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Wie melkt man die Sammler?

Ewa Hess am Dienstag den 8. September 2015

Jetzt mische ich mich auch noch ein, liebe Leserinnen und Leser! Bis jetzt wollte ich nämlich höflich schweigen zum Buch «Management von Kunstgalerien» von Magnus Resch, über das so viel diskutiert wird in der Kunstszene. Da jetzt aber sogar die seriöse «The Art Newspaper» der Debatte einen Platz einräumt, muss ich meiner Entrüstung über das Machwerk Ausdruck verleihen. Der 31-jährige Deutsche will darin den Galeristen beibringen, wie sie ihren Job richtig machen sollen. Doch er treibt seine Begeisterung für die Industrialisierung des Kunstmarktplatzes einfach zu weit. Vielleicht sind viele der Galeristen eher Aficionados als Geschäftemacher. Vielleicht krankt das Business daran. Aber die Genesung, dessen bin ich mir ganz sicher, liegt nicht darin, dass man Sammler melkt und die Künstler übervorteilt.

Allein schon das Vokabular! Die Künstler sollen in «arme Hunde», «Cash Cows» und «Stars» unterteilt werden. Wer zu keiner der drei Kategorien gehört, ist ein «Fragezeichen». Auch scheint die Analyse der Wirklichkeit etwas unter den eigenen Vorlieben des Schreibenden gelitten zu haben. Etwa: «Eine Galerie, die keine Getränke an der Vernissage ausgibt, wird deutlich weniger Besucher empfangen als die Galerie, die Getränke offeriert – dabei ist die Qualität der Kunst völlig unerheblich», heisst es etwa im Buch. Und der Wert der Kunst (die bei Resch «Kernprodukt» heisst) wird als eine Mischung aus: Dekoration, Investition, Diskussion und Inspiration definiert.

Die Künstler-Matrix nach Magnus Resch Quelle: «Management von Kunstgalerien», Hatje-Cantz-Verlag 2015

Die Künstler-Matrix nach Magnus Resch. Quelle: «Management von Kunstgalerien», Hatje-Cantz-Verlag 2015

Reschs Ratschläge kann man eigentlich sofort wieder vergessen. Die Vernissagenbesucher haben vielleicht nicht nur edle Gedanken im Kopf, für einen Gratisdrink kommen sie nun mal bestimmt nicht. (Ausser einigen wenigen armen Teufeln, die ihren Alkohol-Fix brauchen, mehrere Gläser runterkippen und sofort wieder gehen, doch die kaufen bestimmt keine Kunst, lieber Herr Resch!)

Weitere Vorschläge des neunmalklug auftretenden Experten stammen auch aus der Wirtschaftstrickkiste, und erst noch aus einer, die müffelt: Give-aways für die Kunden (Armbänder mit Künstlerlogo? – als ob wir nicht genug davon im Corporate-Bereich hätten!), Sammler am Programm beteiligen, (so quasi «Bei uns in der Galerie kann jeder das Programm gestalten») und Kollaborationen mit anderen Firmen (etwa mit Restaurants oder Dekobuden). Vielen Dank! Wenn die Kunstszene jemals daran dachte, sich selber jegliche Autorität abzugraben, dann wären diese Anweisungen eine gute Anleitung dazu.

Das ist alles zudem sehr Nineties. Überhaupt hat der Sunnyboy Resch, selbst erst 1984 geboren, seltsamerweise gar nichts von einem zeitgemässen Nerd mit Neigung zu Konspirationstheorien, dafür alles von einem hedonistischen Grossangeber à la Leonardo DiCaprio in «The Wolf of Wall Street». Letztes Jahr wurde er etwa mit einem 11-Sekunden-Video berühmt, in dem er sich selber beim Skifahren im Sonnenschein filmt und «Wooohuu» schreit, um nachher seine Freunde zu fragen: «Ob es bei euch gerade auch so toll wie bei mir ist? Aj daut it!» Unter dem Hashtag #idautit – stolz zu seiner germanischen Aussprache des englischen «I doubt it» stehend – wurde er zum Spottobjekt der Social Media, womit seltsamerweise immer auch Bewunderung und Nachahmung einhergehen.

