Eine Stadt für Kinder?

Herumtollen und sich auch mal eine Beule holen, ohne dass gleich ein Erwachsener einschreitet.

«Ihr lasst eure Kinder unbeaufsichtigt im Park herumrennen?», fragte mich neulich eine befreundete Besucherin aus London. «Das ist doch gefährlich, da könnte sonstwas passieren!» Zu erwähnen ist, dass die Eltern etwa 50 Meter entfernt von den 6 bis 8 jährigen Kindern sassen und grillierten.

Ich hatte mir darüber bisher noch nie Gedanken gemacht, da ich selbst keine Kinder habe. Aber in den letzten Tagen achtete ich mich mehr darauf, wie sich Kinder in unserer Stadt bewegen. Und ich kam zum Schluss, dass  Kinder in Zürich angstfrei und neugierig unterwegs sind.

Ich treffe 8 bis 12-Jährige, die alleine oder in kleinen Gruppen Bus oder Tram fahren, während der Chauffeur im Spiegel sie im Auge behält. Ich kann mich an letzten Sommer erinnern, als Kinder quietschend und jauchzend durch die Badi Tiefenbrunnen stürmten, während ihre Eltern, zwar in sichtweite, aber nicht in unmittelbarer Nähe, in Ruhe Kaffee tranken.

Kinder fahren in den verkehrsberuhigten Quartierstrassen mit dem Trottinet oder dem Velo, versuchen sich auf Skateboards oder spielen Fussball. In dieser eher sicheren Umgebung lernen sie, ohne die ständige Kontrolle der Eltern oder Erziehungsbeauftragten, Eigenverantwortung, soziale Kompetenz und einen Umgang mit schwierigen Situationen.

Mein Göttimeitli aus London ist vor ihrem 14. Lebensjahr nie Velo gefahren und fürchtete sich danach, überhaupt auf eines zu steigen. Sie hatte Angst, sich zu verletzen. Und sie hatte auch Angst, sich hier in Zürich alleine in der Stadt zu bewegen. Unsere Kinder lernen, sich einmal die Knie aufzuschlagen, sich auch mal eine blutende Schramme zu holen und sehen, dass sie es überleben – ohne das gleich ein überfürsorgliches Elternteil einschreitet. Ich denke, so entstehen die mutigeren kleinen Menschen.

Zudem gibts in Zürich im Verhältnis zur Bevölkerung sehr viele Spielplätze, Badeanstalten, Projekte in den Sommerferien und viele Angebote, die direkt auf Kinder zugeschnitten sind.

Klar, einige Eltern werden vielleicht anführen, dass es in Zürich immer noch zuwenig geschützten Raum für Kinder gibt. Natürlich gibt es in einigen europäischen Städten wirklich mehr «geschützten» Raum für die Kinder. Nur sind es da eingezäunte Kinderreservate, die mich irgendwie an kleine Zoos erinnern. Da sind mir unsere spielenden und schreienden Kinder mitten zwischen uns um Einiges lieber.

15 Kommentare zu «Eine Stadt für Kinder?»

  • hypo sagt:

    wie vielfältig das leben in zürich mit kinder sein kann, wird hier ersichlich:

    http://www.zuerifuerkinder.ch

    zürich mit kindern mach spass!

  • tina grob sagt:

    die bäcki ist ja eine geschützte zone. kinderbeaufsichtigen ist kein makel, ich tröste jedes mal in der badi ein unbeaufsichtigtes kind, das kurz zuspruch braucht.

    in verkehrsberuhigten strassen ist fussballspielen nicht erlaubt. mit grund, denn dort fahren autos.

    ich finde züri auch nicht so grässlich für kinder, wie manch ein nicht hier lebender denken würde. züri hat auch alle 3minuten einen park, einen fluss, einen waldrand, sportplätze mit skateparks usw.

