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Scheinheilige Rassismus-Debatte

Birgit Schönau am Dienstag den 8. Januar 2013

Wir begrüssen heute im Steilpass unsere neue Bloggerin Birgit Schönau und wünschen ihr einen guten Start! Die Redaktion.


Es gibt Rassisten in Italien. Bis vor kurzem waren sie sogar an der Regierung, in Koalition mit Silvio Berlusconi. Da gab es einen Minister, der Separatistenpartei Lega Nord, der mit einem Schwein an der Leine über ein Grundstück marschierte, auf dem eine Moschee gebaut werden sollte. Der Minister wollte damit schon mal vorsorglich den Boden entweihen – das Schwein gilt dem Islam bekanntlich als unreines Tier. Wenn die Leute von der Lega im Parlament ihre Brandreden hielten, verliess keiner der Abgeordneten aus Protest den Saal.

Es gibt auch Rassisten in italienischen Fussballstadien. Sie ahmen Affenlaute nach, um schwarze Spieler zu verhöhnen oder sie beschimpfen sie in unübersetzbaren Sprechchören. Dass der Rassismus ebenso wie andere Abarten menschlicher Dummheit nicht vor den Stadiontoren halt macht, ist eine alte Geschichte. Übrigens nicht nur in Italien. Wenn Fussball anstatt in einem Stadion auf einer Opernbühne zur Aufführung käme, würde sich das geneigte Publikum womöglich mit dem Gegröle zurückhalten. Im Stadion meinen sie, das gehöre zum guten Ton.

Rassismus wird in der obersten Liga ignoriert

Ganz sicher haben jene Krawallbrüder, die vergangene Woche im Stadion von Busto Arsizio die schwarzen Spieler der AC Milan verhöhnten, nicht damit gerechnet, in der Weltpresse zu landen. Pech für sie: Der Spieler Kevin-Prince Boateng reagierte auf die Affenlaute, die ihm entgegen dröhnten. Erst schoss er den Ball auf die Tribüne, dann verliess er den Platz. Und der Rest der Milan-Fussballer folgte ihm. Die Nachricht vom Abbruch des Freundschaftsspiels Pro Patria Busto Arsizio – AC Milan ging prompt um die Welt. Wichtige ausländische Blätter beklagten einen «Rassismus-Skandal» und fragten besorgt: Warum bekommt Italien sein Rassismus-Problem nicht in den Griff?

Vielleicht auch deswegen, weil Oberflächlichkeit und Scheinheiligkeit die Rassismus-Debatte im Fussball dirigieren? Denn wie sonst ist es zu erklären, dass es bei einem Freundschaftsmatch in einem Stadion mit 4600 Plätzen zum Spielabbruch kommt, während das Gegröle in Italiens Erstliga-Arenen seit Jahren ignoriert wird? Zuletzt verhöhnten am Samstag die einschlägig berüchtigten Tifosi von Lazio einen schwarzen Spieler von Cagliari. Lazio muss deswegen ein Bussgeld zahlen, aber das Spiel wurde nicht abgebrochen. Schliesslich ging es um Punkte – Lazio gewann die Partie – und um viel Geld.

Silvio Berlusconi hat zwar getönt, seine Milan-Spieler würden fortan immer den Platz räumen, falls sie von Rassisten verunglimpft würden. Auch in der Champions League. Nun, wir werden ja sehen. Kevin-Prince Boateng erklärte, er überlege Italien wegen der Rassisten zu verlassen. Der Schock von Busto Arsizio sitzt offenbar tief. Es war zwar nicht das erste Mal, dass Boateng verunglimpft wurde. Aber in einem winzigen Stadion rückt das Publikum dem Spieler näher als im Meazza-Stadion zu Mailand.

Lega-Politiker unter den Rassisten in der Fankurve

Am Sonntag trug die Milan-Mannschaft in der heimischen Arena Trikots mit der Aufschrift «AC Milan gegen Rassismus». Auch Torwart Christian Abbiati machte mit. Der Mann ist Anhänger des faschistischen Diktators Benito Mussolini aber deshalb noch lange kein Rassist. Sein Arbeitgeber Berlusconi bastelt gerade wieder an Wahlkampf-Absprachen mit den Neofaschisten. Das Problem ist also, sagen wir mal: vielschichtig. Jedenfalls, wenn man nicht in Busto Arsizio Halt machen will. Sechs Krawallmacher wurden inzwischen dingfest gemacht. Einer von ihnen hatte sich als Sportpolitiker der Lega Nord einen Namen gemacht. Es ist wohl wirklich so, dass man als Rassist inzwischen in der Politik weniger auffällt als im Stadion. Da erscheint es logisch, dass der Lega-Mann künftig zwar vom Fussball ausgeschlossen wird aber nicht von seiner Partei.

Deshalb soll aber nicht untergehen, dass  Kevin-Prince Boateng mit seiner Verweigerung richtig gehandelt hat, auch wenn Sepp Blatter den Spieler dafür rügte. Auch einem Profi kann angesichts der geballten menschlichen Dummheit der Kragen platzen, er muss schliesslich nicht vor jedem Publikum spielen. Und selbstverständlich ist jede Aktion gegen Rassismus begrüssenswert, vielleicht hat ja Abbiati inzwischen auch schon seine Mussolini-Büste aus dem Wohnzimmer entfernt.

Am kommenden Sonntag haben alle Schwarzen im Stadion von Busto freien Eintritt, der Bürgermeister von der Berlusconi-Partei verspricht ausserdem eine Vielzahl von Initiativen gegen Rassismus. Das ist beruhigend. Und noch beruhigender sind andere Reaktionen. Nationaltrainer Cesare Prandelli verurteilte die Rassisten im Stadion nämlich genauso wie Bischöfe und Regierungsmitglieder. Ob das woanders wohl auch so gekommen wäre, nach dem Gegröle einiger Fussballfans aus der Vierten Liga? Italien jedenfalls zeigt sich sensibel. Und das ist schon eine ganze Menge.

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