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Ich bin dann mal so Frei

Thomas Kobler am Montag den 15. April 2013


In der 57. Minute legte er sich den Ball zum Freistoss zurecht und zimmerte ihn FCZ-Hüter Da Costa zum Ausgleich ins Lattenkreuz. Nach 63 Minuten zeigte die kleine Anzeigetafel seine Nummer 13. Alex Frei ging ein letztes Mal als Profi vom Platz. Das Basler Publikum hatte sich erhoben und verabschiedete seinen Helden der letzten drei aufeinander folgenden Meistertitel, zweier Cup-Siege und einiger unvergesslicher europäischer Cup-Abende mit der verdienten Standing Ovation für sein fussballerisches Lebenswerk. Einige schluckten leer, feuchte Augen sah man auch – das wars.

Wenn am Taufbecken der Name Alexander fällt, dann werden einem Sprössling auch gleich richtig grosse Schuhe hingestellt, die mit diesem Namen und dessen unausgesprochenem Zusatz – «der Grosse» – fast unweigerlich verknüpft sind. In seinem Fall könnten es Stollenschuhe gewesen sein, die es zu füllen galt. Weil jeder es mitverfolgen konnte – Live-Spiele, Tabellen, Torjägerlisten oder Youtube-Clips lügen selten bis nie – und jemand auch schon ein Buch über ihn geschrieben hat, ist es kein Geheimnis mehr: Alex Frei hat seinem Vornamen ziemlich Ehre gemacht.

Rekordtorschütze: Frei, hier bei einem Freundschaftsspiel gegen Liechtenstein 2008, traf in 84 Spielen für die Nationalmannschaft 42 Mal. (Bild: Keystone)

Rekordtorschütze: Frei, hier bei einem Freundschaftsspiel gegen Liechtenstein 2008, traf in 84 Spielen für die Nationalmannschaft 42 Mal. (Bild: Keystone)

Den grossen Makedonier und auch den mittelgrossen Basler konnte kaum etwas von ihren Wegen abbringen. Verletzungen – auch schwere – wurden auskuriert, Mund oder Tränen abgewischt und weiter ging es dem nächsten Ziel entgegen. Den gordischen Knoten löste Alexander mit einem beherzten Hieb – Frei suchte Entscheidungen auch mal mit einem direkten Freistoss. Und nein, die hiessen schon immer so. Wie der Griechen grösster Sohn kam auch der Eidgenossen grösster Goalgetter ziemlich herum in der Welt. Alexander eroberte Völker und Reiche – Alex europäische Fussballarenen und -ligen.

Wie man Triumphe richtig begeht, damit hatten beide zwischenzeitlich ihre liebe Mühe. Nach seinem Sieg über den Perserkönig Darius III. liess Alexander Persepolis schleifen und brandschatzen, aber nie hätte er, wie Frei bei seinem 40. Nati-Goal, den eigenen Mitstreiter weggestossen, nur um sich einen Moment lang solitär im Glanz des historischen Augenblicks zu sonnen. Tatsächlich soll der antike Held sogar einmal von Diogenes mit «Geh mir ein wenig aus der Sonne!» angewiesen worden sein – weiss zumindest die Anekdote. Das hätte mal einer beim Alex versuchen sollen; der wäre womöglich in der kroatischen Nationalmannschaft gelandet – das wüsste Petric. Sogar was das Karriereende angeht, bewegen sie sich beinahe im Gleichschritt: Alexander der Grosse trat mit dreiunddreissig Jahren von der Weltbühne ab – Alex Frei vom grünen Rasen.

Spieler des Jahres: Frei wird in der Nacht des Schweizer Fussballs 2012 ausgezeichnet. (Bild: Keystone)

Spieler des Jahres: Frei wird in der Nacht des Schweizer Fussballs 2012 ausgezeichnet. (Bild: Keystone)

Wie gross ein Marksman (engl. Scharfschütze) im Fussball sein kann, wird gegenwärtig zwar von einem kleinen Argentinier und einem eitlen Portugiesen neu definiert, aber nach den bisher gebräuchlichen Statistiken darf man Alex Frei uneingeschränkt zu den Grossen seiner Zunft zählen. Seine Werte stehen denen eines Henry, Klose, Baggio, Shearer oder Raúl in nichts nach. Machen wir uns also nichts vor, so einen wie ihn werden wir im roten Nati-Trikot so schnell nicht wieder erleben können. Im Guten, wie im weniger Guten.

Frei wäre nicht Frei, wenn er sich auf seinen Lorbeeren ausruhen würde. Die nächste Herausforderung erwartet ihn schon heute an seinem neuen Arbeitsplatz, beim aus dem Ruder gelaufenen FC Luzern. Frei wäre auch nicht Frei, wenn er nicht völlig überzeugt wäre, dass er das Innerschweizer Fussball-Flaggschiff wieder auf Kurs bringen könnte: «Ich bin überzeugt, die richtige Wahl getroffen zu haben …», sagte er jüngst auf der Pressekonferenz.

