Die doppelte Gülsha

Links die wohlerzogene, private Gülsha, rechts die Rampensau Gülsha.

Links die wohlerzogene, private Gülsha, rechts die Rampensau Gülsha.

Gülsha, Aushängeschild und Vollblut-Moderatorin mit losem Mundwerk des Social TV-Senders «Joiz» (ihre Vorgesetzten wollen nicht, dass ich «Jugendsender» schreibe), ist nach Viktor Giacobbbo und Güzin Kar die Nächste in unserer Serie «Plaudern mit …».

Sie bestellt mich ins «Elle ’n‘ Belle», den veganen Hiptserspunten in den ehemaligen X-Tra-Räumlichkeiten. Das Ambiente unterscheidet sich nicht gross von dem des früheren X-Tra. Noch genauso viele bärtige junge Männer und junge Frauen mit Schulter- und Schlüsselbein-Tattoos. Sogar die Sofa-Ecke ganz hinten ist noch da. Sie drapiert sich wie eine junge gesittete Orientalin auf dem Sofa, ein wenig, als ob wir in ihrem Wohnzimmer sässen.

Viktor Giacobbo hat dich letztens kennengelernt und sich dann gewundert, dass du im echten Leben eine wohlerzogene junge Frau bist und eigentlich nichts mit der Rampensau von «Joiz» gemeinsam hättest. Ist alles nur Show in der Show?

Wohlerzogen? Das sollten meine Eltern unbedingt hören. Vor der Kamera geb ich natürlich mehr Gas. Aber das ist nur eine Seite.

Ja, aber selbst vor der Kamera wirkt es niedlich, wenn du die krassesten Sachen sagst.

Das ist rein anatomisch. Da ich aussehe wie eine Dreizehnjährige, merken die Leute immer erst verzögert, WAS ich da eigentlich von mir gebe.

Im Ernst: Ich hab natürlich auch noch andere Seiten. Ich hab neun Jahre lang in einer Apotheke gearbeitet und musste einfühlsam sein, Verständnis und Diskretion an den Tag legen. Da kamen Leute in schwierigen Situationen, zum Beispiel HIV-Positive, die ihre Medikamente abholten. Oder  einfach Leute, die Kondome wollten, sich aber schämten, mich zu fragen. Und da habe ich natürlich andere Seiten von mir gezeigt und keine kruden Witze gerissen.

Dann gibts die TV-Gülsha und die brave private Gülsha? Also nichts mit Sex, Drugs & Fernsehstudio?

Nein, Drogen sowieso nicht. Ich trinke eigentlich auch nicht so oft. Jetzt im Sommer ist natürlich Sommerbierzeit. Aber für den totalen Absturz bin ich zu gesundheitsbewusst. Ich bin zwar für die Legalisierung von Drogen, aber nicht, weil ich Drogen super finde, sondern weil ich denke, dass man mit Verboten und Gefängnis nichts gegen Drogen bewirkt.

Dann kommt das von dir? Hast du nicht, wie zum Beispiel gewisse Musiker, ein Management, das aufpasst, dass du in der Öffentlichkeit nicht über die Stränge schlägst?

Nein, bei «Joiz» setzen sie ja sehr auf Persönlichkeit, wollen, das man authentisch ist. Und so quatschen sie mir auch nicht rein.

Mein veganer Kebab wird gebracht, ich beisse rein. Gar nicht schlecht, aber irgendwie fehlt das Fleisch. Was zu erwarten war. Gülsha klaut meine Pommes Frites.

Joiz legt ja sehr viel Wert darauf, nicht «Jugend-Fernsehen» sondern «Social TV» genannt zu werden. Obwohl das Zielpublikum doch eher sehr jung ist.

Das liegt daran, dass wir wirklich ein Social-TV sind. Das ganze Konzept beruht auf Interakton und dem parallellen Nutzen von verschiedenen Kanälen wie Social Media und klassischem TV. Wir machen nicht nur Sendungen für unser Publikum, wir machen in erster Linie Sendungen MIT unserem Publikum. Inzwischen setzt sich dieser Ansatz auch langsam bei anderen Medien durch, aber wir waren die Ersten, die das ernsthaft umgesetzt haben.

Du bist also die Vorzeigefrau, der Star des Social-TV-Senders «Joiz». Wie äussert sich das in deinem Leben? Diamanten, Groupies und Jetset? Luxus in Tüten?

Ha, nein. Ich lebe m reichsten Land der Welt. Meine ganz alltäglichen Dinge, wie Velo, funktionierender ÖV, Gesundheitsversorgung, gutes Essen, etc. sind Luxus, für den ich wirklich dankbar bin. Wahrscheinlich verdiene ich in der Medienszene eher am unteren Ende. Aber Geld hat mir nie so viel bedeutet. Die Möglichkeit, etwas Geiles zu machen, jeden Morgen mit Freude aufzustehen und an meine Arbeit zu gehen, und auch noch davon leben zu können, ist mir viel wichtiger als die gängigen Statussymbole und viel Stutz.

