Eine Glacegeschichte (18)

In der heutigen Ausgabe dieser städtischen Gebrauchsanleitung geht es um einen Eiskönig und einen Bärfuss, um erste und letzte Sätze – vor allem aber gehts um absolute Durchschnittlichkeit.

Darwins «Survival of the Fittest»-Leitsatz stammt zwar aus dem Tierreich, inzwischen prägt er aber auch unsere westliche Ellbogen-Gesellschaft … und gerade deshalb ist der heutige Beitrag für verunsicherte Menschen von grosser Wichtigkeit. Bild: Keystone

«Ich erinnere mich gut daran, wie sich die armen Teufel ohne ausreichenden Schutz gegen die Kälte über jede Pfütze, über die Weiher in den Parks, über jedes gefrorene Bächlein hermachten und sie mit Eisen und Haken von dürftiger Qualität plünderten, blaue Finger und Nasen bekamen und das erbeutete Eis auf Schubkarren oder mit blossen Armen in die Eiskeller schafften.»

Auch das ist eine Glacegeschichte. Oder wie Ricco Bilger meint: «Eine richtige Glacegeschichte.» Und der Inhaber der Buchhandlung Sec52 und Betreiber des Bilgerverlags hat völlig recht: Schliesslich sind das Worte von «Der Eiskönig aus dem Bleniotal», dem letzten Roman der Schweizer Schriftstellerin Anne Cuneo (1936–2015), die in Zürich lebte, aber auf Französisch formulierte, weshalb Bilger ihre Belletristik auf Deutsch übersetzen liess.

Übrigens: Obwohl ich erste und letzte Sätze von Büchern über alles liebe und verehre, bin ich diesmal «fremdgegangen», wenn man das so sagen darf . . . was man nach Ansicht von Herrn Bärfuss wahrscheinlich nicht tun dürfte, da dieses sexuell aufgeladene Wort – auch wenn von mir höchst unbewusst hingeschludert – halt schon zur Verrohung der Sitten beiträgt, über die Herr Bärfuss diese Woche in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» dozieren durfte, wobei es beim Thuner Denker vorab um unseren komplizierten Literaturbetrieb ging, aber da ihm, wie man ja weiss, die Schweiz nun mal die Welt bedeutet, gehts bei ihm letztlich immer auch ums Volk und dessen Irreleitung, gerade durch gehetzte und darum verhetzende Medien. Und wenn dann, wie hier bei mir, noch keck «Gebrauchsanleitung» oben draufsteht, ist das in den Augen von Herrn Bärfuss bestimmt ein besonders schwerwiegender Affront, weshalb ich mich, obwohl in Sachen Haltung generell ein Mann und keine Maus (oder Mandarine!), bei ihm und sonstigen Betroffenen für die verfehlte Wortwahl entschuldigen möchte (ich hätte statt «fremdgegangen» ja auch «vom Weg abgekommen» schreiben können) . . . weil der eingangs zitierte Satz weder der erste noch der letzte, sondern, über den Daumen gepeilt, der zweitausendvierhundertsiebenunddreissigste ist, man findet ihn auf Seite 181; er (und nur er!) war es, der mich zum Schreiben dieser Zeilen beflügelte.

Ach, das Schreiben! Welch schöne und zugleich grausame Beschäftigung! Man kann, wie Cuneo, einen historischen Stoff fiktionalisieren und daraus eine cremig dahinschmelzende Glacegeschichte erschaffen. Oder, wenn man das nicht kann, wie ich, einfach mal «Glacegeschichte» drüberschreiben und beten, dass niemand merkt, dass die Story eigentlich längst in frostiger Schockstarre darniederliegt, obwohl sie nach wie vor so tut, als würde sie einem sehr konkreten Ziel zueilen.

Doch ich will mich nicht schlechter machen, als ich bin. Zumal es Therapiestunden ersparen kann, wenn verunsicherte Leserinnen und Leser erkennen, dass auch im erbittert geführten gesellschaftlichen «survival of the fittest» die absolute Durchschnittlichkeit ein Plätzchen bekommt – und das sogar in einer der besten Tageszeitungen des Landes!

Ja, und darum (und vor allem darum!) geht diese Glacegeschichte eben doch noch ein bisschen weiter.

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