Raus aus dem Ratgeberwahn mit «The Letdown»

Alison Bell spielt die übermüdete Mutter Audrey.

«Was die Popelfarbe über die Gesundheit Ihres Kindes aussagt», «Schwanger: Für welchen Studiengang soll ich mein Kind anmelden?» oder «Neue Entwöhnungskur für Kinder, die fünf Sekunden Youtube ausgesetzt waren». Es gibt kaum einen Aspekt des Kinderkriegens und Elternseins, der in den vergangenen zehn Minuten nicht in irgendeinem Medium thematisiert wurde. Dabei gibt es eigentlich nur etwas, das Mütter, Väter und solche, die es werden wollen, dieser Tage konsumieren sollten: die Fernsehserie «The Letdown» (2016). 

Diese fasst zusammen, was eigentlich schon jeder weiss, der mal Kieselsteine aus den Windeln geschüttelt, Spinat aus den Parkettbodenritzen geratzt oder morgens um elf Uhr eine Flasche Pinot grigio geöffnet hat: Ein Kind bedeutet Stress, und alles, was zu einer entspannteren Familiensituation beiträgt, ist okay (von illegalen Massnahmen mal abgesehen).  Kreiert wurde die australische Produktion von Sarah Scheller und Alison Bell. Letztere spielt auch gleich die Hauptfigur Au­drey, eine frisch gebackene Mutter, die sich von ihrem Notkaiserschnitt erholt und um Schlaf ringt – an der Seite ihres Mannes, der von seinen Kollegen wegen des nicht existenten Sexlebens ausgelacht wird, während er an seiner Karriere weiterarbeitet.

Weil das Kind einfach nicht schlafen will, besorgen die Eltern Lärm unterdrückende Kopfhörer – und schlummern glatt neben dem schreienden Baby ein. Weil Ignorieren längerfristig auch nichts nützt, fährt Audrey das Kind zum Einschlafen im Auto durch die halbe Stadt – und nickt ausgerechnet im Geschäftsgebiet der Drogendealer am Strassenrand selbst ein. Schliesslich sucht sie Rat in einer Elternberatungsgruppe. Für eine vorbildliche Vorbereitung ist sie allerdings zu müde, und so bringt sie statt eines Babyratgebers Mary Shelleys «Frankenstein» mit zur Sitzung. «Ich dachte, wir stellen alle unsere Lieblingsbücher vor . . .» – «Hast du das Mail nicht zu Ende gelesen? Da steht: Lieblingsratgeber!»

«The Letdown» ist oft überspitzt, meistens lustig und immer ehrlich. Etwa dann, wenn Audrey nach einem desolaten Abendessen mit ehemaligen Arbeitskollegen im Bus in Tränen ausbricht, während sie sanft ihr Baby an die Brust drückt. In diesem Moment gehen ihr wohl viele Gedanken durch den Kopf. Solche zu den aktuellsten Frühförderstandards gehören eher nicht dazu.

 

Die Serie läuft auf Netflix.

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