Noch unbeliebter werden

Alles hat seine Saison – auch der Laubbläser.

Stellen Sie sich einmal vor, wie Sie am Abstimmungssonntag mit dem Laubbläser durchs Wahlbüro wirbeln. Bild: Keystone

Respektive: So geniessen Sie einen Urnengang. Vor einer Woche gab es an dieser Stelle bereits ein Schnäppchen: «So machen Sie sich unbeliebt» in Kombination mit «So erleben Sie Ihre Stadt neu». Das löst natürlich Begehrlichkeiten aus. Hier und heute gibt es also noch zwei Wegweisungen in einer Kolumne! Verknüpft werden die beiden Themen «Beliebtheit» und «Urnengang», und zwar durch den Genuss. Der kommt in unserer hektischen Zeit eh zu kurz. Heute wird nicht nur verknüpft, heute wird auch angeknüpft – an die Gebrauchsanleitung von letzter Woche.

Damals ging es darum, sich unbeliebt zu machen. Heute machen wir uns noch unbeliebter. Hierzu ist es die perfekte Jahreszeit. Der Herbst lädt zum Genuss. Wild! Pfeffer! Spätzli! Rotkraut! Laubbläser! Es gibt Hausabwarte, die meinen, ein Laubbläser habe immer Saison. Schliesslich haben auch die Zigarettenpapierli und abgelaufenen Tageskarten immer Saison. Sie machen mit dieser Fehleinschätzung einen Grossteil der Laubbläserromantik kaputt – und sie bringen sich um einen saisonalen Genuss (überhaupt hat der Genuss viel mit Beschränkung zu tun).

Wild ist deshalb so grossartig, weil irgendwann die Saison fertig ist. Ein heisses Bad ist deshalb so grossartig, weil das Wasser irgendwann kalt wird. Austern sind nur grossartig, wenn man die eine zu viel noch nicht geschlürft hat. Selbiges gilt für Schnecken und Luxemburgerli. Seit wir den Laubbläser im Juli, in der Woche vor den Sommerferien, aus dem Service abgeholt haben, denken wir dann und wann daran. Stellen uns manchmal vor, wie die Blätter lustig tanzen, wenn wir sie in die Ecke des Innenhofs treiben. Hören in unserem geistigen Ohr dieses wunderbare, vom Dichtungsgummi gedämpfte Klacken, wenn die Fenster rundherum zuklappen.

Wir schauen seit Anfang September schon täglich aus dem Fenster und halten Ausschau nach dürren Blättern. Sind sie dann endlich da, ist es wichtig, den Trieben Einhalt zu gebieten. Allzu früh im Spätsommer sollte man mit der Läubbläserei nicht anfangen. Am schönsten ist es in der Zeit, wenn es nicht mehr ganz dunkel, aber auch noch nicht hell ist. Umgekehrt macht laubbläsern überhaupt keinen Spass, wenn es nicht mehr ganz hell, aber auch noch nicht dunkel ist. Komisch.

Und damit wären wir beim zweiten Thema angelangt: Die Abstimmungssaison geht morgen Sonntag zu Ende. Sie haben nicht abgestimmt? Umso besser. Geniessen Sie es in vollen Zügen. Ich personalisiere jeweils mit Leuchtstift mein Weisungsheft … Als ehemaliges Mitglied des Wahlbüros 3 der Stadt Zürich weiss ich zudem, dass kleine, persönliche Botschaften das Personal in der Turnhalle erheitern. «Schöner Sonntag», zum Beispiel. Oder: «Danke im Namen der Demokratie.» Oder: «Wir wünschen Ihnen Anti-Wahlzettel-Stau in der Zählmaschine!» Oder: «Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Und ich wünsche mir ein Nein!»

Dann stellen Sie sich vor, wie Sie am Sonntagnachmittag mit dem Laubbläser durchs Wahlbüro wirbeln … Für einmal funktioniert der Genuss doch, wenn es nicht mehr ganz hell, aber auch noch nicht dunkel ist. Komisch.

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