«Fuck» ist der neue «Kaffee»

«Kennen Sie den?» Eigentlich sollte sich ein Witz ja durch die Pointe erschliessen, trotzdem werden die meisten angekündigt. Auch professionelle Witzeerzähler kommen nicht ohne Einordnung aus. Vielleicht finde ich deswegen Komiker meistens so lustig wie Dentalhygiene. Da steht einer (seltener: eine) auf der Bühne, klopft einen Spruch, und fragt dann ins Publikum: «Na? Na? Na?» Na, hat auch jeder geschnallt, dass das eben lustig gemeint war?

Entsprechend skeptisch war ich der neuen Amazon-Serie «The Marvelous Mrs. Maisel» gegenüber. Die Geschichte folgt der Hausfrau Midge Maisel (Rachel Brosnahan), die in den Fünfzigerjahren versucht, in der New Yorker Comedian-Szene durchzustarten, nachdem sie von ihrem Mann verlassen wurde. Produzentin und Drehbuchautorin ist Amy Sherman-Palladino – ihres Zeichens Macherin der kultigen «Gilmore Girls». Sherman-Palladino und eine Serie über Stand-up-Comedy? Das ist ein bisschen so, als würde mir jemand nach dem Hauptgang verkünden: «Es gibt Schokoladentorte mit Nägeln drin!»

Die Serie ist aber mehr als ein Ausflug in verqualmte Kellerlokale, auf deren Bühnen die lauwarmen Witze sprudeln wie das Bier aus dem Zapfhahn. Es ist ein Blick zurück auf ein Zeitalter, in dem Frauen adrett zu sein hatten – nicht lustig. In dem Frauen Mütter sein sollten – nicht arbeitende Entertainerinnen. Das ist interessant, stilistisch so umwerfend inszeniert wie die Werberserie «Mad Men», aber nicht frei von Klischeefallen (die dumme Sekretärin, der geizige Jude).

Gesprochen wird wie in den «Gilmore Girls» viel und schnell, da ist sich Sherman-Palladino treu geblieben. Doch es scheint, als würde die Drehbuchautorin nach Jahren des Schreibens für eine familientaugliche Produktion die unterdrückten Fluchwörter kompensieren. So oft die Gilmore Girls «Kaffee» sagen, so oft fällt in «The Marvelous Mrs. Maisel» der Kraftausdruck «fuck». Auch dann, wenn Mrs. Maisel zum Mikrofon greift und als Stand-up-Comedian die Männer an die Wand witzelt. Blaue Flecken auf den Schenkeln riskiert man dabei nicht. Viel lustiger ist das, was neben der Bühne gesagt wird. «Es wäre besser, ihr Mann wäre gestorben, dann wäre sie jetzt Witwe. Das wäre würdevoller als eine Geschiedene.» Na? Na? Na?

Die Serie läuft auf Amazon. Die erste Episode gibt es gratis auf Youtube:

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