«Wuhuuu»: Magnus Reschs Beitrag zur Selfie-Kultur. Quelle: Youtube

Resch, der in St. Gallen, Harvard und London Ökonomie studiert hat, selbst eine Galerie schon betrieben haben soll (die hat allerdings nicht viele Spuren hinterlassen), ist auch der Gründer und Herausgeber der Larry’s List, eines Bezahlservice für Kunsthändler, in dem die Vorlieben und Profile der Sammler auf der ganzen Welt erforscht und dann an den Abonnenten verkauft werden. Auch dort hat der Jungunternehmer lustige Ideen verwirklicht – etwa Sammlerkarikaturen im Stil der sprechenden Pillen in «The Minions». Ist das nicht zum Schenkelklopfen? Man kann die Sammler sammeln!

Die Sammler als Sammelobjekt, wenn mich nicht alles täuscht ist der erste von links in der zweiten Reihe «unser» Michael Ringier Quelle: «Larry's List»

Die Sammler als Sammelobjekt. Der Erste von links in der hinteren Reihe: Michael Ringier. Der Fünfte von rechts vorne: Uli Sigg.

Warum ich aber auf die ganze Sache zu sprechen komme, ist eine traurige Wahrheit, die sich hinter Reschs zynischen Ratschlägen versteckt: In der ganzen Aufwertung und Globalisierung der zeitgenössischen Kunst haben die Galerien schon irgendwie das Los der Niete gezogen. Die Umfrage, aus der Resch die Legitimation für sein Buch bezieht, brachte es zutage: Von 8000 Galerien auf der ganzen Welt, die teilgenommen haben, hat die Hälfte weniger als 200’000 Dollar Umsatz, und ein Drittel ist in den roten Zahlen. Kein Wunder, die Galerien müssen heutzutage so viel mehr leisten: Archive der Künstler führen, Ausstellungsservice gewährleisten auf der ganzen Welt, konstant Präsenz markieren an den teuren Messen, und kaum ist einer berühmt, springt er schon ab zu einem der Big Players. Auktionshäuser wildern zudem im Primärmarkt und markieren Spitzenpreise, die auf die Dauer schwer zu halten sind. Was tun?

Resch sagt: Nehmt nicht 50, sondern 70 Prozent des Verkaufspreises. Und weil er selbst merkt, dass sich die um gute Künstler buhlenden Galerien das nicht leisten können, schlägt er eine Abstufung der Beteiligung vor nach dem Prinzip: Wer schon hat, dem wird noch mehr gegeben. Also eben: Die Cash-Cow-Künstler würden dann immer noch 50 und die «Poor Dogs» nur noch 30 Prozent bekommen. Der Hinweis, dass die meisten Galerien immer noch keine Verträge mit ihren Künstlern abschliessen, ist schon zweckdienlicher: So können diese nach Lust und Laune selber aus dem Atelier Verkäufe tätigen und auch problemlos nach Jahren der Aufbauarbeit zu einem «wichtigeren» Galeristen abhauen.

Überhaupt könnten mehr Selbstbewusstsein und weniger Einzelgängertum schon ein Teil der Lösung sein. Anstatt sich als «gehobenes Gästeservice» den Restaurants anzudienen (Vorschlag Resch), könnten die Galerien, denkt man, eher den Austausch und die Solidarität untereinander stärken. Gemeinsam ist es leichter, stark aufzutreten. Und es gibt nun mal Dienstleistungen, die selbst bei konkurrierenden Betrieben gemeinsam ausgelagert werden könnten – vergleichbar mit dem Zustellservice der Zeitungen.

Denn von der Misere – und das ist das Traurigste an der Sache – sind gerade die sympathischsten Kunstmarktteilnehmer betroffen: die Idealisten. Sie in Geldmaschinen mit Dollarzeichen in den Augen zu verwandeln, wäre für mich ein schlimmeres Szenario als die «Invasion of Body Snatchers».

Emotionslose Geschäftsmaschinen im Anzug:  Werbung für den 1956-Film «Der Angriff der Körperfresser»

Emotionslose Geschäftsmaschinen im Anzug: Werbung für den Film «Invasion der Körperfresser».

Ein Ufo in Rapperswil

Giovanni Pontano am Dienstag den 10. Juni 2014

Was: die Ausstellung «Das Optische Unbewusste», kuratiert von Bob Nickas, Fredi Fischli und Niels Olsen
Wo: Rapperswil-Jona
Bis wann: 10.8.

