Logo

Das Zürcher Derby: Glaubensfrage oder Heldenepos?

Thomas Kobler am Montag den 8. April 2013

Der Steilpass begrüsst heute einen weiteren neuen Blogger: Thomas Kobler. Willkommen!


Die geschätzte 857. Aufführung der Zürcher Fassung von «Pride and Prejudice» (Stolz und Vorurteil), oder auch kurz Stadtrivalen-Derby genannt, wurde am vergangenen Samstagabend bei mildem Winterwetter vor rund 16’000 Interessierten im stolzen Letzigrund aufgeführt. Einem Ort, der stolz sein kann auf sein gelungenes Aussehen, aber mit den Vorurteilen leben muss, dass er «ein zugiges Loch» sei oder «niemals richtige Heimat». Je nachdem, wen man fragt.

Auf dem Weg ins Stadion las ich einen lesenswerten Artikel über Yassine Chikhaoui in der Zeitung. Wie Steilpass-Mitblogger Simon Zimmerli vorher, geriet auch Peter B. Birrer (B. wie Berta?) von der NZZ leicht ins Schwärmen über Chikhaouis so lang ersehnte Rückkehr. Fast schon Erlöserphantasien meinte man zwischen den Zeilen erkennen zu können. Und das auch noch ausgerechnet beim FCZ? Dann kann GC einpacken, dachte ich, als ich aus dem Bus gen Westen blickte, wo zwei Polizeiautos im nebligen Grau dieses Novembertags eine Prozession aus dem gelobten Baugrundstück über Duttweilerbrücke und Geleise in die Höhle des Clubs mit den zwei Löwen führten. So ähnlich müssen sich wohl die Christen im alten Rom auf dem Weg ins Kolosseum gefühlt haben.

Hatte auch seine Hände im Spiel: FCZ-Rückkehrer Chikhaoui. (Bild: Keystone)

Hatte auch seine Hände im Spiel: FCZ-Rückkehrer Chikhaoui. (Bild: Keystone)

Um es vorweg zu nehmen: Er war an diesem Abend nicht göttlich. Zuerst nahm er die Hand im falschen Strafraum zu Hilfe, worauf der liebe Gott wahrscheinlich – wie wir – seine Hände vors Gesicht schlug, und der Schiedsrichter Elfmeter pfiff. Chikhaoui dachte vielleicht: «Inschallah – so Gott will!», und der Herr brummte möglicherweise: «Dieses Hands ist allein Dein Bier, mein Junge.» Nur zwölf Minuten gespielt, und der Grasshopper Hajrovic zeigte dem FCZ ein erstes Mal, wo Gott hockt. Lang hämmerte es der ziemlich konfusen Heimmannschaft dann kurz darauf auch noch mal ein.

Mit dem Seitenwechsel kam auch die Wende. Hatte bis dahin Sauron Salatic das grüne Auenland im Kessel von Mittelerde zusammen mit Hobbit Abrashi und dem dunklen und aggressiven Anatole in Angst und Schrecken versetzt, stemmten sich nun die Gefährten unter der Führung des bis dahin glücklosen Chikhaoui dagegen und glichen sogar aus. Salatic und sein giftgrün-graues Mordor kamen ins Wanken. Aber weil Urs Meier es nicht wagte, um die sechzigste Minute herum mit einer offensiven Einwechslung die Entscheidung zu suchen, nahm es eben Salatic wieder in die Hand, und rückte die Dinge in Mittelerde mit dem neuerlichen Führungstor wieder zurecht. Kurz darauf machte Vilotic alles klar. Die Südkurve heulte auf wie getroffene Orks, und die Anhängerschar Saurons führte Elbentänze auf. Verkehrte Welt.