    aber der haken an den angeboten für kinder ist dass sie eben in einem geplanten rahmen stattfinden. das ist nicht frei. das ist nicht das selbe wie „da sein“, falls ein kind ein pflästerli braucht. die im text erwähnte schramme wurde auf einem spielplatz geholt, und nicht im strassenverkehr. der ältere meiner söhne, immerhin 6. klässler, findet es gar nicht so lustig ohne begleitung tram zu fahren hier. jedesmal kotzt ein besoffener ins tram oder er wird angebettelt oder so.

    hingegen bin ich überzeugt, dass es das londoner göttimeitli gar nicht so übel hat, wie es den anschein erweckt. war kürzlich dort, und da fahren ämel erstaunlich viele menschen velo. es gibt sogar e-bike-stationen, ein geniales system. mir schien der vekehr nicht so krass wie in züri. nicht alle kinder haben die gleichen talente. nur weil es angst hat velo zu fahren heisst das nicht, dass sie überbehütet ist

    es ist einach grausam oberflächlich herr el arbi, was sie da für schlüsse ziehen

    • Reda El Arbi sagt:

      Also ich kenn mein Göttimeitli nicht nur oberflächlich, und ihr fehlen einige Skills, die die Zürcher Kinder, die ich kenne, schon früh lernen. Und ich weiss ja nicht, wo Sie in London waren, aber in den Stadtteilen, in denen ich lebte, grenzte Velofahren an Selbstmord.

      Natürlich gabs einige Wenige, die mit dem Velo unterwegs waren, die meisten davon Kuriere, oder Leute, die in Notting Hill wohnten und arbeiteten. Im Verhältnis zur Bevölkerung ist die Velodichte in London minimal, nicht so wie in Zürich oder in Deutschen und Holländischen Städten.

      • tina grob sagt:

        oberflächlich fand ich die schlüsse, die sie im artikel ziehen, und nicht die beziehung zum göttimeitli..

        wenn einem kind skills fehlen dann liegts vielleicht an der aktuellen reife, an neigungen, aber sagen sie, würde das göttimeitli das jetzt freuen, so etwas zu lesen? wobei das nur nebenbei…. ich dachte sie sind der positiv seher? kinder sind wie sie sind. welche skills ein 12jähiger hat oder ihm eben fehlen hängt kaum davon ab er in london lebt oder in züri.

        in züri sind ja auch kaum alle ecken geeignet um velofahren zu lernen, aus einem grund fahren ja viele erwachsene auf trottoirs

        ich weiss jetzt nicht mehr genau wo ich diese velomietstationen überall gesehen habe, aber ganz sicher um die ecke bei aldgate, und ich glaube bei kings cross? und die velofahrer irgendwo, aber das war ja nicht thema

      • tina grob sagt:

        es ist einfach zu typisch. die blogger mit ihren macs in der bäcki, den kindern beim spielen zusehen, und theoretisch ein viel besserer elternteil sein, als die überbehütende göttimeitlimutter 😀

    • Andreas Müller sagt:

      Also mit ihrem Sohn würde ich gerne mal Tram fahren. Er muss unglaubliches Pech haben, wenn er in einer derart hohen Frequenz an kotzende Mitmenschen gerät. Ich habe das in einigen Jahren erst einmal gesehen, und zwar abends um halb eins, also deutlich nach Schulschluss. Bettler gibts ab und zu, ja, aber ich gehe nicht davon aus, dass ihr Sohn dadurch bleibende Schäden davonträgt.

      • tina grob sagt:

        nein, ich gehe auch davon aus, dass er davon keinen bleibenden schaden bekommen wird, sonst wäre es ja doch recht fragwürdig, dass ich mit den kindern in der stadt bleibe, nicht? ja, ich muss zugeben, sie haben recht herr müller, mein sohn hat ein flair für malheurs, muss er von der mutter geerbt haben

  • Herbert Willi sagt:

    Klingt schön, ist aber gerade in Zürich nicht so, wie es der Autor zu vermitteln versucht, man braucht sich dazu nur den folgenden Beitrag samt den zughörigen Kommentaren durchzulesen:
    http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/Angeklagt-weil-der-Sohn-sich-beim-Spielen-blaue-Flecken-holte/story/29148970

    Derartiges KANN nur in der völlig überregulierten und von überboardenden Pseudo-Sicherheitsvorschriften dominierten Schweiz passieren. Heutzutage gibt es sogar jede Menge übervorsichtiger Eltern, die ihren Kindern Fahrrad-Helme aufsetzen, wenn diese auf den Spielplatz gehen.

