«The Handmaid’s Tale»: Eine Serie, die wehtut

(Fortpflanzung als religiöse Zeremonie.)

Ich hasse Margaret Atwood. Sie beschert mir die schwersten Fernsehstunden meines Lebens. Auf dem gleichnamigen Roman der kanadischen Autorin basiert die Serie «The Handmaid’s Tale». 2017 startete die erste Staffel in den USA. Das sind zehn Stunden, die ich nun verarbeiten muss.

Die Serie spielt in einer düsteren Zukunft: In den USA leiden die meisten Frauen nach atomaren Angriffen und Umweltkatastrophen an Unfruchtbarkeit. Das rare Gut Uterus wird zum Privileg für die Anführer einer neuen Glaubensdiktatur. Enteignet und ihrer Identität beraubt, werden die fortpflanzungsfähigen Frauen an ranghohe Männer versklavt, ohne zu wissen, was aus ihren eigenen Kindern und Partnern wurde. Nicht wenige wurden vom Regime zu Abschreckungszwecken öffentlich gehängt: Ungläubige, Regimekritiker und Homosexuelle, sogenannte «Gender Traitors» (Verräter des Geschlechts).

Das klingt alles ganz schrecklich, doch wirklich belastend finde ich die Rückblenden in eine Zeit, die unserer nicht unähnlich scheint: Hauptfigur June (Elizabeth Moss), die später als «Offred» versklavt wird, erlebt mit ihrer Familie einen Gesellschaftswandel mit. Hitzig debattiert die Öffentlichkeit über Geschlechterunterschiede und sexuelle Ausrichtung. Christlich-fundamentalistische Kreise werten Kleidung und Verhalten der weiblichen Bevölkerung. Schliesslich gehen Frauen und Homosexuelle auf die Strasse, es kommt zu Bildern, die mich an die realen «Women’s Marches» erinnern. Der Unterschied zwischen diesen durch das Gesellschaftsbild des US-Präsidenten Donald Trump ausgelösten Protestaktionen und jenen in der Serie: In der Realität hat niemand in die Menge geschossen.

«Es kommt alles gut. Das geht vorbei. Wir haben ja schon viel erreicht»: Mit dieser Argumentation reden sich viele Menschen politische und gesellschaftliche Missstände schön – auch ich. «The Handmaid’s Tale» zeigt auf, was geschehen kann, wenn eine Gesellschaft zu lange wartet, bis sie sich für ihre Grundrechte einsetzt. Die Serie zwingt, eine Antwort zu suchen auf die Frage: Würden Sie den richtigen Moment zum Handeln erkennen? Das macht die Serie so relevant. In diesem Sinn: Ich liebe Margret Atwood.

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