Das Klatschen der Wäsche

Friede in der Waschküche? Das bleibt ein frommer Wunsch. Auch wenn wieder Tag der Nachbarn ist.

Waschmaschinen in einer Zürcher Siedlung: Hier wird der Kolumnist zum Hulk. Foto: Gaetan Bally/Keystone

Es war eine sternenklare Nacht. Draussen säuselte der Wind durch die Blätter. Ich schnarchte. Meine Frau schüttelte mich wach. Ob ich das auch gehört habe, fragte sie mich. Was denn? Den Nachbar von oben. Hat er wieder Sex mit der Russin? Nein. Ich spitzte die Ohren. Tatsächlich: Andy, der Nachbar, stand auf dem Balkon über uns und schrie in die Nacht hinein: «Ich werde alle Juden töten!»

Ich versuchte, das nicht persönlich zu nehmen, und wollte weiterschlafen. Aber die Frau rüttelte mich wieder wach: Unternimm was! Ich wählte die Gratisnummer 117 und schilderte unser Problem: Unser Nachbar möchte heute alle Juden töten.

Fünf Minuten später kam ein Kastenwagen. Ich musste unten die Türe aufmachen und den Polizisten Andy beschreiben. Gross, dick, süsses Lachgrübchen. Ob er bewaffnet und betrunken sei, wollten sie wissen. Wahrscheinlich beides, sagte ich.

Am nächsten Tag zerrte mich die Frau zur Regionalwache Wiedikon. Da sass ein dicker Polizist vor dem Computer. Er las gelangweilt den Rapport durch, den seine Kollegen am Abend vorher geschrieben hatten. Also: Andy hatte gestern Krach mit der Freundin, dann habe er gesoffen, sei er auf den Balkon gegangen und habe herumgebrüllt. Der Polizist guckte mich lange an. Er empfahl mir, mit Andy ein Bier zu trinken.

Ich ging zum Coop und kaufte Bier, selbstverständlich eine Schweizer Marke. Dann klingelte ich bei Andy und bot ihm ein Bier an. Andy schämte sich sehr für seinen Ausraster. Er sah die beiden Bierflaschen in meiner Hand und klopfte mir auf die Schulter. Mein neu gewonnener Freund versprach mir später, dass er die Juden nie auslöschen würde. Seitdem herrschte tolle Nachbarschaft zwischen uns. Andy hörte auch damit auf, seine Zigarettenstummel in unseren Garten zu werfen.

Das ist jetzt auch schon ein paar Jahre her. Rückblickend gesehen war Andy der beste Nachbar, den ich je hatte. Es ist seltsam: Sobald ich irgendwo einziehe, gibts Streit mit den Nachbarn. Und nicht nur mit denen von rechts oder links. Alle streiten irgendwann mit mir. Das liegt in erster Linie an unseren Kindern, die nicht erzogen worden sind.

Ich muss aber aufpassen, in diesem Text nicht zu sympathisch zu wirken. Darum: Der Angenehmste bin ich leider auch nicht. Vor allem nicht in der Waschküche. Da verwandle ich mich in Hulk. Wenn sich jemand im Waschplan falsch einträgt, kriegt er es mit meiner heiligen Wut zu tun. Als Mann des Wortes, schreibe ich bei Bedarf «Du Arschloch» in die Zeilen.

Oder ich unterbreche sein Waschprogramm und knalle die nasse Wäsche auf den Boden. Ich mag das Geräusch, wenn nasse Kleider auf den harten Boden klatscht. Kleine Korrektur: Ich mag es nicht, ich liebe es.

Bitte nicht vergessen: Morgen ist «Tag der Nachbarn». Ich hoffe, dass am Abend die Musik wieder leiser gestellt wird und die Leute ihren Abfall entsorgen. Danke.

9 Kommentare zu «Das Klatschen der Wäsche»

  • Penumbra Noctis sagt:

    Tag der Nachbarn! Da kann man mal durchs Haus gehen, bei allen klingeln und sich dafuer bedanken, dass sie morgens um 02:00 Uhr im Treppenhaus laermen, die Wohnungstueren zuknallen, zu laut Musik hoeren, sich nicht an den Waschplan halten, einen aufm Parkplatz vorm Haus zuparken, einem die ganze Werbung in den Briefkasten stopfen und Zeugs kochen, was das ganze Haus zustinkt. \O/

  • Markus Moreno sagt:

    Danke Herr Frenkel. Das Problem mit den Schweizer Waschküchen war einer der Hauptgründe, weshalb ich mich um eine EU-Nationalität bewarb. Einfach entsetzlich was da alles abläuft. Das ist unwürdig, das alles brauche ich nicht.

  • Hans Meier sagt:

    Du Arschloch!

    🙂

    (Jetzt fühl ich mich besser, endlich konnte ich es wieder mal jemandem austeilen. Seit ich umgezogen bin, sind alle Nachbarn nett (?) und sie teilen weder mir, noch ich ihnen Arschloch aus. Das waren Zeiten — irgendwie vermisse ich das. Ich Arschloch 🙂

  • Balu sagt:

    haha, guter Tip mit der Wäsche – Ordnung muss sein!

  • Rolf Hefti sagt:

    Das kann ich sogar ohne Besserbildung .

  • Christian Baum sagt:

    Wunderbarer Humor, danke.

  • Adrian sagt:

    Soll das lustig sein?

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    herr frenkel. sie haben es mit diesem artikel geschafft meine absolute hochachtung für sie noch zu toppen!! bleiben sie so, wie sie sind – forever! sie… mensch – sie.

  • Franz Z. Margot sagt:

    Haha! 🙂

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