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«Wir wollen eine andere Justiz»

Birgit Schönau am Dienstag den 15. Januar 2013
In der Fankurve von Sampdoria Genua hängt ein Banner mit Aufschrift «Ali Baba und die 40 Moggi»- (Foto: Keystone/Luca Zennaro)

Der verurteilte, frühere Juve-Manager Luciano Moggi kandidiert für ein politisches Amt: In der Fankurve von Sampdoria Genua hängt ein Banner mit Aufschrift «Ali Baba und die 40 Moggi». Genua, 14. Mai 2006. (Foto: Keystone/Luca Zennaro)

Erinnert sich noch jemand an Luciano Moggi? Der Mann arbeitete als Manager für die SSC Napoli von Diego Armando Maradona, bevor er als Generaldirektor von Juventus der mächtigste Mann im italienischen Fussball wurde. Schnell war sein Sachverstand für Spielertransfers allgemein anerkannt, seine Methoden aber waren umstritten. An Moggi kam niemand vorbei – die Nationaltrainer ebenso wenig wie ehrgeizige Fussballer, betrieb doch sein Sohn praktischerweise die wichtigste Spieleragentur im Land. Als 2006 ruchbar wurde, dass der Juve-General auch die Schiedsrichter manipulierte und sich auf diese Weise mindestens zwei Meistertitel ergaunert hatte, ertönte der Schlusspfiff für Moggis Karriere. Juventus wurde erstmals in der Klubgeschichte in die zweite Liga relegiert, die beiden inkriminierten Titel wurden getilgt und – Gipfel der Schmach – einer von ihnen an den Erzrivalen Inter vergeben. Luciano Moggi aber war in fast ebenso vielen Prozessen angeklagt wie Silvio Berlusconi.

Luciano Moggi nachdem er zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Neapel, 8. November 2011. (Foto: Keystone/ Ciro Fusco)

Luciano Moggi nachdem er zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Neapel, 8. November 2011. (Foto: Keystone/ Ciro Fusco)

Inzwischen ist er in erster Instanz wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung zu fünf Jahren und vier Monaten Haft verurteilt. Ein Berufungsgericht verordnete ihm ausserdem ein Jahr wegen Nötigung. Der Fussballverband FIGC hat Luciano Moggi auf Lebenszeit gesperrt, er darf noch nicht einmal mehr ein Stadion betreten. Da liegt es nahe, dass unser Mann für das Parlament kandidiert. Mit 75 Jahren hat Moggi den Reiz der Politik entdeckt und bewirbt sich bei den Wahlen am 25. Februar ausgerechnet im Piemont. Setzt er auf die Stimmen der Juventus-Fans? Oder auf die Stimmen der Tifosi vom Lokalrivalen Toro, die sich heute noch darüber freuen, dass Juve wegen Moggi auch mal zweitklassig war?

Die Partei, für die der alte Strippenzieher antritt, heisst «Riformisti Italiani», Italienische Reformer. Parteichefin ist Stefania Craxi, die älteste Tochter des ehemaligen Ministerpräsidenten Bettino Craxi, der auf der Flucht vor zahlreichen Prozessen in seinem Heimatland nach Tunesien flüchtete und dort starb. Stefania Craxi sieht in Luciano Moggi eine Art Reinkarnation ihres armen Papas – einen Unschuldigen, der von bösen Staatsanwälten verfolgt wird. «Ein unwürdiger Medien- und Justizzirkus hat Luciano massakriert», sagt sie, und: «Ich bin diese Moralapostel ja so Leid!» Frau Craxi interessiert sich nicht für Fussball, sie interessiert sich eigentlich auch nur für eine einzige Reform, was für die Gründerin einer italienische Reformer-Partei ja nicht übermässig viel ist: «Wir wollen eine andere Justiz, ohne Pranger.» Und am besten auch ohne Staatsanwälte, zu diesem Zweck haben die «Riformisti Italiani» ein Wahlbündnis mit Silvio Berlusconi geschmiedet.

Im Falle eines Wahlsiegs käme Luciano Moggi gleich für mehrere Ministerämter in Frage: Justizminister, weil er weiss, dass es sich ohne Gerichte viel besser lebt. Transportminister, weil er vor seiner Fussballmanager-Karriere viele Jahre bei der Eisenbahn gearbeitet hatte. Oder Sportminister. Dann könnte er endlich Italiens Fussball von Grund auf reformieren und zum Beispiel die Schiedsrichter abschaffen. Oder er würde sich, wie Parteichefin Craxi suggeriert, um die Modernisierung der Stadien kümmern.

Jetzt könnte man sich darüber wundern, dass Luciano Moggi mit seiner Haftstrafen-Sammlung überhaupt für das Parlament kandidieren darf. Aber das wäre wieder ein anderes Thema.

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