Lettenräumung: Das Ende des Krieges?

Als das Sterben noch schmerzhaft sichtbar war: Drogenszene am Letten.

Als das Sterben noch schmerzhaft sichtbar war: Drogenszene am Letten.

Es ist ein Trümmerfeld, ein Kriegsschauplatz. Das frisch geräumte Lettenareal ist eine zerstörte Weite, übersät mit Glasscherben, Schuhen und Kleidungsstücken, mit Spritzen, Nadeln und verbogenen Einkaufswagen, die noch vor ein paar Tagen als Fixertischchen gedient hatten. Der Boden ist blutgetränkt, nicht von einer grossen Schlacht, sondern tropfenweise von vielen kleinen Schlachten, die Süchtige über Jahre auf diesem Boden Schuss für Schuss gegen sich selbst führten. Die Kälte hält den Gestank in Grenzen.

Sechs Meter höher, auf der Kornhausbrücke, stehen Offizielle der Stadt präsentieren einem Rudel Journalisten der Weltpresse den Sieg – flankiert von Polizisten in Kampfmontur. Es wirkt wie «Embedded Journalism», wie Kriegsberichterstattung. Der Krieg ist gewonnen, aber der Gegner hat sich selbst besiegt. Die Opfer wanken jetzt einige hundert Meter weiter durch die Langstrasse, verzweifelt, verängstigt, auf Entzug. Einige haben sich schon vor Tagen an den Methadonabgabestellen ergeben, haben endlich Hilfe angenommen. In den Entzugskliniken fürchteten die Fachleute diesen Tag und werden dann auch überrannt. Die Lettenräumung im Februar 1995 war eine logistische Überforderung für alle, und trotzdem musste sie so durchgeführt werden. Eine Wahl hatte die Stadt nicht.

Der «Tipping Point»

Aber die Lettenräumung zeigte auch den gesellschaftlichen Paradigmenwechsel. Das Problem musste so gross werden, dass es sich nicht mehr verstecken, nicht mehr ausgrenzen oder verdrängen liess. Wer in den Neunzigern in Zürich lebte, gehörte dazu. Jeder hatte einen Freund, einen Arbeitskollegen, ein ehemaliges Schulgspänli, ein Familienmitglied, das von der Seuche betroffen war.

Die Stadt hatte an der Riviera und am Platzspitz versucht, sich das Geschwür, die Suchtinfektion, die ihren Körper befallen hatte, mit Polizeigewalt aus dem Fleisch zu schneiden. Es hat nicht funktioniert. Erst als der Tipping Point erreicht war, als aus individuellen Dramen eine Tragödie der Gesellschaft wurde, war man bereit zu akzeptieren, dass das Geschwür ein Teil des gesellschaftlichen Körpers war und dass man das Problem assimilieren anstatt verdrängen musste.

Aber auch zu diesem Zeitpunkt, während und nach der Lettenräumung, betrieb man in erster Linie Symptombekämpfung und Überlebenshilfe. Löblich und ebenso notwendig wie ungenügend. Die Sucht hatte der Stadt ein Trauma zugefügt. Mit Methadon und Salbe schloss man die Wunde, beruhigte die soziale Entzündung und fing schon einige Monate später an, sich gegenseitig für die gelungene Operation auf die Schulter zu klopfen.

Heilsbringer Methadon

Die Sucht war irgendwie im Griff, flammte ab und zu in den Quartieren noch auf, war aber wieder da, wo sich niemand, bis auf die Süchtigen und die Spezialisten, damit auseinandersetzen musste.

Das Suchtproblem ist nicht gelöst, sondern wird inzwischen wieder freundlich ignoriert. Rund 35’000 Opiatabhängige zählte man in der Schweiz Mitte der 90er-Jahre. Jetzt schätzt man die Zahl noch immer auf etwa 25’000 bis 30’000 Süchtige, was doch kurz innehalten lässt. Wo sind all diese Junkies? Natürlich unsichtbar in Heroin- und Methadonprogrammen.

Die damaligen Vorkämpfer der Methadon- bzw. Heroinabgabe, die mit ihrem Einsatz wahrscheinlich tausende Leben gerettet haben, sind inzwischen von ihrem eigenen Erfolg paralisiert. Sie haben sich so stark für die Substitution eingesetzt, dass ihnen eine weiterführende  Behandlung der Sucht wie ein Verrat an ihrem eigenen Kampf für Substitutionsprogramme erscheinen muss. Und sie sind inzwischen die Verantwortlichen der Schweizer Drogenpolitik. Doch an den Ursachen wird weiterhin nicht gearbeitet. Geforscht wird nur klinisch an verträglicheren Substituten, nicht an den sozialen und psychischen Wurzeln.

Kosmetik statt gesellschaftliche Veränderung

Jetzt, zwanzig Jahre später, wäre es vielleicht an der Zeit, sich zu fragen, weshalb eine der reichsten Gesellschaften nach einem der wirtschaftlich erfolgreichsten Jahrzehnte – den 80ern – sich plötzlich mit einer Jugend konfrontiert sah, die sich lieber selbst umbrachte und im Drogenrausch lebte, als Teil der Gesellschaft zu sein. Und warum noch heute so viele Menschen hier das Gefühl haben, ihr Leben nüchtern nicht ertragen zu können.

Der Rausch begleitet die Menschheit seit Anbeginn. Der Rausch ist nicht das Problem – er kann für Menschen, die keinen anderen Weg finden, Entspannung und sogar spirituelle Bereicherung bieten. Die Frage ist, warum ein so grosser Teil der Gesellschaft den täglichen oder wöchentlichen Rausch braucht, um ihr Leben in eben dieser Gesellschaft auszuhalten.

«Spass!» werden einige sagen, «Erholung» andere. Die Frage, warum wir ein Leben leben, von dem wir uns «erholen» müssen und warum wir für «Spass» an unserem Bewusstsein herum manipulieren müssen, wird wahrscheinlich mehr Unangenehmes über unsere gesellschaftlichen Realitäten zu Tage fördern, als über Junkies, Alkoholiker und Pillenfresser.

Wir haben die Sucht wieder versteckt, nicht mit Gewalt, nicht ausserhalb der Gesellschaft. Wir haben die Süchtigen sauber eingekleidet, ihnen ein Smartphone in die Hand gedrückt und ihnen eine Wohnung gegeben. Das sieht hübsch aus. Aber es ist Kosmetik und nicht Heilung der Ursachen.

Der Autor hat die Lettenräumung als Heroinsüchtiger erlebt und lebt seit 12 Jahren frei von bewusstseinsverändernden Substanzen wie Heroin, Methadon, Kokain, Alkohol, Cannabis, Pillen etc. Man möge ihm seine kritische Sicht auf die Verleugnung der Ursachen der Sucht verzeihen. Er hat in den letzten Jahren zu viele Freunde beerdigt, um jetzt auch noch ins gesellschaftliche Schulterklopfen einzufallen.