Dabei, und auch sonst im Leben, wünsche ich ihm auf jeden Fall viel Glück und alles Gute. Ein Kapitän ist vom Platz gegangen.

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22 Kommentare zu “Ich bin dann mal so Frei”

  1. Roger Beljean sagt:

    DANGGE ALEX. In ein paar Jahren sehen wir uns wieder – beim FCB als Sportchef…

  2. E. Schönbächler sagt:

    Eine unvollendete Karriere könnte man Alex Freis Fussballerlaufbahn überschreiben.

    An der Euro im eigenen Land stoppte ihn eine Verletzung schon nach wenigen Minuten. Die Nati verabschiedete sich daraufhin auch so schnell wie möglich aus dem Heimturnier.

    Die Nati-Karriere endete zweieinhalb Jahre später im heimischen St. Jakobs-Park unter Pfiffen. Eine unglückliche Geschichte zwischen dem nicht immer pflegeleichten Goalgetter und dem Nationalmannschaftspublikum. Ein voll motivierter Alex Frei hätte der Nationalelf noch einige Tore und Punkte bescheren können.

    Doch Tempi Passati. Was ich aber nicht verstehen kann ist der abrupte Rücktritt mitten in der Saison. Basel kämpft mit GC um den Meistertitel und hat den Rekordmeister noch lange nicht entscheidend zurückgebunden. Im Cup wartet der heisse Tanz im Tourbillon gegen die Cup-Mannschaft schlechthin sowie ein allfälliger Final gegen einen alten Zürcher Rivalen. Und einen Europacup-Halbfinal bestreitet ein Schweizer Fussballer auch nicht jedes Jahr.

    Natürlich ist das Angebot als Sportchef des FC Luzern verlockend. Zumal in der Innerschweiz der Grundstein für seine grosse Karriere gelegt wurde und ihm deshalb der FCL besonders am Herzen liegt. Doch mir kommt es so vor wie wenn Didier Cuche vor der Lauberhorn-Abfahrt (mit intakten Chancen für einige Weltcupkugeln) seine Karriere beendet hätte um bei einer Konkurrenz-Skifirma mit Problemen als Berater einzusteigen.

    Meiner Ansicht nach hätte Alex Frei die Saison als Basel-Spieler beenden sollen. Ein gutes Jobangebot hätte er bald wieder bekommen und so noch einige unvergessliche Spiele auf dem grünen Rasen (und eventl. Titel) erleben können.

    Trotz meiner kritischen Worte möchte ich noch anmerken dass mit Alex Frei einer der besten Spieler in der Schweizer Fussballgeschichte die Schuhe an den Nagel gehängt hat.

    Danke Alex Frei!

    • Kahn sagt:

      Ein JOB Angebot welches passt, kommt im Fussball nicht häufig vor. Wie auch ein Transfer. Dann muss man abwägen, dies mit sich selbst ins Reine bringen, mit dem Arbeitgeber eine für beide Seiten vernünftige Lösung finden und dann entscheiden. Mit dem Sieg gegen den FCZ, dem Traumtor zum 1:1, ist alles hervorragend aufgegangen für alle Beteiligten.

  3. Buschbrenner Rudi sagt:

    Da stimme ich uneingeschränkt zu; einen wie Alex werden wir sowohl im Nati-Trikot wie auch in rotblau nicht so schnell wieder sehen! Danke Alex! Danke für die wunderschönen Momente welche Du uns beschert hast, die Emotionen und die Titel. Ich bin froh diese Zeit – meist vor Ort in den Stadien – miterleben zu dürfen und ab heute darauf zurückblicken zu können. Wie dem so ist, einmal endet jede Ära, besonders schade wenn es diejenige vom besten Fussballer ist, welchen ich je beim FC Basel gesehen habe. Alex’s FREIstösse sind unvergleichlich, der Torinstinkt unnachahmlich und die Winnermentalität herausragend. Auch wenn ihn nicht alle gemocht haben – Neid ist die grösste Anerkennung – gehe ich stark davon aus, dass auch diese Leute seine Leistung entsprechend einordnen können. Danke Alex und alles Gute für Zukunft!

  4. Peter Essig sagt:

    Zu seinem Abgang:
    Interessant zu hören, wie Frei von 4 Jahren beim FCB sprach, während Bernhard Heusler von 3 3/4 Jahren sprach.

