Was uns die Zwanzigerjahre brachten

Von Bauhaus bis Jazz: Vieles von dem, was vor hundert Jahren Design und Kultur revolutionierte, ist immer noch aktuell.

1 — Das Bauhaus

Die Moderne, wie wir sie heute kennen, ist nun ziemlich genau 100 Jahre alt. In Sachen Architektur und Design haben wir dem Bauhaus sehr viel zu verdanken. Die wohl revolutionärste Kunstschule hat uns nämlich das Industrie-Design, die moderne Architektur und die Liebe dafür gebracht.

So haben die grossen Fensterfronten, die wir heute überall in der Architektur sehen, ihren Beginn im Bauhaus. Der berühmte Walter Gropius, der erste Direktor der Bildungsstätte, hat bereits an seinem ersten bedeutenden Bau, dem Fagus-Werk, das er 1911 mit Adolf Meyer baute, Glasarchitektur eingesetzt. Und zwar in einer Art Vorhangfunktion. Diese ist auch im Bauhaus-Gebäude in Dessau zu finden. Das bewusste Einsetzen von Farbe unterstützt die klaren Formen der Räume. Die Farben unterstreichen ebenfalls die Überzeugung von Gropius, dass die Architektur die wichtigste Form der gestalterischen Kunst sei. Besuchen Sie mit mir das Bauhaus in Dessau. 

Und wer das Bauhaus dramatisch erleben möchte, dem empfehle ich die Fernsehserie über das Bauhaus, «Die neue Zeit». Die Geschichte der Zeit des Bauhauses in Weimar wird mit einer Liebesgeschichte zwischen Gropius und einer seiner Schülerinnen erzählt. Die Serie zeigt sehr gut auch die Rollen, welche die Frauen im Bauhaus hatten. Die Gleichberechtigung, die zwar zum Credo der Schule gehörte, war keine Realität. (Bilder: MKN)

2 — Designikonen

Ein Begriff, der stark die Gegenwart prägt, ist «Branding». Liebten wir in den 80er-Jahren Labels, sind es heute die «Brands». Dabei spielt natürlich das Design eine grosse Bedeutung, und dieses hat seinen Ursprung in den letzten Zwanzigerjahren. Heute gehört es zum guten Ton, eine Corbusier-Liege, einen Eames-Sessel oder einen Tisch von Prouvé zu besitzen. Solche Designikonen sind nun Statussymbole. Sie sind die Erzeugnisse der Suche nach neuen Formen, der Verbindung von Kunst und Handwerk und wurden entwickelt für die serielle industrielle Produktion. Dieses Prachtstück von Gerrit Rietveld wurde 1918 entworfen und 1923 produziert. Der abgebildete Stuhl ist erhältlich bei 1stDibs.  

3 — Die Wohnfarbe Weiss 

Ich propagiere hier immer wieder, Farbe in der Wohnung zuzulassen. Dies, weil Weiss schon lange zum Standard in allen Wohnungen geworden ist und es oft einfach zu langweilig wirkt. Vor hundert Jahren war das völlig anders! Die Wohnungen des 19. Jahrhunderts waren dunkel, überfüllt, üppig und stickig. Man sah frische Luft gar als gesundheitsschädigend an. So hielt man die Fenster geschlossen, und Balkone gab es höchstens kleine, die sich auf die Strasse richteten, damit man von ihnen aus Paraden anschauen konnte. Andersdenkende und stilprägende Menschen rüsteten sich gegen den Status quo und machten Weiss modern.

Eine der ersten, die das kommerzialisierten, war Syrie Maugham. Als sich ihr reicher, berühmter, homosexueller Ehemann, der Schriftsteller William Somerset Maugham, von ihr trennte, musste sie Geld verdienen. Es gab damals noch nicht viele Möglichkeiten für Frauen von Stand, berufstätig zu werden. Interiordesign bot da eine perfekte Nische. Syrie wurde eine der ersten Interiordesignerinnen, machte die neue Wohnfarbe Weiss zu ihrer Erfindung und etablierte sich mit ihrem schlichten, eleganten Stil. Sie hat übrigens schon damals Orientteppiche gebleicht und weisse Sofas entworfen. Lesen Sie das Buch über Syrie Maugham (Bild links), und tauchen Sie ein in meine Geschichte, die ich über die Interiordesignerin geschrieben habe. (Bild rechts aus der Sweet-Home-Geschichte: Blütenweisse Wohnideen.)

