Die Monsterjäger aus «Stranger Things»

Erinnern Sie sich daran, wie Sie als Kind im Geschäft etwas un­bedingt haben wollten, es nicht kriegten – und einen Tobsuchtsanfall kriegten? Ich auch nicht, aber ich erinnere mich daran, wie ich vor ein paar Jahren in einem Halloween-Geschäft ein «Ghostbusters»-Kostüm entdeckte, das ich unbedingt haben wollte, doch leider wurde es nur in Kleinkindergrössen hergestellt. Da brach nicht gerade eine Welt für mich zusammen, ein bisschen rum­getrotzt habe ich trotzdem.

So stieg etwas Wehmut in mir auf, als ich am Wochenende die eben lancierte zweite Staffel von «Stranger Things» schaute und die halbwüchsigen Protagonisten in «Ghostbusters»-Kostümen über den Bildschirm stapften. Die Darsteller sind alle um die 14 Jahre alt. Bestimmt könnte ich mit meiner bescheidenen Körpergrösse einen ihrer detailgetreuen Geisterjägeroveralls ­tragen.

Nicht nur beim Anzug: Jedes Detail sitzt in «Stranger Things» (Buch und Regie: Ross und Matt Duffer). An Geld mangelt es den Machern nicht, schliesslich wird die Serie vom US-Streaming­giganten Netflix produziert. Und sie spielt auch im zweiten Anlauf in den Achtzigern. Genauer: 1984. In jenem Jahr, in dem Mark Zuckerberg das Licht der Welt erblickte, in Lichtenstein das Stimm- und Wahlrecht für Frauen angenommen wurde und der Fantasystreifen «Ghostbusters» die Herzen der Kinozuschauer eroberte.

Ästhetisch ist die Mystery­serie ein Nostalgietrip für alle, die ihr Wohnquartier mit BMX-Rädern unsicher gemacht und an der Schulparty zum Sound der Scorpions geknutscht haben. Für die jüngeren Zuschauer ist es eine historische Serie, die  in einem modisch fragwürdigen Jahrzehnt spielt, was sich vornehmlich an den Männerfrisuren zeigt, die schon nach der ersten Staffel viel zu reden gaben. Überhaupt ist vieles gleich in den neuen Folgen. Wieder spielt die Handlung im US-Kaff Hawkings, in dem ein geheimnisumwittertes Labor steht. Aus diesem greift Böses aus der Parallelwelt über in die reale Welt von Will, Mike, Dustin und Lucas. Die vier Freunde widmen sich, nachdem sie in der ersten Staffel ein Monster bekämpft haben, wieder den virtuellen Feinden in ihren Videospielen. Trotzdem ist nichts so wie vorher. Vom fünften Mitglied der Freundesbande fehlt ­jede Spur: Niemand weiss, wo Eleven, das Mädchen mit den übersinnlichen Fähigkeiten, seit Ende der ersten Staffel steckt. Dafür stört die neu zugezogene Max den Hormonhaushalt der Jungs. Und Will ist zwar aus den Fängen des Monsters befreit – richtig frei von allem Bösen scheint er allerdings nicht. So müssen die Kids mithilfe des Sheriffs, Wills Mutter (weinerlich, aber taff: Winona Ryder) und den grossen Geschwistern schon bald wieder zur Monsterjagd antreten. Und diese wird  im Gegensatz zur ersten Staffel actionreicher vorangetrieben:

Das Ganze spielt nicht nur in den Achtzigerjahren, das Ganze tönt auch nach einem Achtzigerjahreplot. Und genau darin liegt der Zauber dieser Erfolgsproduktion: Sie erzählt im Zeitalter komplexester Serien («Lost») eine geradlinige Geschichte. Sie präsentiert im Zeitalter brutalster Fantasyschocker («Game  of Thrones») gut verdaulichen Horror. Und sie setzt auf unsere Basisgefühle: Freundschaft, die erste Verliebtheit, Elternliebe. «Ghostbusters» aus Kinder­perspektive, sozusagen.

Ich setzte derweil das Hauptquartier der Geisterjäger zu­sammen – Legos «Ghostbus­ters»-Spezialedition sei Dank. Und erinnere mich an das Gefühl aus Kindertagen, mit ein paar Bausteinen die Probleme dieser Welt zu kitten.

 

Die Serie läuft auf Netflix.

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