Kopflose Kunst (v.l.): Dalatic und Anatole halten Mariani vom Ball fern. (Bild: Keystone)

Kopflose Kunst (v.l.): Dalatic und Anatole halten Mariani vom Ball fern. (Bild: Keystone)

Lässt man die kulturelle Seite des Abends mal aussen vor, zeigte sich folgendes: GC war in allen Mannschaftsteilen stärker als der FCZ – und konnte dennoch kein Spiel mit einem schlauen Plan aufziehen. Mit schnellen Angreifern, wie GC sie hat, müsste mehr möglich sein. Der FCZ verlor wegen Kopflosigkeit in Verteidigung und Mittelfeld. Die wackeren Drmic, Gajic und Chikhaoui waren zu wenig, um die Grasshoppers wirklich in Verlegenheit zu bringen. Und als es dann nach der Halbzeit doch möglich gewesen wäre, zauderte man auf der Bank, mittels offensiver Reserven die Gunst der Stunde zu nutzen. Die nächste Gelegenheit, es besser zu machen, wartet schon am 17. April im Cup-Halbfinal. Unmöglich ist die Ausgangslage nicht. Die Kopflosigkeit wird der FCZ allerdings wohl erst in der nächsten Transferperiode beheben können. GC dagegen hält den Kontakt zum FCB und wahrt sich weiterhin alle Möglichkeiten.

Wozu wird es am Saisonende reichen für die Zürcher Clubs?

« Zur Übersicht

24 Kommentare zu “Das Zürcher Derby: Glaubensfrage oder Heldenepos?”

  1. René Obi sagt:

    Kein Wort über die zwei Spielentscheidenden Fehlentscheide? Beim Stand von 2:2 hätte es einen Penalty für Zürich geben MÜSSEN! Und dem 3:2 ging ein ganz klares Offside voraus! Beide Szenen in einer Phase in der der Stadtclub den GC absolut dominiert hatte. Beim FCB wird inzwischen jeder Fehlentscheid für die Basler gross ausgeschlachtet. Die zahlreichen spielentscheidenden Fehlentscheide für GC werden regelmässig ignoriert. Letzten Herbst zum Beispiel hätte Bürki zweimal mit Penalty und roter Karte bestraft gehört. Einmal gegen Chermiti, einmal gegen Näf. Ah ja, bei Chermiti wars wohl wieder mal eine Schwalbe. Mit über 10cm langer und ziemlich tiefer Fleischwunde. Wohl von einem Grashalm…

    • Bernd S. sagt:

      Sniff Sniff…. Ein Taschentuch gefällig?

      • René Obi sagt:

        Danke. 🙂

        • äse sagt:

          hätte, wäre, wenn – wir reden vom Fussball und da gibts Fehlentscheidungen hüben wie drüben. Wer das nicht akzeptieren kann, ist beim Fussball am falschen Ort. Die Meisten von Euch, mich inklusive, benötigen 5 Superslowmotions um überhaupt zu erkennen ob irgendwer offside stand. Also was soll das rumgeeiere?

    • Roli sagt:

      Aber auch Zürich hätte niemals im Vollbestand zu Ende spielen dürfen und der Ausgleich zum 2-2 war auch Offside.

    • Hanspeter Zwicker sagt:

      herr obi, regen sie sich ab. das gehört zum fussball.
      – dann hätte beda nach 12 minuten rot sehen müssen
      – tor zum 2:2 war auch offside

      also, das gehört dazu.
      hopp gc.

      • René Obi sagt:

        Béda hätte rot kriegen müssen. Richtig. Allerdings nicht alleine. Das 2:2 war wahrscheinlich kein Offside. Auf alle Fälle war das ein Millimeterentscheid, den ich sowieso nicht kommentieren würde, auch wenns abgepfiffen worden wäre.

    • Jürg Schmid sagt:

      Was soll dieses Gejammer. Dem 2 : 2 ging wahrscheinlich auch ein Offside voraus und bei der Szene zwischen Zuber und Beda hätte Beda zwingend eine rote Karte erhalten müssen (Tritt in den Unterleib).