Gülsha klaut weitere Pommes Frites.

Gülsha ist eine Idealistin?

Ja, warum nicht. Aber es sind die kleinen Dinge, in denen ich vielleicht idealistisch bin. Es freut mich, wenn ich mit meiner Reichweite die Menschen berühren kann. Wenn jemand auf mich zukommt und sich bedankt, weil meine Sendung ihn oder sie auf einen neuen Gedanken gebracht hat, ist das ungeheuer befriedigend.

Können wir uns noch über deinen kulturellen Hintergrund unterhalten?

Ich bin eine typsche Secondo, habe ein wenig von beiden Kulturen mitbekommen …

Eigentlich meinte ich eher deinen Ostschweizer Akzent.

Haha. Ich bin in Niederuzwil auf die Welt gekommen, da kriegt man diesen Akzent eben mit. Damals gabs noch nicht viele Ausländer in diesem Städtchen. Meine Eltern sind sehr fortschrittlich und offen, da gabs keinen Unterschied. Wahrscheinlich bin ich freier und unabhängiger aufgewachsen als viele «Schweizer». Mit sechzehn zog ich von Zuhause aus, um von einem Lehrlingsheim aus meine Ausbildung zu machen. Ok, in einem Lehrlingsheim nur für Mädchen. Kein Männerbesuch erlaubt, und wenn meine Schwester übernachten wollte, musste ich das vorher anmelden.

Mit Sechzehn weg von zuhause? Party, Party, Party?

Nein, ich war sehr diszipliniert. Ich lernte, schlief und arbeitete. Natürlich ging ich dann schon irgendwann aus, aber immer eher zurückhaltend.

Zum Schluss nochmals zurück zu deiner Karriere bei «Joiz». Man munkelt, dass du den Sender verlassen wirst …

Was meine Karriere angeht, habe ich bei «Joiz» alles erreicht, was man erreichen kann, deshalb werde ich mich im nächsten Jahr vermehrt auf andere Sachen konzentrieren. Seit über zwei Jahren bin ich mit der Textagentur«Atelieer» im Gespräch, mittlerweile ein festes Mitglied und noch fester am Projekte anpacken. Das Atelieer hat aber nix mit Fernsehen zu tun, sondern mit Schreiben und Bühne. Für meine Anstellung bei «Joiz» bedeutet das, dass ich sicher nicht mehr eine tägliche Sendung stemmen werde, alles andere ist aber noch offen und wird diskutiert.

Gülsh schreibt in Zukunft für die Bühne. So richtig Kultur und so. Wir sind gespannt!

Gülsha verputzt die letzten Pommes Frites.

4 Kommentare zu «Die doppelte Gülsha»

  • köbi sagt:

    seit cablecom die letzten analogen sender abgeschaltet hat, schaue ich kein tv mehr.
    vorher war gülsha aber ganz ok.
    ein paar worte zum privatleben wären auch noch cool gewesen.

  • david mercier sagt:

    ich gehöre auch absolut nicht zur Zielgruppe (mit 51 jahren) schau aber des öftern rein und finde gülsha <3 the best und wünsch dir ne ganz grosse kiste am tv!!! das würde uns allen gut tun. txs!

    • tststs sagt:

      51 bin ich noch nicht, aber sicherlich auch nicht die primäre Zielgruppe, aber bei Gülshas Format (keine Ahnung wie es heisst, einfach diese Sendung, in welcher sie zu verschiedensten Dinge ihre Kommentare dazu gibt) bleibe ich dabei.
      Ich befürchte aber, dass die Schweiz für eine „grosse Kiste“ à la Gülsha (noch) nicht bereit ist… so vieler Ironie ist der CHler nicht mächtig 😉

  • geezer sagt:

    ich gehöre defnitiv nicht mehr zur joiz zielgruppe und schau den sender daher nie (nur vorbeigezappt). aber was ich bisher so über ihn gelesen habe, lässt hoffen. es scheint, dass er bei der jungend den nerv der zeit getroffen hat. die moderatoren sind für das format gut geeignet. das schlimmste wäre, wenn sie in ein paar jahren ‚automatisch‘ am leutschenbach ‚enden‘ und sich die ganze frische und frechheit in srf-lethargie und selbstgefälligkeit verwandeln würden.

    übrigens, vielen dank für den einschub „Mein veganer Kebab wird gebracht, ich beisse rein. Gar nicht schlecht, aber irgendwie fehlt das Fleisch. Was zu erwarten war.“ meine worte!..:-)

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