    Zu seiner Natikarriere:
    Zu viele die negativen Erinnerungen um ihn wirklich für den grössten zu halten. Da war mir ein zB Kubi definitiv lieber oder ein Chapuisat.
    Kubi weil er unvergessliche Spiele lieferte (im Unterschied zu Frei…bezeichnend dass gestern beim Rückblick ein Tor gegen Liechtenstein gezeigt wurde)
    Und Chapuisat, weil er durch seine Präsenz den Raum schuf, den andere brauchten (zB Knup)

    Aber vielleicht ist es auch nur mein Alter schuld und bei den anderen beiden schwelgt jugendliche blauäugigkeit mit.

    • Joos Tarnutzer sagt:

      @essig: sie meinten wohl sein 40. Goal für die Nati in Riga gegen Lettland – das zwischenzeitliche 0:1 in einem Spiel das 2:2 endete. In der Quali für die WM in Südafrika – die Schweiz hat sich ja bekanntlich qualifiziert!!!

      Ob man ihn mag oder nicht, ob man ihn den Grössten findet oder nicht … er ist jedenfalls definitiv Rekordtorschütze der Nati mit seinen 42. Treffern. Und entgegen böser Unterstellungen waren das eben nicht nur “kleine” Gegner oder “unbedeutende” Treffer. z.B. 2 der 4 schweizer Treffer an der WM 06 in Deutschland!!! Oder um überhaupt dort zu landen der zwischenzeitliche 0:1 Führungstreffer nach 2 Minuten im Barrage Rückspiel in der Türkei (denkwürdiges Spiel mit bösem handgreiflichem Nachspiel).

      • Peter Essig sagt:

        Und bei einem Treffer an der WM war ich sogar live dabei und habe mitgejubelt.

        Trotzdem ärgere ich mich viel mehr über das Handspiel gegen Frankreich, welches den Siegtreffer von Djourou verhinderte. Oder diese unselige Geschichte um Petric. Und nehme zur Kenntnis, dass die Stimmung in der Nationalmannschaft seit seinem Rücktritt deutlich verbessert scheint.
        Es sind solche Charakterzüge, welche ihn für mich nicht zum “Grössten” oder einer der ganz grossen werden lassen. Zumindest für mich.

        Kein Neid. Was er erarbeitet hat ist grossartig.
        Und ja, Redkordtorschütze ist er und bleibt das auch eine Weile. Aber eben, für die Nostalgie war da zuviel Negatives dabei.

    • Kahn sagt:

      Nein Peter Essig, es ist Ihr Alter denn ich bin kein Jugendlicher und schätze A. Frei als ganz Grosser ein weil er
      in 3 verschiedenen Ligen (Schweiz, Frankreich und Deutschland) Grosses geleistet hat. Zusätzlich in der Nati auch.
      Zu einem Stürmer zählen die Trefferquoten und die Statistik lügt nicht. A. Frei war ein Leader der auch was bewegt hat, das kann man von einem Chappi nicht sagen. Trotzdem ein Kubi wie auch Chappi waren auch ganz GROSSE Spieler.

      • Peter Essig sagt:

        Sein Palmares ist beeindruckend. Aber wie ich Hrn Tarnutzer schon antwortete, es blieb zu viel Negatives hängen um ihn
        zu den ganz Grossen zu zählen. Nicht zuletzt wegen seinen “Leaderfähigkeiten”.

        Und Chappi hat ihm etwas voraus, das Frei nicht holen wird. Europäische Titel. (ja, Frei hätte jetzt einen holen können, allenfalls)

  5. Frédéric sagt:

    Eine schöne Erinnerung: Herr Egli und Herr Frei leben sich in Luzern auseinander. Der Förderer und sein Schützling. Es kommt zu einem der kuriosesten Tausche: Rey, der andere Alex, rennt seiner Form in Genf hinterher. Bei Servette lacht man, dem FCL bleibt der Spott.

  6. Martin sagt:

    International gemessen war er nicht so toll. Aber fuer Schweizer Verhaeltnisse schon. Ich sehe bei den jetzigen aktiven Stuermern in der Nati, keinen der ihn in absehbarer Zeit ersetzen koennte. Sein Fussabdruck im Schweizer Fussball ist gross genug, um nicht unbemerkt zu bleiben.

    • Daniel Thommen sagt:

      Das müssen Sie mir jetzt bitte plausibel erklären. “International gemessen war er nicht so toll.” Als Rekordtorschütze der Nationalmannschaft hat er eine Trefferquote erreicht, die nicht viele Stürmer anderer Nationen erreichten und das ist ja wohl international. In Frankreich wurde er Torschützenkönig und in der Bundesliga hat er ebenfalls eine unglaubliche Quote hingelegt und wird deshalb noch heute in Dortmund geliebt. Meines Wissens gehören auch diese Leistungen zu den “internationalen”. Was bitte schön kann man da als “international gemessen nicht so toll” bezeichen?

