Circa Olympiade

Im heutigen Beitrag dieser städtischen Gebrauchsanleitung geht es um Andres Ambühl und Sarah Kuttner, um ein Gebäck und ein Gemächt – vor allem aber geht es um Zürichs Allgemeinbildung.

Auch wenn ers selbst offenbar nicht ganz genau weiss, wissen wirs nach dank dieser Aufnahme mit Sicherheit: Andres Ambühl, einer der besten Stürmer der Schweizer Eishockey-Nati, ist derzeit an den Olympischen Spielen in Pyeongchang im Grosseinsatz. Foto: Keystone

Weiss Andres Ambühl, wo er derzeit ist? Die Frage scheint absurd. Und doch – ganz unberechtigt ist sie nicht. Zumindest wenn man sich den auf Emotion gepimpten Spot auf SRF anschaut, in dem der Stürmer die Zuschauer für die Auftritte der Eishockey-Nati in Pyeongchang heissmachen will (was bei Leistungen wie beim 1:5 gegen Kanada natürlich vergebene Liebesmüh ist). Und dabei in die Kamera bündnert: «Mer muess nöd uf Wunder warte, mer muess öppis mache, dass die Wunder passieren. Jede muess alles gää, es zellt nurs Jetzt – vor allem an dere Olympiade.»

Fakt ist: Gerade an der Olympiade zählt das Jetzt herzlich wenig. An der Olympiade sind die Olympioniken nämlich gar nicht anwesend – weil die Olympiade per Definition den vierjährigen Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen beschreibt. Fairerweise, find ich, hätten die TV-Leute Ambühl auf seinen kleinen Irrtum hinweisen müssen. Vielleicht haben sie es nicht getan, weil sie dachten: «Ach was solls, man versteht ja eh, was er meint.

Tut man, stimmt. Denn was vor einer Woche am Nebentisch im Café Honold begann – «Aso die Olympiade isch doof, ich mag doch i mim Alter nümme am drüü am Morge uufstaa, das wär ja wie seniili Bettflucht» –, ging danach täglich weiter: Im Tram, am Salatbuffet, an der Coop-Kasse, in der Käseabteilung der Migros, in der Umkleidekabine der Physiotherapie, sogar im Züri-Ressort dieser Zeitung (was mir seelisch ähnlich wehtat wie damals im D-Junioren-Fussballtraining – da notabene körperlich – die Direktabnahme von Teamkollege Luigi Lionti, die aus fünf Metern ungebremst in mein munziges Gemächt knallte, worauf ich mich an Ort und Stelle übergeben musste und sofort dachte, dass ich nie Kinder haben würde – was offen gesprochen eintrat, aber glaub andere Gründe hat) – überall in dieser Stadt redete man von der Olympiade und meinte die Olympischen Spiele.

Machte ich dann und wann betont beiläufig und zurückhaltend auf den Unterschied aufmerksam – man(n) will schliesslich tunlichst verhindern, als blasierter Mainsplaining-Gockel etikettiert zu werden – brandete mir fast durchs Band eine «WTF, ist doch circa genau dasselbe»-Attitüde entgegen.

Ist es nicht. Und anders als 2006 ist es heute nicht mal mehr witzig. In jenem Jahr – Wikipedia steckte noch in den Kinderschuhen – erschien Sarah Kuttners satirische Kolumnensammlung «Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens», mit dem die smarte MTV-Moderatorin auch im Kaufleuten eine unvergesslich vergnügliche Lesung veranstaltete. Das Buch stilisierte die Ignoranz und das freiwillige Verblöden der Gesellschaft zur Jekami-Unterhaltungsshow, es folgten ähnliche Werke über unnützes Wissen, und irgendwann war der Spass vorbei.

Offenbar nicht vorbei war aber das Erodieren der Allgemeinbildung. Womöglich liegts daran, dass man meint, mit Wikipedia quasi ein externes Hirni zu Verfügung zu haben, vergleichbar der externen Computerfestplatte – wozu also übermässig anstrengen? Kann man so sehen, stimmt.

Und damit wie immer am Schluss zur beliebten Frage: Wozu kann man diese Gebrauchsanleitung brauchen? Sie erspart Ihnen die Zeit, die Sie fürs Nachschlagen von «Oblate» gebraucht hätten: Dünnes, fades Gebäck aus Wasser und Mehl, in der katholischen Kirche fürs Abendmahlsbrot verwendet (das ist oberflächlich und unvollständig, sollte aber für Zürich genügen).

1 Kommentar zu «Circa Olympiade»

  • thomas bernhard sagt:

    na ja, ambühl kanns nicht nur mit dem puck, sondern auch mit dem duden:

    olympiade
    1. alle vier jahre stattfindende sportliche veranstaltung mit wettkämpfen von teilnehmenden aus aller welt.
    2. zeitraum von vier jahren (nach deren jeweiligem ablauf im antiken griechenland die olympischen spiele gefeiert wurden).
    3. wettbewerb (auf einem wissensgebiet o. ä.).

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