Diesen Journalisten dürfen Sie trauen

Auge in Auge mit der Realität: Journalisten befragen den Architekten Peter Zumthor nach seiner Niederlage an der Gemeindeversammlung in Vals GR, 9. März 2012. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Zeitungsleser verlangen nach langen, elegant verfassten Hintergrundstücken sowie nach unterhaltendem Kurzfutter; mittellange, trocken-neutrale Berichterstattung dagegen wird überblättert. Das ist jedenfalls die These von «Republik»-Autor Constantin Seibt, der das Leserverhalten einst in einer gastronomischen Analogie zusammenfasste: «Sie wählen das Dessert und das Steak. Und ignorieren das Gemüse dazwischen.»

Claas Relotius, «Spiegel»-Redaktor und eben überführter Hochstapler, hielt sich höchst erfolgreich an diese Rezeptur: mit kräftigen Geschmacksverstärkern für das Steak und extra viel Zucker im Dessert. Seine gefühligen Reportagen brachten ihm Journalistenpreis um Journalistenpreis ein, bis sich zuletzt herausstellte, dass viele seiner Geschichten auf Fantasie statt Recherche beruhten – ähnlich wie beim Interview-Erfinder Tom Kummer zwei Jahrzehnte zuvor.

Die Frage, die die Vordenker der Branche jetzt wieder umtreibt: Wenn man einem Starschreiber wie Relotius nicht mehr glauben kann, wem wird man dann noch glauben?

Nähe lehrt Sorgfalt und Präzision

Der Autor dieser Zeilen möchte als Antwort einen Ratschlag geben: Schauen Sie sich die Lebensläufe der Journalisten an. Und wenn daraus hervorgeht, dass die Betreffenden längere Zeit auf einer Regionalredaktion tätig waren, dürfen Sie das als gutes Zeichen werten.

Regionaljournalismus ist für Adepten der Branche die beste und effektivste Lauterkeitsschule. Nichts imprägniert in vergleichbarer Weise gegen Eigenmächtigkeit und Selbstüberschätzung. Wer Haus an Haus mit den Leuten wohnt, über die er schreibt, bekommt Sorgfalt und Präzision gelehrt. Wehe, der Bericht über einen Nachbarschaftsstreit fällt zu einseitig aus. Wehe, in der Nachricht über das Defizit der Dorfgarage wird eine Zwei zu einer Drei. Selbst eine Glosse über den schrägen Krawattenknoten an einem Politikerhals überlegt man sich zweimal, wenn man dem Träger am nächsten Tag gegenübersteht. Besser noch einmal die neuesten Trends der Krawattenmode recherchieren.

«Gemüse» ist gesund und bekömmlich

Wer ausreichend lange im Regionaljournalismus arbeitet, eignet sich in aller Regel eine Mentalität an, die Senkrechtstartern wie Claas Relotius und Tom Kummer zuweilen fehlt. Beide schafften es früh in renommierte Medien mit überregionalem Wirkungskreis; die Protagonisten ihrer Geschichten lebten oft Hunderte oder Tausende Kilometer weit entfernt, sprachen kein Deutsch, schenkten den Publikationen in fremden Ländern keine Beachtung.

Wer reich an Sprachvermögen und arm an Skrupeln ist, auf den kann eine solche Konstellation verhängnisvoll-verführerisch wirken. In Reportagen aus fremden Ländern lässt sich Blendwerk leichter einweben als in den Bericht über eine Gemeindeversammlung.

Die Lehre aus dem Fall Relotius kann daher nicht bloss auf ausgebaute Faktencheck-Teams zielen. Regionalzeitungen kämpfen überall ums Überleben. Es ist an der Zeit, ihre Arbeit wieder mehr wertzuschätzen. Ihre Artikel sind meist das, was Constantin Seibt als «Gemüse» bezeichnen würde. Aber dass Gemüse gesünder und bekömmlicher ist als Steak und Dessert, daran darf man sich ruhig mal wieder erinnern.