  7. ball sagt:

    Toller Blog, treffend und würdigend zugleich.

    Meine Aversion gegenüber dem AF legte sich gestern beim 1:1 – denn damit kann auch dieses Kapitel und er selber nun die Ruhe des Ruhmes erfahren.
    R.I.GM (Rest in Goal mesh)

  8. Thomas sagt:

    Nun ja, der A. Frei, ein begnadeter Torschütze sicherlich, aber sein Ehrgeiz hat ihn getrieben, auch zu negativ Aktionen, wer hat die Spuckattacke nicht vergessen? Auch war das Zitat von O. Monterubio treffend, gestern im Rückblick, wenn A. Frei kein Tor geschossen hatte war er stinkig, egal ob sein Team 3:0 gewonnen hatte oder nicht. Der persönliche Erfolg war ihm immer lieber als das Team, deshalb war er kein Grosser Spieler. Ein grosser Spieler macht seine Mitspieler besser. Alle loben ihn ob seines Leaderships, aber ob die Mitspieler ihn intern tatsächlich so vermissen?

    Kurios fand ich auch seine Aussage betreffend des Platzes im Herzen: Nach diesen 4 Jahren hätte der FCB einen Platz in seinem Herzen gefunden??? Ich dachte die Rückkehr nach Basel von vor 4 Jahren wäre schon eine Herzensangelegenheit gewesen, aber wohl war es dort vorallem eine Portemonaie-Angelegenheit, sowieso die ganze Dankerei…. für geschätze 150’000/Monat darf man doch auch eine Gegenleistung erwarten, ich dachte da manchmal A. Frei spielt hobbymässig und gratis beim FCB, so haben sie ihm gedankt.

    Mal schauen ob sein Ego und seine Auffassung von Individual-Teamsport gute Voraussetzungen sind als Sportchef, vielleicht kann er sich ja anpassen und findet seinen Weg als Manager.

    • Buschbrenner Rudi sagt:

      Lieber Thomas
      Ja, die Mitspieler werden ihn tatsächlich so vermissen!
      Alex war (ist) unglaublich beliebt innerhalb des Teams.
      Weil er so egoistisch ist, hatte er auch gesagt, dass er Pipi Streller zum Torschützenkönig verhelfen will.

  9. Wayne sagt:

    Schön was man heute unter dem Titel “Steilpass” so liest. Vor allem wenn man bedenkt, wie an gleicher Stelle vor noch nicht all zu langer Zeit gegen Alex Frei gehetzt wurde.

  10. Linus Luchs sagt:

    Alex Frei hat die stehenden Ovationen zweifellos verdient. Sehr enttäuschend waren für mich aber die Fans. Dass die Zürcher während der offiziellen Verabschiedung pfeifen, war leider zu erwarten. Aber auch die „Muttenzerkurve“ hat versagt. Mit der aufwändigen „Choreo“ feierte sie wieder einmal sich selber. Auf den beiden präsentierten FCB-Wappen prangte die Nummer Zwölf. Ein „Dangge Alex!“ war wohl zu viel verlangt. Damit nicht genug. Genau in dem Moment, als der Spieler zum Mikrofon griff, um einige Worte ans Publikum zu richten, setzte die Kurve zum „Wer nit gumpt, de isch kai Basler“ an. Schade.

  11. T. Berstens sagt:

    Er kein Egomane, man schaue sich allein die etlichen Torvorlagen an die er stets gab.. Und ihn aus der Nati zu werfen war der größte Fehler, es wird lange dauern bis die Schweiz wieder so einen Stürmer in ihren Reihen haben wird.

  12. Andreas Kron sagt:

    Ein Spieler hat seine Karriere beendet. Nicht alle haben ihn gemocht, er war beileibe nicht pflegeleicht. Sein Egoismus ist manchmal mit ihm durchgegangen, aber wer bitte von uns hat denn keine Schwächen? Ich unterlasse es, den ersten Stein zu werfen. Alex Frei hat mindestens unsere Achtung verdient, er hat viel für den Schweizer Fussball – auch in Frankreich und Deutschland – getan. Auch mit und dank ihm haben andere europäische Länder gemerkt, dass auch in der Schweiz gute Fussballer heranwachsen. So viele Schweizer wie heute waren meines Wissens noch nie ausserhalb der Schweiz in grossen Ligen tätig, auch wenn ihre Namen oft nicht sehr vaterländisch tönen. Alex Frei war sehr erfolgsorientiert, aber das macht ihn noch lange nicht suspekt. Wir Schweizer mögen es halt eher mit den demütigen, die sich nicht zu sehr in den Vordergrund stellen. Aber ist etwas mehr Selbstbewusstsein denn so verkehrt?