So finden Sie eine Wohnung

 

In dieser Stadt reisst eine Klage seit Jahren nicht ab: Es gibt da draussen keine zahlbaren Wohnungen. Aus dem kämpferischen «Wo-Wo-Wohnige!» wurde irgendwann ein resigniertes «Wo? Wo? Wohnige?»

Wenn dann doch mal eine frei wird, die man sich ohne auf das Auto und den Parkplatz und ein bisschen Spass im Leben zu verzichten leisten kann, dann kriegt man sie sicher nicht. Nach langen Recherchen können wir Ihnen heute aber eine Anleitung präsentieren, die zumindest in einem gesicherten Fall zum Zuschlag einer schönen, zahlbaren 2-Zimmer-Wohnung an guter Lage geführt hat. Sie können es natürlich auch nach meiner ganz persönlichen Methode machen und darauf vertrauen, dass Dumme Glück haben. Wenn Sie bis hierhin gelesen und alles verstanden haben, besteht allerdings eine erhebliche Gefahr, dass Sie sich unterschätzen.

Zurück zur 2-Zimmer-Wohnung. Es herrschten bei der Besichtigung nicht gerade Zustände wie damals, als die Türen der Neu-Überbauung an der Kronenwiese für Interessenten offen- und die Interessenten einmal um den Block anstanden. Aber auch in unserem Beispiel haben sich an jenem Tag gefühlte 200 Personen in der Wohnung eingefunden. Was der Druck auf dem Markt mit Wohnungssuchenden macht, zeigt unser Beispiel übrigens auch: Gemäss der zuständigen Verwaltung waren «nur» rund 100 und bei weitem nicht 200 Personen interessiert.

Eine von ihnen hat schliesslich den Zuschlag erhalten. Die Frage, die sie fortan umtrieb: Weshalb gerade ich?

Bewerber schrecken für gewöhnlich vor nichts zurück, um die Liegenschaftenverwaltung von ihren Mieterqualitäten zu überzeugen. Sie kratzen nicht selten an der Grenze zur Bestechung, wenn sie die Unterlagen persönlich vorbeibringen («Ich war gerade in den Nähe») statt sie per Post einzureichen. Und auch noch einen Blumenstrauss oder ähnliches mitbringen («Sie haben ja sicher einen wahnsinnig strengen Job!») und ein Foto der ganzen Familie auf der Coach auf dem Trottoir vor dem Haus anheften («Wollen Sie wirklich, dass es soweit kommt?»).

Von all diesen Strategien hat unsere glückliche Mieterin keinen Gebrauch gemachte. Sie hatte ihrer Bewerbung weder Kinderzeichnungen beigelegt noch selbergemachte Pralinen mitgeschickt. Ja, noch nicht mal einen Motivationsbrief schrieb sie, der darüber Auskunft gab, weshalb nun gerade sie unglaublich geeignet wäre, diese Wohnung zu bewohnen. Und sie sah als kinderlose Unverheiratete auch davon ab, ein Foto ihrer beiden Patenkinder in Afrika beizulegen («Was dank der vernünftigen Miete übrigbleibt, kommt ihnen zugute. Sind sie nicht süss?»). Sie konzentrierte sich auf das Nötigste: Formular ausfüllen, Betreibungsauskunft besorgen, fertig.

Nach der Unterzeichnung des Mietvertrags begann sie nach der Antwort auf ihre Frage zu suchen: Weshalb habe ausgerechnet ich diese Wohnung erhalten? Die Antwort war so einfach wie diskriminierend: «Sie haben eine schöne Handschrift.» Ob sie gegen eine kleine Aufmerksamkeit wohl auch für dritte Formulare ausfüllen würde? Selber gemachte Pralinen vielleicht? Blumenstrauss? Essigmutter? Kinderzeichnung? Eine Wurst am vorderen Sternen?

7 Kommentare zu «So finden Sie eine Wohnung»

  • Carlos Hugas sagt:

    Seit Jahren klagt die Zürcher Bevölkerung über Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche. Dabei wäre es sehr einfach: Wem eine Wohnung im Stadtzentrum so wichtig ist, wird wohl auch eine Vermittlungsgebühr in der Höhe einer Monatmiete bezahlen können. Mit Hilfe einer professionellen Agentur kann man innert kürzester Frist geeignete Objekte ohne Warteschlangen besichtigen und auch gleich unterschreiben. Die Zürcher haben alle einen Uniabschluss und verbringen 15 Stunden pro Tag vor dem Bildschirm, aber googeln und recherchieren können sie dann doch nicht. Nur klagen und stöhnen. Es ist schon erstaunlich.

  • Matthias Denzler sagt:

    Wenn man den Markt nicht spielen lässt, kommen halt irgendwelche anderen Verfahren und Kriterien zum Zug: Warteschlangen, Bestechung, „richtige“ Nationalität, oder (als etwas exotisches Kriterium) eine schöne Handschrift. Glück für die einen, Pech für die anderen.

  • Dorian sagt:

    „Und sie sah als kinderlose Unverheiratete auch davon ab“

    Da haben wir den Grund, warum Madame den Zuschlag bekommen hat. Es wurde mir von der Sozialhilfe bestätigt, dass kinderlose Frauen bevorzugt werden und arbeitslose Männer kaum eine Wohnung bekommen.

  • Alexander Müller sagt:

    In Binz, knapp 10km vom Paradeplatz in Zürich entfernt, wird meine Wohnung demnächst frei. Sonnige Wohnung mit Morgensonne im Schlafzimmer (Ostlage) und Abendsonne im Wohnzimmer und Balkon (Westlage). Kostenpunkt knapp CHF 2000.00. Dafür bekommt man eine relativ moderne 4 1/2 Wohnung mit zwei Badezimmern und etwas über 100 km2. ÖV Anschluss in die Stadt Zürich vorhanden. Bei mir fragen die Mietinteressenten dann aber schon einmal warum die Whg. keine eigene Waschmaschine mit Tumbler hat, so anspruchsvoll sind die. Kann man haben, brauchte ich als Single jedoch nicht. PS: In den letzten 4 Wochen haben sich grad mal 2 Interessenten gemeldet.

  • Peter Schweizer sagt:

    Mein Gratistipp: Auch mal die Scheuklappen abziehen und 1-2 Kilometer ausserhalb der Zürcher Stadtgrenzen suchen. Dort gibts, manchmal ein wenig versteckt, schöne Wohnungen 20-40% günstiger als in den Stadtzürcher Quartieren. Und mit der S-Bahn ist man zB. von Schlieren in nur 13 Minuten am HB, im Viertelstundentakt, versteht sich. Aber nur geeignet für Menschen, denen Status (d.h. eine 80xx PLZ) nicht ganz so wichtig ist und dafür einen cleveren Deal bekommen…

    • dr house sagt:

      das mag sein herr schweizer, nur zu den 13 minuten reiner fahrzeit, kommt noch der weg zum bahnhof. in zürich der weg vom bahnhof zum eigentlichen arbeitsort und schwupps ist die vermeintliche ersparnis wieder aufgebraucht. die zeit, die sie zum pendeln verdubeln ist kostbare lebenszeit, die nicht mehr zurück kommt und , von der vor allem der arbeitgeber erwartet, dass man sie gratis auf sich nimmt, obwohl pendeln mit dem eigentlichen leben nichts zu tun hat. die zeiten, wo einem arbeitgeber das „regenbogen-abo“ zum lohn dazu gab (ich hatte so einen) sind leider schon lange vorbei. das problem wäre nie entstanden, wenn firmen nicht so gewaltsam zentralisiert hätten.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.