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Wer gewinnt den EM-Final in Kiew?

Steilpass-Redaktion am Samstag den 30. Juni 2012

Pro & contra: Newsnet-Sportjournalist Florian Lehmann bezieht für Spanien und Alexander Kühn für Italien Stellung.

Spanien-Fans feiern den Sieg ihrer Mannschaft. (Keystone)

Spanien-Fans feiern den Sieg ihrer Mannschaft. (Keystone)

FL: Spanien ist eine Weltmacht – im Fussball

Wer gewinnt den EM-Final in Kiew? Für mich keine Frage: Spanien. Gewiss, die Italiener sind gut organisiert, treten erstaunlich offensiv auf und haben mit Mario Balotelli einen Stürmer, der Spiele alleine entscheiden kann. Aber das wird gegen die Furia Rioja – pardon: Roja – nicht genügen.

Natürlich, die Ballschieberei der Spanier ist für viele Fussball-Anhänger so lästig wie eine Nachsteuer-Rechnung. Aber dieses Tiki-Taka, von hämischen Kritikern dieser Spielart als Kiki-Kaka bezeichnet, ist die Basis für den Erfolg der Iberer. Sie, technisch hervorragend ausgebildet, läuferisch stark und routiniert im Zweikampfverhalten, kontrollieren den Ball und damit auch den Gegner. Das wird auch die Azzurri früher oder später nicht nur physisch, sondern auch psychisch zermürben.

«Wir Spanier haben nun endlich unseren Stil gefunden und haben Erfolg damit – auch wenn die Menschen ihn nicht besonders mögen», sagt Tainer Vicente del Bosque. Der Mann mit den Bernhardiner-Augen will damit sagen, dass im Fussball vor allem eines zählt: der Erfolg. Was die Attraktivität dieser Taktik betrifft, so muss man auch festhalten, dass es Klagen auf hohem Niveau ist. Was ebenfalls für den Titelverteidiger spricht, ist das ausgeglichene Kader: Ob Del Bosque nun mit einer 4-2-3-1-Formation oder mit einer 4-6-0-Aufstellung beginnen lässt, spielt keine grosse Rolle. Er kann sofort umstellen und gefährliche Kräfte aufs Feld beordern. Wer einen Fussballer wie Fernando Torres mitunter auf der Ersatzbank schmoren lässt, muss über ein ausgezeichnetes Kader verfügen.

Spanien ist in Knockout-Spielen seit 900 Minuten ohne Gegentor geblieben. Das beweist auch, wie rigoros die Iberer in der Defensive auftreten. Und sie haben mit Iker Casillas einen Torhüter, der nicht nur eine attraktive Verlobte hat, sondern auch ein Meister seines Fachs ist. Dass die Spanier nach den beiden Titeln 2008 (EM) und 2010 (WM) nicht mehr hungrig sein sollen, ist eine Mär. Schliesslich ist ein Endspiel für einen Profi Motivation genug. Und dass der Finalgegner Italien heisst, wird La Roja erst recht anspornen.

Fazit: Spanien wird die erste Mannschaft sein, die drei grosse Triumphe in Folge feiern kann. Die Nation ist eine Weltmacht im Fussball. Dieser Fakt ist ein grosser Trost für die Bevölkerung des wirtschaftlich leidgeplagten Landes. Das wissen auch Del Bosques Schützlinge.

Florian Lehmann hat bereits einmal im Steilpass geschrieben. Seinen Beitrag finden Sie hier.

Italen-Fans feiern in Zürich den Sieg der Squadra Azzura.

Italen-Fans feiern in Zürich den Sieg der Squadra Azzurra. (Keystone)

AK: Italien – weil der mutige Fussball siegt

Gewiss, auf dem Papier spricht vor dem Final der Euro 2012 fast alles für Spanien. Seit der Penalty-Niederlage gegen Frankreich an der WM 2006 war der amtierende Welt- und Europameister stets zur Stelle, wenn es wichtig war; zudem operiert ausser dem FC Barcelona kein Team der Welt mit einer derartigen Präzision und Perfektion – fast könnte man meinen, es seien Chirurgen am Werk, nicht Sportler. Das Herz, der Instinkt und ein Teil des Verstandes sprechen aber für Italien – für die verrückten Hunde Mario Balotelli und Antonio Cassano, für einen Geniestreich, der die beste Taktik über den Haufen wirft. Weil sich Balotelli und Cassano so bewegen, wie es in keinem Lehrbuch steht, weil die Spanier sie im Gegensatz zu Cristiano Ronaldo nicht in- und auswendig kennen.

Seit dem 1:1 zwischen den beiden Finalisten im ersten Gruppenspiel haben sich die Italiener sukzessive gesteigert, Spanien war ausser beim 4:0 über die inferioren Iren nie wirklich überzeugend. Auch in den Knockout-Partien gegen die enttäuschenden Franzosen und die unglücklichen Portugiesen nicht. Die logische Konsequenz dieser Entwicklungen ist ein italienischer Sieg im Final. Wenn Italien derart stark auftritt wie gegen Deutschland, ist gegen die Squadra Azzurra kein Kraut gewachsen. Wenn es den Spaniern gelingen sollte, Balotelli und Cassano zu neutralisieren, bleibt immer noch Andrea Pirlo – der dritte Unberechenbare in der Equipe von Nationaltrainer Cesare Prandelli. Italien besitzt die richtige Mischung aus Erfahrung, Disziplin, Genie und Wahnsinn – und in der Person von Gianluigi Buffon einen Keeper, der sich leistungsmässig vor Iker Casillas nicht zu verstecken braucht und noch einen vielleicht entscheidenden Tick charismatischer ist.

Die Squadra Azzurra des Jahres 2012 verfügt zudem über einen ganz besonderen Geist. Der neuerliche Wettskandal, die Diskussionen über homophobe Äusserungen von Cassano und die rassistischen Schmähungen gegen Balotelli haben die Mannschaft näher zusammenrücken lassen – ein altbekannter Vorgang bei den Italiener. Auch den WM-Titeln 1982 und 2006 ging ein Skandal voraus, das hat ein italienischer Arbeitskollege schon vor dem ersten Match der Euro 2012 ganz richtig bemerkt.

Italiens Fussball ist positiver und mutiger als jener der Spanier, die mit dem Ball eigentlich alles können, aber das Risiko so sehr scheuen, dass die Zuschauer des Viertelfinals gegen Portugal schön früh anfingen zu pfeifen. Der positive Fussball à la Prandelli muss belohnt werden – auch deshalb, weil Spanien sein Glück allmählich aufgebraucht hat. Gegen die Portugiesen entschieden im Elfmeterkrimi Pfosten, Latte und wenige Zentimeter zugunsten der Spanier, im Gruppenspiel gegen Kroatien hätte der Referee zweimal auf Penalty gegen sie entscheiden müssen.

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