«Das optische Unbewusste»

«Das optische Unbewusste»: Craig Kalpakjian “Not Yet Titled”, rechts ein Werk von John Armleder

Ein Ausstellungs-Titel als Walter Benjamin-Zitat, das ist immer gut. Gut genügt als Bezeichnung für diese Ausstellung aber nicht; es ist vom Feinsten, was das Format «Kurator» der beiden jungen Ausstellungsmacher Fredi Fischli und Niels Olsen in Rapperswil in zwei Ausstellungsräumlichkeiten der Gebert Stiftung und des Kunstzeughaus Rapperswil-Jona vorstellt. Irgendwie kommt es mir wie ein UFO vor, das in Rapperswil gelandet ist.

Genau genommen ist diese ausserirdische Ausstellung kuratiert vom US-amerikanischen Star-Kurator Bob Nickas, der hier auf Einladung der beiden Jungkuratoren fast 50 Künstlerpositionen versammelt hat. Zugegeben: Erarbeiten muss man sich den Kunstgenuss im fernen Rapperswil, denn für den Ortsunkundigen müssen die beiden Ausstellungsorte erst einmal aufgespürt werden und dann gilt es anhand einer doch einigermassen verwirrlichen road-map die einzelnen Werke den jeweiligen Künstlern zuzuordnen. Oder man begibt sich auf eine Ratetour. Lohnen tut sich fraglos Beides.

Ein loser Faden innerhalb der abstrakten Kunst führt einen so durch zahlreiche Entdeckungen und Wiederentdeckungen, es finden spannende und überraschende Gegenüberstellungen statt, die ganze Schau ist auf hohem Niveau stringent orchestriert und überraschend gehängt, so dass es ein Vergnügen ist. Immer wieder begegnet man so John Armleder und Olivier Mosset, den beiden Westschweizer Künstlern, die international arriviert, noch mehr aber für eine junge Generation von Kunstschaffenden wichtig sind. Auf sie beziehen sich Phillipe Decrauzat, Stéphane Kropf oder etwa Mai Thu Perret, nur Sylvie Fleury ist irgendwo im outer space verlorengegangen. Auch US-amerikanische cutting-edge Positionen wie Nick Relph oder Dan Walsh finden sich nonchalant aber passgenau in die Schau integriert. Und es ist gleichermassen Bestätigung wie Freude, dass hier schon fast etwas in Vergessenheit geratene wichtige Künstler der 80er-Jahre wie Luciano Castelli (mit einer Fotoserie!) und Ross Bleckner einer jüngeren Generation gegenübergestellt werden.

Links: Kurator Fredi Fischli, Galeristin Eva Presenhuber

Links: Kelley Walker «Nine Desasters», rechts: Kurator Fredi Fischli, Galeristin Eva Presenhuber vor Alex Browns «Alice»

Inhaltlich verbindet die Schau vordergründig so unterschiedlichen Positionen von Video, Fotografie, vor allem aber abstrakte Malerei und Zeichnung und schafft eine Art Schwebezustand, eine eigene Zeit, einen eigenen Raum. Die Ausstellung bietet so spielerisch die unterschiedlichsten Anknüpfungspunkte für eine erhöhte Wahrnehmung, was durch die zahlreichen scheinbar entgegengesetzten Positionen noch unterstrichen wird. In vielen Werken entsteht so eine Spannung zwischen mechanischer Reproduktion und von Hand geschaffenen Bildern. Die Werke verbindet – und das ist die Kernmessage – der Blick ins Unbewusste. Es sind Werke, die auf einer erhöhten Wahrnehmung basieren und es gelingt in manch einer Ausstellungsituation, die Wirklichkeit ebenso zu bündeln wie aufzulösen und so die Pluralität von Wirklichkeiten aufzuzeigen. Noch einmal: das ganze Vergnügen in fast 50 Künstlerpositionen, mehr als in manch arrivierter Museumsschau.

Und so katapultiert einen das Ausstellungs-UFO in Rapperswil dann irgendwann wieder nach draussen in den Sommer 2014, man nimmt die Wegstrecke nach Zürich unter die Räder und schaut sich hier im wieder bekannten Rahmen eine hausbackene Ausstellung an, raus aus dem irritierenden und inspirierenden Unbewussten rein in die biedere Realität. Von Bob Nickas könnte sich hierzulande noch manch ein Kurator eine dicke Scheibe abschneiden. Zum Glück haben die beiden Jungtalente Fischli und Olsen den Altmeister nach Zürich, pardon Rapperswil, gebeamt und ihm die Bühne überlassen.