    • Erich sagt:

      Und auch kein Wort darüber, dass in 9 von 10 Fällen der Penalty für den FCZ nicht gegeben wird, da eindeutig zuerst der Ball weggespitzelt wurde und erst dann der Körperkontakt da war!

      • René Obi sagt:

        Sorry, keine Berührung. Sondern gleich doppelter Fehlentscheid. Wäre nämlich auch kein Corner gewesen. Nur nützen die Eckbälle dem FCZ nichts. Sie scheinen die Tore lieber aus dem Spiel heraus zu erziehlen.

      • John G. sagt:

        Naja,den Elfmeter für Chikhaoui hätte auch nicht jeder Schiri gepfiffen.

    • Thomas Burri sagt:

      Tja Herr Obi, ihr müsst euch halt erst wieder an die Schattenseite gewöhnen nach den tollen 10 Jahren. Aber Rumheulen bringt nichts, GC war euch kämpferisch und spielerisch überlegen und die Fehlentscheide heben sich in etwa auf, da dem 2:2 ebenfalls ein Offside voranging und der FCZ nach 20 Minuten, bei einem anständigen Schiri, mit 10 Mann weitergespielt hätte… Gewöhnt euch daran, Mittelfristig seid ihr die Nummer zwei der Stadt, das ändert sich auch mit dem Halbfinal nicht…

      • René Obi sagt:

        Nun, in der Stadt sind wir eh die Nummer eins. Im Kanton zur Zeit leider nicht. Und richtig. Rumheulen bringt nichts. Würd ich auch nicht, wenn sich diese Entscheidungen nicht langsam absurd häufen würde.

        Beim 2:2 meiner Meinung kein Offside. Und wenn, dann um Millimeter. Und nach 21 Minuten hätten tatsächlich beide Mannschaften zu zehnt weiter spielen müssen. Das Umschubsen nachdem das Spiel schon länger abgepfiffen war, war ebenso eine Tätlichkeit.

    • Marcel Meierhofer sagt:

      Ja und die Rote gegen Beda und das Abseits beim 2:2 wird auch nicht erwähnt.

    • Markus sagt:

      Immer wieder schön, wie unsachlich man als Fan sein kann, nein unbedingt sein muss. Aber es wäre für den FCZ ganz schlecht gekommen, hätte der Schiri alles richtig entschieden. So wären Sie mit einem 2:0 (war jetzt nie ein Elfer) und 10 Mann (Karateeinsatz von Beda vergessen?) in die Pause gegangen. Danach wäre es zu den erwähnten Fehlentscheiden gar nie gekommen. FCZ war einfach klar schwächer. Und jetzt kann man nicht einmal mehr sagen, wir hätten uns die Stärke einfach gekauft. Nein wir machen es einfach nur mit viel weniger viel besser :-).

  2. Rindolone sagt:

    @ René Obi: Und Mathieu Béda hätte eine rote Karte für sein Nachtreten gegen Abrashi bekommen MÜSSEN.
    Siehe 1:47 http://www.srf.ch/sport/fussball/super-league/gc-gewinnt-spektakulaeres-derby

    Das wäre ebenfalls spielentscheidend gewesen. Dass der FCZ nicht gewonnen hat, hat nichts mit dem Schiedsrichter zu tun. Diese Ausrede ist zu billig.

    • René Obi sagt:

      Richtig wäre gewesen, beide rauszustellen. Der GC-Spieler hatte zuerst Béda umgestossen. So lange nach dem Spielunterbruch müsste das als Tätlichkeit gewertet werden. Die BEIDEN gelben Karten waren ein Witz.

  3. Theo Winter sagt:

    Schöner Text. Eine Anmerkung: Hätte Urs Meier in der 60Minuten einen Wechsel vollzogen, wie vom Schreibenden hier gefordert, so hätte er bald ganz alt ausgesehen: Wie zunächst Schönbächler in der 30Min (für ihn kam Glarner), so auch Gajic (73′ Mariani) und nachher Buff (83′ Kukuruzovic) waren Auswechslungen aufgrund von Verletzungen. Meier hatte also sehr wohl Recht zurückhaltend zu bleiben, nach dem früh auferzwungenen Wechsel von Schönbächler. Es passte zum glücklosen Spiel des FCZ, dass sämtliche Wechsel notgedrungen erfolgten und Meier also nur ersetzen und nicht beleben konnte, mit frischen Kräften.

