Der Todes-Hype

Der pietätlose Rummel rund um DJ Avciis Tod zeigt, dass im harten Musikgeschäft nur eine Regel gilt: "The business must go on".
Selbst nach seinem Tod ist er noch ein Verkaufsvehikel.

Selbst nach seinem Tod ist er noch ein Verkaufsvehikel.

Die Tage nach dem Tod des schwedischen DJs Avicii waren ein an Obszönität und Pietätlosigkeit kaum zu überbietender Leichenschmaus der Gerüchtegeiferer. „Es waren bestimmt die Drogen! Halt… er war doch schwer krank, nicht? Oder hat er sich gar zu Tode gesoffen?“.

Tatsächlich war es wohl der Suizid eines sensiblen, jungen Menschen, der zwischen die unbarmherzig mahlenden Zahnräder einer globalisierten Geldmühle geraten ist. Der letzte Funke Hoffnung, sich jemals daraus befreien zu können, ist am 20. April erloschen.

So steht es in der Mitteilung von Aviciis Familie: „Er kämpfte mit den Gedanken über Sinn, Leben und Glück. Er konnte nicht mehr länger. Er wollte Frieden finden. ​Tim war nicht für die Businessmaschinerie gemacht, in der er sich befand; er war ein sensibler Kerl, der seine Fans liebte, aber das Rampenlicht mied“.

Alle haben sie über Aviciis Ableben spekuliert und berichtet. Selbst die Schweizer Illustrierte, in elektronischer Musik bewandert wie ein Konditor in theoretischer Physik, hat umfangreich rapportiert. Handkehrum war just dort Stille, wo Aussenstehende wohl am ehesten einen virtuellen Trauerzug erwartet haben: In der Bubble des elektronischen Nightlife.

Wer die Facebook-Seiten der bekannten Schweizer House- und Techno-Clubs durchforstet, wird keine Beileidsbekundungen finden, kein „RIP Avicii“. Das liegt daran, dass seine Welt und die vergleichbarer Acts wie Calvin Harris, Martin Garrix oder David Guetta nichts mit jener der Clubs zu tun hat. Eine Schnittmenge teilen sich diese Superstars nur mit einigen Locations in Las Vegas, Hotelclubs, die dazu dienen, den Spielbetrieb in den Casinos anzukurbeln – dank dieser Querfinanzierung sind sie in der Lage horrende Gagen zahlen zu können.

Avicii war primär ein DJ der Festivals wie Tomorrowland und Ultra, einer der Charts und nur sehr sekundär einer des Nachtlebens wie man es auch in Zürich kennt. Das gilt auch für seine Musik. Selbst wenn einige wenige, kommerziell orientierte Tanzlokale auf Hitparade-taugliche Electronica zurückgreifen: Ein DJ, der in Friedas Büxe oder im Klaus Songs von Avicii in sein Set einbaut, wird aus der Booth verscheucht.

Dass sich nach Aviciis Tod viele Journalisten auf lokale DJs gestürzt haben um sie in dessen Zusammenhang zu Drogenkonsum und Nightlife zu befragen, ist deshalb doppelt unsinnig: Aviciis Welt war nicht die ihre und falls sein Tod tatsächlich etwas mit Drogen zu tun hatte, dann deshalb, weil er in dieser anderen Welt nicht klargekommen ist.

Selbst wenn Avicii mal ein DJ der Clubs war, so wurde er diesen längst entrissen. Von einer Maschinerie, die ihn jetzt auch aus dem Leben gerissen hat und die sich trotzdem nicht scheut, mit seinem Tod Kasse zu machen: Es ist ein perverses Geschäft.