Kinder, ihr sollt ewig leben

Die Kinder in «Narcos» leben gefährlich.

Plötzlich geht man an einem Autounfall vorbei und ist viel betroffener als früher, und man denkt: Das Opfer ist jemandes Kind. So wurde in einem Artikel neulich beschrieben, wie die Elternschaft Menschen verändert. «Jeder ist jemandes Kind», ein Satz, der mich sehr bewegt – spätestens seit Serienjunkie junior meinen Hormonhaushalt neu geordnet hat. Über Berichte von verschwundenen Teenagern, von vergewaltigten Mädchen oder verprügelten Buben muss ich grosszügig hinweglesen, zu schmerzhaft ist der Gedanke daran, was man als Elternteil durchmachen muss in solchen Situationen.

Diese neue Weltwahrnehmung verändert auch mein Serienverhalten. Werden Kinder im Fernsehen schlecht behandelt, knabbere ich nicht länger unbeteiligt Chips auf dem Sofa, sondern taste schluchzend nach der nächsten Tempo-Packung. Oder stürme aufgelöst aus dem Raum, wie unlängst während der 2. Staffel von «Narcos». In der Dramaserie von Netflix, die den Werde- und Abgang des kolumbianischen Kokainbarons Pablo Escobar erzählt, fallen immer wieder Unmündige dem blutigen Drogenkrieg zum Opfer. Völlig aus der Bahn geworfen hat mich jedoch die Szene, in der eine junge Mutter vor den Augen ihrer kleinen Tochter erschossen wird – mitten in der Pampa.

Womöglich verpasse ich in Zukunft grandiose Produktionen, wenn ich brutalen Serien entsage, aber dieses Risiko gehe ich ein. Ich bin einfach nicht mehr der gleiche Serienjunkie wie vor der Geburt – und Netflix hat das auch gespürt. Wenn ich heute den Streamingdienst starte, empfiehlt er mir nicht etwa die dritte Staffel von «Narcos», sondern legt mir die Trickserie «Peppa Pig» ans Herz.

Der Drogenserie begegne ich immer noch, jedenfalls in den Zeitungsmeldungen. Dann, wenn ich über einen «Narcos»-Locationscout lese, der in Mexiko beim Inspizieren von möglichen Drehorten erschossen wurde. Und dann denke ich: «Das war jemandes Kind.»

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