«Kult»-Chef Rainer Kuhn will an den ESC

Wir Zürcher wussten schon immer, dass Rainer Kuhn der bessere Stephan Eicher ist.

Wir Zürcher wussten schon immer, dass Rainer Kuhn der bessere Stephan Eicher ist.

Das Zürcher Urgestein und Alt-Szeni Rainer Kuhn will es nochmals wissen: Ist er in Zürich schon weltberühmt, will er nun auch noch seine fünfzehn Minuten Ruhm ausserhalb der ZVV-Reichweite. Er nimmt mit seiner Band «The Beglinger» an den Eurovision Songcontest-Vorausscheidungen in der Schweiz teil.

Für die jüngeren unter unseren Lesern: Rainer war in den 90ern Herausgeber der satirischen Magazins «Kult», für das damals Grössen wie Thomas Meyer, Comedians wie Midi Godet und andere schrieben. (Geschichte: Die Neunziger waren die Zeit vor der Jahrtausendwende, als das Internet noch mit Dampf betrieben wurde). Vor ein paar Jahren gabs eine Wiederauflage von «Kult» als Gratiszeitung, die jetzt ein paar Mal pro Jahr erscheint. Oder auch nicht. Zudem ist Rainer seit 1984 an jeder VIP-Party der Stadt zu Gast, hat und hatte eigene Partylabels und eben: weltberühmt.

Also, der Berufsjugendliche und Szeni Kuhn überrascht, weil er sich offenbar entschieden hat, doch noch älter zu werden: Er reiht sich mit seiner Band in die Liste der legendären Acts wie der Heils-Armee-Band und dem aktuellen Favoriten für die Schweizer Teilnahme, einem Alphorntrio, ein und will offensichtlich endlich ein altersgerechtes Publikum erreichen. Es ist auch schwer, in einer Zeit, in der echte Jugendliche bereits Internetkonzerne leiten, noch herausstechen zu können.

Ob das gelingt? Der Song heisst «I am the moon» und ist eigentlich gar nicht schlecht. Er erinnert mich an die 90er, eine Mischung aus depressiven Gitarrenklängen und Jammerstimme, wie sie damals von den «Playboys» mit Thomas Ott bis hin zu Stephan Eicher für ihre Songs bevorzugt wurden. (Wir Zürcher wussten schon immer, dass Kuhn mit seiner Mähne und seinem Bärtchen eigentlich der bessere Stephan Eicher war. Nicht so ein Weichei).

Ich mag den Song, aber ich bin ja auch ein Veteran aus dieser Zeit, in der Weltschmerz und Depression Attitüde waren. Man sieht vor dem inneren Auge  förmlich ein Rudel verkokster Mitfünziger auf ihren 100000-Franken-Harleys melancholisch in den Sonnenuntergang hinter dem Zürisee reiten.

Der Text handelt von Beständigkeit. Solide wie der Mond und die Sterne will Rainer Kuhn auf uns herunterscheinen. Was er ja auch schon seit 50 Jahren macht. Im Subkontext könnte man auch etwas über das Vergehen der Zeit herauslesen, aber ich bezweifle die Absicht dahinter. Das Video ist dann wieder voll modern. Also voll retro. Also nicht ganz modern. Der Hipsterfilter versucht in solcher Penetranz ein Super8-Filmchen zu imitieren, dass wir uns auf Instagram 2011 wähnen. Aber egal, am ESC zeigen sie ja nicht das Video.

Wie gesagt, ich mag den Song. Und, weil der Rainer ein Zürcher ist, und weil ich ihn kenne, hat er meine Stimme in der Vorauswahl für den ESC bekommen. Denn schliesslich wird der Rainer damit für alle Zürcher Altszenis ein bisschen weltberühmt, stellvertretend sozusagen. Die Abstimmung ist fertig, die zehn Besten werden nächste Woche bekanntgegeben.

5 Kommentare zu ««Kult»-Chef Rainer Kuhn will an den ESC»

  • Tim Birke sagt:

    Ich schlage vor den Song mit 50% Geschwindigkeitsreduktion (kann auf Youtube simuliert werden) der Welt zu präsentieren.

    Man wundert sich da immer, warum gewissen Personen in der Schweizer Öffentlichkeit hofiert und gefördert werden. Meine Meinung ist, dass Schweiz Filz nur in der Schweiz funktioniert.

  • Stephen Coldwell sagt:

    Und heute verschweigt man natürlich auch, dass Herr Kuhn eigentlich im völlig uncoolen (aus Zürcher Sicht) St. Gallen mit seinem Kult gross geworden ist. Dort habe auch ich meine Jugend verbracht…. Das Magazin war damals der Hammer. Ich glaube, ich habe immer noch ein paar davon aufbewahrt.

  • ivan casale sagt:

    Danke 🙂 – unterhaltsam geschrieben und Interessantes über eine Person erfahren, die mir eigentlich unbekannt war. Kult mochte ich sehr, hatte mich aber nie mit den Machern beschäftigt.

    • Réda El Arbi sagt:

      Psst! Niemand sagt, dass ihm Rainer Kuhn nicht bekannt ist. Das darf man nicht!

      • KMS a PR sagt:

        entschuldigung. es gibt nicht viel, was mir in den 80ern entgangen ist. aber von einem rainer kuhn habe ich bis zu dato artikel wirklich noch nie gehört. frage – muss man rainer kuhn kennen? also die einzig äh-wahre grösse dieser zeit war ja piotr kraska, seines zeichens herrscher des zen- und a-zentrischen reiches. oder so. äh ja. wird rainer kuhn vielleicht etwas überbewertet? fragenüberfragen.

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