 

4 — Art déco

1925 gab es in Paris eine Ausstellung, die «Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes». Es war eine Weltausstellung des Industriedesigns und des Kunsthandwerks. Seit da nennt man den berühmten dekorativen Stil dieser Zeit Art déco. Doch so richtig durchgesetzt als Stilbegriff für diese Zeit hat sich Art déco erst in den 60er-Jahren. Anders als etwa der Jugendstil, der Biedermeier oder der Rokoko, ist der Art déco ein rein dekorativer Stil. Die Künstler in dieser Zeit widmeten sich etwa dem Kubismus oder Fauvismus. Gemälde im Art-déco-Stil hat die polnische Malerin Tamara de Lempicka geschaffen. Madonna besitzt zum Beispiel eine grosse Sammlung dieser Künstlerin. In den 80er-Jahren feierte der Art déco denn auch sein grosses Revival und diente als Inspiration für den Postmodernismus. Memphis oder Werke des Schweizer Architektenpaars Trio und Robert Hausmann sind gute Beispiele für Möbel, die in dieser Zeit entstanden sind, und der Abraxas-Palast in Paris Marne la Vallée von Ricardo Bofill für die Architektur. 

Der Art déco zeigt oft Elemente aus fernen Kulturen – Asien etwa, das alte Ägypten oder die Tropen. Er begann, wie es sein Name auch sagt, im reinen hochwertigen Kunsthandwerk. So waren die ersten Art-déco-Werke denn auch luxuriös. Und wo Luxus und Glamour sind, ist auch Hollywood nicht weit. So zeigen die Filme, vor allem jene aus der Great Depression, welche auf die stürmischen Zwanzigerjahre folgte, luxuriöse weisse Art-déco-Interieurs, welche dann den Stil weltweit begehrenswert machten. Art déco wurde ein Konsumboom und der erste Stil, der in Massen produziert wurde. 

Das Bild links zeigt das Palladium Building in London mit ägyptischen Dekorationen, MKN. Bild rechts: Ein Paravent, den man bei 1stDibs erstehen kann. 

5 — Die Wolkenkratzer

Heute prägen Hochhäuser jede grosse Stadt. Ihren Ursprung haben sie in Amerika. Dort begann man bereits Ende des 19. Jahrhunderts, überhohe Häuser mit vielen Stockwerken für Büros und Wohnungen zu bauen. Die Zwanzigerjahre aber waren Boomjahre, und so schossen die Häuser in immer neue Höhen. Viele bekannte Wolkenkratzer sind Art-déco-Gebäude. Eines der eindrücklichsten ist bestimmt das Chrysler Building in New York. (Postkartenprint über: Etsy)

6 — The Lost Generation

Niemand beschrieb die Zwanzigerjahre so eindrücklich wie Scott F. Fitzgerald. Der Schlüsselroman der Zeit «The Great Gatsby» ist heute so aktuell wie damals. Das Streben nach dem schnellen Geld, der Wunsch nach Luxus, Ruhm und Bekanntheit sind immer noch sehr bekannte Werte. Dass der Preis dafür ein hoher ist, haben die Zeitgeschichte und viele persönliche Schicksale der Künstler und Ikonen der Zwanzigerjahre gezeigt. Die Schriftsteller dieser Epoche kennt man auch als die «Verlorene Generation». Dazu gehören unter anderen Ernest Hemingway, John Dos Passos, T. S. Eliot oder Sherwood Anderson. Es lohnt sich, ihre Werke wieder zu lesen – auch ihre Biografien. 

Das Traumpaar des Jazz-Zeitalters bildeten Scott und Zelda Fitzgerald. Sie haben gefeiert, getanzt, getrunken, waren eine Art Popstars, und ihre Liebesgeschichte liest man in praktisch allen Werken von Scott Fitzgerald und in ihren Liebesbriefen. Bild rechts: MKN.

7 — Der Jazz

Den Rhythmus für die stürmischen, schnellen Zwanzigerjahre gab der Jazz an. Diese wilde, neue Musik entstand aus vielen verschiedenen Genres in der afroamerikanischen Kultur wie etwa dem Blues und dem Ragtime. Sie kommt aus den Südstaaten Amerikas. In den Zwanzigerjahren wurde sie populär, das bedeutet, sie machte den «Crossover» in die weisse Kultur. Denn alle wollten plötzlich zu Jazz tanzen und feiern. Viele der angesagten Jazzclubs der Zeit, wie etwa der Cottonclub in Harlem, in denen Grössen wie Duke Ellington oder Cab Calloway spielten, hatten ein weisses Publikum. Ohne den Jazz und die Jazzkultur der Zwanzigerjahre hätten wir keinen Hip-Hop, keinen Rap, keinen R’n’B – und keine Coolness! (Bild über: Bellatory)

8 — Der Charleston

… und natürlich auch keinen Breakdance. Der populäre Tanz der Zeit war der Charleston. Den konnte natürlich Josephine Baker besonders eindrucksvoll dem Publikum näherbringen. (Bild: Wikimedia)