    Und gerade in Zürich gibt es Regeln ohne Ende und man wird von Kleinbürgern auch ständig ermahnt, wenn man mal eine Regel (und sei sie auch selbst erfunden) nicht exakt einhält. Unbeschwertes Kindsein, wie das anderswo möglich ist (zB in skandinavischen Ländern) sieht anders aus.

    • Reda El Arbi sagt:

      Hallo Herr Willi,

      es gibt jede Menge Kinder, die hier jetzt gerade in der Bäckeranlage um mich herumtoben und sich auch mal die Knie aufschürfen. Aber vielleicht liegt es an der Grundeinstellung zum Leben. Ich schau mich um, und sehe die positiven Dinge (ohne die negativen auszublenden). Auf die oben von Ihnen geposteten Beispiele kommen unzählige, bei denen Kinder sich normal und frei entwickeln können.

      Der Autor

      • Herbert Willi sagt:

        Lieber Herr El Rabai,

        wenn das Ihr Eindruck von mir ist, dann ist das schade, ich bin nämlich ein sehr positiv denkender Mensch, der sich allerdings seine Kritikfähigkeit bewahrt hat, vor allem dort, wo das Leben durch unnötige Hürden und Vorschriften eingeschränkt wird. Eine Stadt zu lieben, heißt, sie verbessern zu wollen. Und gerade da gibt es in Zürich einiges wiedergutzumachen, was in sich letzter Zeit verschlechtert hat. Gerade weil ich weiß, dass Kinder anderswo viel weniger überbesorgt und überbeaufsichtigt werden, ist mir Ihr Artikel aufgefallen. Gerade weil ich mich über gewissen Tendenzen ärgere, Familien mit Kindern das Leben schwer zu machen, muss ich Ihnen hier widersprechen (Man denke nur an die unsinnige Vorschrift, jedes Kind bis 12 Jahre (!) im Auto in einen Kindersitz setzen zu müssen – das macht spontane Ausflüge mit Nachbarskindern oder ähnliches unmöglich)

        Sie konnten bei mir keinen positiven Blick auf die Stadt feststellen? Nun, da bitte ich Sie, zum Cobra-Artikel zurückzublättern. Dort haben Sie einen sehr negativen (zum Teil unsachlichen) Beitrag über ein Tram geschrieben, das ich großartig finde, und auch in den Kommentaren hat es – im Gegensatz zu meinen – sehr viele negative Stimmen zur Cobra gegeben. Meine Aussagen beim Wiener Kaffeehaus-Flair waren weder negativ noch positiv, ich habe dort nur meine Meinung wiedergegeben, die sich halt von Ihrer unterscheidet (ich finde das Cafe toll, sehe aber den Wiener Kaffeehausflair nicht). Ein gewisser Widerspruch sollte nicht dazu führen, dass sie mir eine negative Grundhaltung unterstellen. Interessanter fände ich es, mich mit Ihnen sachlich zu den einzelnen Themen auseinanderzusetzen (ich versuche das zumindest).

  • Andreas Müller sagt:

    Ich stelle immer wieder mit (positivem) Erstaunen fest, wie selbständig viele Zürcher Kinder sind. Nebenbei gesagt sind die allermeisten auch sehr anständig. Eine pragmatische Haltung ist hier wohl angebracht.

  • Felix Huber sagt:

    Sind wir jetzt hier im Mamablog?

    • Petra Kuhn sagt:

      Stadtleben und das ist doch genau das Schöne daran, sollte möglichst vielfältig geprägt sein. Eine Facette des Lebens ist Familie mit Kindern, wenn sie diese gleich in die Mamablog verbannen, sollten diese also nicht zum Stadtleben gehören?

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.