Sommer in Zürich: Zen-Himmel und Partyhölle

Das sind Symbolbilder, geben aber in etwa das beschriebene Lebensgefühl wieder.

Ruhe und Halligalli liegen in Zürich während der Sommermonate nahe beieinander.

Wo der eine sich im Paradies seiner Kindheit wähnt, findet sich der andere in der ganz persönlichen Ballermann-Hölle wieder. So unterschiedlich kann Zürich in den Sommerferien sein. Unsere beiden Autoren geben ihre Eindrücke wieder, die sie nur fünfzig Meter voneinander entfernt gemacht haben. Und in welchem Zürich verbringen Sie Ihre Sommerferien?

Der Himmel

Ich spüre die angenehm heisse Steinplatte an meinem Bauch, während die Sonne mir den Rücken kitzelt. Das Kinn auf meine verschränkten Hände gestützt, sehe ich durch die glitzernden Wassertropfen in meinen Wimpern die leere Wiese der Bäckeranlage wie durch ein Kaleidoskop. Paradiesische Ruhe, nur durch das schläfrige Summen einer Biene untermalt. Ich liege beim kleinen Brunnen mit Fontäne, der normalerweise als Kinderbecken dient, bei dem aber heute nur zwei oder drei Mütter im Schatten  dösen. Es ist Sonntagnachmittag, 28 Grad und einer der beliebtesten Stadtparks Zürichs, die Bäckeranlage, ist wie leer gefegt.

Da sich hier ansonsten Familien aufhalten, spürt man den Effekt der Sommerferien hier sehr deutlich: Paare mit Schulkindern sind jetzt in Griechenland, in den Bergen, in Rimini (der Stadt, nicht der Bar) oder sie sitzen im Stau auf dem Weg dahin.  Und auch Berufstätige mit Kindern im Vorschulalter müssen jetzt Ferien machen, da viele Kinderkrippen in den Sommerferien ein oder zwei Wochen geschlossen bleiben.

So kann man ohne Anstehen einen Kafi an der Bar holen, die Lieblings-Glace ist nicht ausverkauft und – o Wunder! – die Bedienung ist nicht gestresst, sondern freundlich. Im Tram auf dem Weg waren nicht genug Menschen, um eine dieser Sommerschweisswolken zu produzieren und die japanischen Touristen scheinen alle wohlduftend. Die Touristen aus Übersee sind sowieso das Beste an den Sommerferien in Zürich. Wenn man mit ihnen ins Gespräch kommt, hört man Lobeshymnen auf die Stadt: Alles sei so organisiert, so sauber, so nett. Sogar unser Rotlicht/Drogenviertel sei hübsch pittoresk mit Kunst und hübschen Menschen. Da fühlt man sich gleich wieder etwas zufriedener mit der eigenen Heimat.

Ich liebe die Sommerferien in Zürich, dann zeigt die Stadt ihr bestes Gesicht. Da muss ich nicht wegfahren, da bleib ich hier. All die Touristen, die unheimlich viel Geld ausgeben, um unsere Stadt zu sehen, können sich schliesslich nicht irren.
Reda El Arbi

 

Die Hölle

Vor drei Wochen war ich in Mallorca. Und es war wunderschön. Ich lebte in einem Hotel im hügeligen Westen, wo man nachts ausser dem Zirpen von Grillen und dem leisen Rauschen des Meeres nichts hören konnte. Eigentlich wollte ich mir den Ballermann 6, bei dem rund um die Uhr gesoffen wird, wenigstens anschauen gehen, will doch die Regierung in Palma die Partymeile bald schliessen. Doch selbst für diese nostalgisch gefärbte Feldstudie blieb keine Zeit und auch keine rechte Lust. Denn zu Hause an der Langstrasse (nur 50 Meter von der eingangs beschriebenen Bäckeranlage entfernt) herrscht jeden Sommer konstant Ballermann 6.

Alle zehn Meter gibts hier eine Bar, es gibt zahlreiche Clubs, Rundfunk bei der Remise, der neue Grill vor dem Longstreet. Kurz: Menschenmassen von 20 bis 7 Uhr. Je später die Nacht, umso mehr Volk auf der Strasse. Umso mehr zerschlagene Flaschen auf den Trottoirs und Uringestank in den Hinterhöfen. Ich brauche nur einen Schritt aus dem Haus zu machen und schon lande ich mitten im Taumel. Als ich kürzlich einen Mann, der gerade ans Nachbarhaus urinierte, darauf hinwies, er solle sich, ähm, verpissen, wurde er handgreiflich – die Lage entspannte sich erst, als ein paar Fremde einschritten.

Soll ich abends von meiner Wohnung aus jeweils Wasserballone auf Wildpinkler werfen? Oder heissen Teer und Federn über sie giessen? Hat der Kreis 4 das Niederdorf und Zürich-West in Sachen Ausgangsgedöns nun endgültig abgelöst? Oder brauche ich bloss abzuwarten, bis die Sommerferien vorüber sind?

Nicht dass das Quartier je brav oder ruhig gewesen wäre, schon immer herrschte hier rund um die Uhr Betrieb. Doch im Sommer gleicht die Gegend jeweils einer RTL-2-Doku über den Ballermann 6 oder Lloret del Mar. Jugendliche aus der ganzen Region feiern gruppenweise, lautstark, exzessiv.

In der Stadt Malia, auf Kreta, übrigens begegnet man dem immer extremer werdenden Sauftourismus mit einer abgeschotteten Zone, wo die Jugendlichen unter sich bleiben, damit die Altstadt und ihre Bewohner nicht zu sehr tangiert werden davon. So etwas wäre für Zürich auch denkbar, zum Beispiel mit einem Einreisezoll an Limmat- und Helvetiaplatz oder einer Partyzone auf dem Brachland hinter dem Hallenstadion. Man möchte das lebendige Quartier nicht missen, doch manchmal in der heissen Zeit, wird die Sache zu hysterisch. Dann gehe ich halt nach Mallorca. Oder freue mich kurz auf die Street-Parade, während der sich die Meute in die Innenstadt, ähm, verpisst.
David Sarasin