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Chancen und Gefahren mit Petkovic

Fabian Ruch am Mittwoch den 25. Dezember 2013

Einen Tag vor Heiligabend hat der Schweizerische Fussballverband (SFV) den Nachfolger von Ottmar Hitzfeld präsentiert. Es ist – nicht ganz unerwartet – Vladimir Petkovic. Und weil die Position des Fussballnationaltrainers in fast jedem Land umstritten ist, zumal beinahe jeder Einwohner das Gefühl hat, er selber sei die perfekte Besetzung, darf man auch über die Installierung Petkovics lustvoll debattieren.

Eines ist klar: Wer nach Hitzfeld kommt, hat es ohnehin schwer. Marcel Koller und Lucien Favre, die beiden besten Möglichkeiten als Nationalcoach nach der WM 2014, sagten ja bald ab, und realistisch gesehen rückte danach Petkovic neben Trainern wie Roberto di Matteo, Christian Gross und Murat Yakin in den Fokus. Di Matteo gewann 2012 die Champions League mit Chelsea, Gross ist der vielleicht erfolgreichste Schweizer Trainer der Geschichte, Yakin ist derzeit der helvetische Coach mit den meisten Titelgewinnen. Sie alle wären dank ihres Namens, ihrer Vergangenheit und ihrer Erfolge vorstellbar gewesen als Nachfolger Hitzfelds.

Petkovic

Vor dem Rauswurf: Petkovic bei seinem aktuellen Arbeitgeber Lazio Rom. (Bild: Reuters)

Und Vladimir Petkovic?

Die Meinungen über seine Ernennung gehen weit auseinander, dabei bietet seine Nomination auch eine Chance. Petkovic ist neu im Verband, er bringt eigene Ideen und andere Mitarbeiter mit, er mischt den Laden auf, ist ein smarter Verkäufer seiner selbst und seiner Konzepte, seine taktischen Vorstellungen werden die teilweise verkrusteten Verhältnisse im Nationalteam aufbrechen. Und: Petkovic wird mit allergrösster Wahrscheinlichkeit nicht mit jener legendären Dreierkette in der Abwehr agieren, die bei den Young Boys vor ein paar Jahren zu seinem Taktik-Schachzug wurde. Der erfahrene Fussballlehrer ist klug genug, um zu erkennen, dass die Schweiz kaum drei Innenverteidiger auf international ansprechendem Niveau besitzt.

Vladimir Petkovic wird, das darf erwartet werden, taktisch und personell nicht alles über den Haufen werfen. Diese Nationalmannschaft ist sehr talentiert, vermutlich weiss sie selber noch gar nicht, wie gut sie werden kann. Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka, Ricardo Rodriguez, Fabian Schär, Josip Drmic und Admir Mehmedi, um nur ein Sextett aus all den starken Akteuren zu nennen, sind immer noch sehr jung, sie können nur besser und reifer werden. Petkovic aber ist der Neue im Betrieb, und deshalb ist sein Engagement auch eine Gefahr. Will der 50-Jährige zu viel verändern, würde sich das fatal auf die Entwicklung der Auswahl auswirken. Jeder neue Coach möchte Dinge möglichst schnell anders machen, seine Handschrift soll ja für alle erkennbar sein.

Wenn Vladimir Petkovic clever ist (und das ist er), dann verändert er nicht einfach etwas, nur damit etwas verändert ist. Er muss sein Ego kontrollieren, was nicht einfach wird.

Dieses Schweizer Nationalteam jedenfalls kann in den nächsten Jahren viel erreichen, ganz egal, wer ihr Chef an der Seitenlinie ist. Und möglicherweise wäre es vom SFV nicht falsch gewesen, eine interne Lösung auf dem Trainerposten anzustreben und einen zu holen, der Abläufe, Verband, Spieler perfekt kennt. U-21-Nationalcoach Pierluigi Tami beispielsweise ist, wie der aktuelle Hitzfeld-Assistent Michel Pont, ein kompetenter Fussballlehrer. Ihm fehlen aber die Ausstrahlung und Glanz, die Petkovic auch in seinem Auftreten auszeichnen. Hätte sich der Verband für Tami entschieden als neuen Trainer, wäre das dennoch ein Zeichen gewesen, auf Kontinuität zu setzen.

Aus all diesen Gründen ist Petkovics Ernennung zwar eine Chance, aber sie birgt auch Gefahren. Zudem kommt der Coach nicht gerade aus einer Position der Stärke zurück in die Schweiz. Verband wie Zeitungen, die dem SFV nahe stehen, können ihn nicht als grossen Wurf präsentieren. Petkovics aktueller Arbeitgeber Lazio Rom enttäuscht in dieser Saison stark, der Coach steht vor dem Rauswurf, nachdem Petkovic das Team letzte Saison immerhin zum Cupsieg führte. Es war sein bisher einziger Titelgewinn. Im Vergleich zu Di Matteo, Gross und Yakin, aber auch zu Koller und Favre, besitzt er (noch) einen weniger klangvollen Trainernamen.

Aber: Petkovics Mannschaften agierten meistens attraktiv, offensiv, schwungvoll. Petkovic erkennt Stärken und Schwächen seiner Spieler und setzt sie in der Regel dort ein, wo sie einer Mannschaft am meisten bringen. Man darf erwarten, dass die Nationalmannschaft schöneren Fussball anbieten wird als unter Resultatpapst Ottmar Hitzfeld. Doch letztlich wird auch Petkovic nur an Erfolgen und Ergebnissen gemessen werden. Und: Der gewiefte Taktiker kann seine Pläne in einem Verein, wo er täglich mit den Akteuren auf dem Trainingsplatz steht, prächtig umsetzen. Die Nationalspieler jedoch sieht er bloss etwa sechsmal im Jahr für ein paar Tage.

Das Nationalteam benötigt also keinen Revolutionär, sondern einen gescheiten, ruhigen Verwalter der ausgezeichneten Entwicklung in den letzten Jahren. Petkovic wird beweisen müssen, dafür der richtige Coach zu sein.

Und was finden Sie? Ist Vladimir Petkovic der richtige Nachfolger von Ottmar Hitzfeld? Wie schätzen Sie seine Arbeit ein? Und wer wäre für Sie der perfekte Nationaltrainer?

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