  4. Villiger Roland sagt:

    Ich kann mich nur wiederholen, die kurze “Erfolgsserie” unter Urs Meier zur Rückrunde hat die fundamentalen Strukturprobleme beim FCZ leider etwas vergessen lassen! Dieser “Lauf” zu Beginn der Rückrunde wurde einfach überbewertet und hat dazu verleitet, dass sich die FCZ Führung in Ihrem Tun und Handeln bestätigt fühlt, keine Probleme sind gelöst! Schwache Führung, kein Konzept, Anspruch und Realität klaffen nach wie vor weit auseinander! Es ist offensichtlich, dass die Mannschaft auch unter Urs Meier keine nachhaltige Leistungssteigerung vorweisen kann. Die beiden letzten Niederlagen sind symptomatisch und widerspiegeln das wahre “Bild” dieser Mannschaft. Leider gibt aber keine Anzeichen, dass die Vereinsführung Willens ist, Fehler einzugestehen und schon gar nicht, diese zu korrigieren! So kann man weiterhin mangelndes Glück und unglückliche Schiedsrichterentscheide für die eigenen Fehler verantwortlich machen, einfach Schade!!

  5. Meggi sagt:

    Herr Obi, Sie haben absolut Recht mit Ihrer Aufzählung der Benachteiligung des FCZ! Leider werden in der CH die Schiri Fehlentscheidungen nicht so offen analysiert wie in Deutschland. Fakt ist; der FCZ wurde benachteiligt. Übrigens hätte Zuber und Beda mit rot bestraft werden müssen.

    • Mäse sagt:

      Ich erinnere mich da an unzählige Blogs und Beiträge wo es um ‘Bevorzugungen’ des FCB geht. Waren es nicht immer die FCZ Fans die dort den FCB Fans weismachen wollten, dass dies einfach zum Fussball gehört? Und jetzt macht ihr einen auf ‘ich will meine Rassel zurück’? Übrigens hätte wäre wenn existiert im FUssball nicht. Und das ist gut so

  6. Armando sagt:

    Hihi, mal was anderes. Sehr gut geschrieben, sehr ehrfrischend und nid immer die typischen Fussballfloskeln. Nur eins es ist schon Apirl und nicht mehr November. 🙂

    Zu ihrer Frage, welche leider bisher nicht aufgegriffen wurde. Ich glaube beide Clubs könnten durchaus erfolgreich sein diese Saison, ob es für den FCZ noch für die internationalen Plätze reichen wird möchte ich jedoch bezweifeln, sonfern im Cup der Exploit nicht gelingen sollte.

  7. Töneli sagt:

    Klare Frage, lange Antwort.
    In der Meisterschaft wird wohl die jetzige Rangliste, bis am Schluss bestand haben.
    GC und Zürich sind wohl zu wenig konstant, um weiter nach oben zu rutschen.
    Da sich in einer Saison, Glück und Pech ausgleichen, würde der FCZ im Cup, GC eliminieren. Da kein Weg an Basel verbeiführt, wird der FCB wohl Meister und der FCZ darf Europäisch Träumen. Der Einzug in den Cup-Final würde da reichen.

  8. Michael sagt:

    Abgsehen vom Offside Tor zum 3:2 ist eines halt wirklich war. GC war in vielen Belangen besser
    und der FCZ ein Panikorchester der trotz aller Veranlagung in der Verteidigung zu lahm und im Mittelfeld stolperig und tollpatschig agierte und so gut wie jeden Ball verlor. So kann man nicht gewinnen, Fehlentscheide hin oder her.