses Korridors hat Jürg Brawand von seiner Mutter zum 20. Geburtstag bekommen. Es ist von Georges Wenger, einem Künstler, der im gleichen Dorf sein Atelier hatte. «Das Bild mag ich heute noch, es zeigt ein Fassadenstück des Plaza-Hotels in New York – eine Stadt, die Barbara und ich viel bereisten», erzählt Jürg. Sehr schön ist hier auch der massive Eichenboden erkennbar.

Ein anderer Eingang, den Barbara und Jürg im Alltag benutzen, führt von der Garage in die Eingangshalle. Er dient als sogenannter «Mudroom», ein Zimmer in dem man Schuhe, Jacken und Hundeleinen ablegt. Er ist praktisch und einfach zugänglich eingerichtet. 

Entlang des Korridors befinden sich drei Zimmer. Alle, wie hier auch das Schlafzimmer, führen mit grossen Schiebetüren hinaus in einen grossen Innenhof. 

Eines der drei Zimmer dient als Gästezimmer und Homeoffice. Das mittlere Zimmer ist Barbaras Büro. Die Schiebetüren lassen sich so weit schieben, dass sie ganz ins benachbarte Zimmer verschwinden und ein Zimmer fensterfrei und total offen wird. 

Der grosse Innenhof ist mit Kiesboden versehen, als Kontrast zum grünen Garten. Die Gestaltung mutet ein bisschen japanisch an, ist aber viel freier, und es gibt Pflanzen wie Lavendel oder Jasmin. Darin befindet sich auch ein alter Brunnen, der ursprünglich fast am gleichen Ort gestanden ist. Er wurde bloss 20 Meter bewegt. 

Die Bäume, die im Innenhof angepflanzt wurden, sind die gleichen, die auch sonst auf dem Grundstück wachsen. So fügt sich alles harmonisch zusammen, das Bestehende und das Neue. 

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