9 — Die Flappers

Da man beim Charleston wie ein Vogel mit den Armen herumflatterte, nannte man die Girls, die ihn tanzten, die «Flappers». Zelda Fitzgerald war ein typischer Flapper. Die jungen Frauen von damals hatten sich befreit von alten Traditionen und Zwängen. Sie tauschten Korsetts und lange Röcke in kurze, bis auf die Hüften gerade geschnittene Kleider ein. Sie rauchten, tranken, fuhren Autos, hatten kurze Haare und bestimmten ihr Liebesleben selber. Die Zwanzigerjahre waren die Zeit der Jugend und die Reaktion auf den Ersten Weltkrieg. Man fühlte, dass das Leben nicht endlos ist, und wollte es geniessen, solange man es hatte. (Bild über: History Collection)

10 — Das It-Girl, der Bob, die Stars und die neue Mode

Der typische Flapperdress hatte Fransen und Rüschen am Rockteil, damit diese beim Tanzen wie Federn herumflatterten. Er liess aber auch Bewegungsfreiheit. Das war neu in der Mode. Coco Chanel hat dazu viel beigetragen. Sie machte die bequeme Kleidung zur Mode, entwarf Modeschmuck, damit sich Frauen mit wenig Geld schmücken konnten, und revolutionierte die Modewelt. Frauen begannen Hosen anzuziehen und zeigten sich tagsüber im Pyjamalook. Die langen Haare wurden zu kurzen Bobs geschnitten, und dank Hollywood wurden viele Frauen zu Stars. Clara Bow (Bild rechts, über Redbookmag) wurde das erste It-Girl – eine Bezeichnung, die heute Frauen wie Sienna Miller zugesprochen wird. Es bedeutet, dass sie nicht einfach bloss ein Star sind, sondern das gewisse Etwas haben wie Stil und Charisma. Clara Bow verdankte diesen Titel dem Film «It», in dem sie 1927 die Starrolle hatte. Auf dem Bild links ist die Stilikone und Filmschauspielerin Louise Brooks zu sehen, über Pinterest)

7 Kommentare zu «Was uns die Zwanzigerjahre brachten»

  • Markus Moreno sagt:

    Die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts waren wunderbare Jahre. Ein Vorbild für uns alle. inkl. der Tatsache, das danach der schlimmste Krieg der Weltgeschichte ausbrach.

  • Fritz Blumer sagt:

    „Was?“, dachte ich entsetzt, ein richtig schöner Artikel über die roaring twenties, und nicht ein Wort über die wunderschöne, wunderbare Louise Brooks?
    Und dann, in der aller-allerletzten Zeile…
    und alles war wieder gut!

  • Akire sagt:

    Im Filmpodium in Zürich läuft aktuell das wunderbare Stummfilmfestival mit Live-Vertonungen: https://www.filmpodium.ch/reihen-details/57707/stummfilmfestival-2020. Für April ist sogar eine Filmreihe mit der unvergesslichen Louise Brooks angekündigt, dem „girl in the black helmet“.
    Es gibt viel zu entdecken…

  • Marusca sagt:

    Fast als ob es heute wäre! Ich lese gerade einen Roman über diese, besonders für die jungen Frauen jener Jahre, bahnbrechende er- und belebende, vergnügte Zeit, deren Lebensgefühl allerdings eher in Städten wie Berlin, Paris etc. ausgelebt wurde und jenen Menschen vorbehalten war, die über gewisse pekuniäre Mittel verfügten, um das neue süsse (und oft lasterhafte) Leben auch wirklich in vollen Zügen geniessen zu können. Mit den Möbeln der Designer dieser Zeit, kann ich allerdings wenig anfangen. Zu streng, zu nüchtern, zu formlos. Und nein, für mich muss es weder der Corbusier-Stuhl, noch der Saarinen-Tisch etc. sein.

    Dies war die erquickliche Zeit vor der grossen Katastrophe, von der die Menschen damals nicht einmal ansatzweise erahnen konnten, was bald über sie hereinbrechen würde..

  • Martina Kerger sagt:

    Ein wunderbarer Artikel, vielen Dank :-) !

  • Zet Winter sagt:

    Die 20er Jahre waren nicht nur ergiebig in Design und Kultur, sondern auch in der Wissenschaft: Erich Fromm, Einstein, Heisenberg, Schrödinger etc, und wirken bis heute nach.

    Nicht umsonst heisst es „Goldene Zwanziger Jahre“

  • Elaine sagt:

    Großartig und erhellend, besonders die Bezüge zu heute wie die weißen Wände und großen Fenster. Auch das Apple-Design von Jonny Ives hat sichtbar die Wurzeln in dieser Zeit.

    Sehr gern mehr in dieser Richtung, ein wenig Kunstgeschichte mit dem Blick zu Heute ist ein großer Lesegenuss.

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