Alte Liebe

Grace (Jane Fonda) ungeschminkt und mit Gehhilfe. Liebt sie Nick auch so?

Vor mir auf dem Trottoir geht ein altes Paar. Braune Mäntel, braune Schuhe, der Mann leicht grösser als die Frau. Sie greift nach seiner Hand, und ich denke: «Sie muss sich wohl irgendwo ab­stützen.» Ich überhole genervt.

Es ist eine jener klassischen Alltagssituationen, in denen ältere Menschen auffallen. Wenn sie das Trottoir blockieren, an der Supermarktkasse stundenlang nach den passenden Münzen suchen oder im Bus hin- und herschwanken wie ein Strohhalm im Milchshake – weil es ihr Stolz nicht zugibt, einen ange­botenen Sitzplatz anzunehmen.

Stolz ist auch die 80-jährige US-Schauspielerin Jane Fonda. Jedenfalls in der Serie «Grace and Frankie». Weil sich ihre Ehemänner im Pensionsalter als schwules Paar outen, freunden sich die beiden verlassenen ­Gattinnen Grace (Fonda) und Frankie (Lily Tomlin, 78) an und gründen eine Wohngemeinschaft. Seit dem Start im Jahr 2015 dreht sich die Comedyserie von Netflix um die Alltagshürden der Seniorinnen – und um ihre Beziehungsprobleme.

Grace will ihrem «jungen» Liebhaber Nick, gespielt vom 62-jährigen Peter Gallagher, die Knie-Arthrose verheimlichen. Dabei hat sie nach jedem Schäferstündchen Schmerzen. Also schickt sie ihn Abend für Abend nach Hause – auch, damit er sie nicht unmaskiert, sprich ohne ­dicke Make-up-Schicht, sieht. Als er darauf besteht, bei ihr zu übernachten, will sie mit ihm Schluss machen. «Willst du wirklich das?», schreit sie ihn an, ­entblösst den Knieverband und schrubbt sich das Make-up von der Haut. Da stehen sie, Grace und Jane Fonda, alt und verwundbar. Und Nick? Der sagt Ja und trägt sie die Treppe hoch. Es ist die romantischste Fernsehszene, die ich kenne.

Vor mir auf dem Trottoir geht ein altes Paar. Sie greift nach ­seiner Hand, und ich denke: «Die beiden haben es gut miteinander.»

«Grace and Frankie»: Staffel 1-4 läuft auf Netflix.

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.