Klimawandel in den Köpfen

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Weltweite Protestaktion zur Umsetzung des Pariser Klimavertrags: Aktivisten am 8. September 2018 in Paris.  (Foto: Charles Salle/Getty Images)

Zehntausende Menschen in rund 100 Ländern sind am letzten Samstag in einer koordinierten Aktion auf die Strasse gegangen. Allein in Paris waren es nach Angaben der Organisatoren 50’000. Sie alle haben die Politiker aufgefordert, den Pariser Klimavertrag wie unterzeichnet umzusetzen. Das globale Klima darf sich demnach um maximal 2 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit erwärmen.

Und in der Schweiz? Die wenigen angekündigten Aktionen etwa in Basel hat kaum jemand zur Kenntnis genommen, geschweige denn zur Teilnahme angeregt. Von einem Wandel der Politik durch «Massenmobilisierung», auf den die Aktivisten des globalen Klimanetzwerks 350.org hinarbeiten, ist die Schweiz weit entfernt. Dabei wäre das Momentum zumindest für einen lauten Protest günstig gewesen: Das Land hat anhaltende Trockenheit und den drittwärmsten Sommer seit Messbeginn erlebt.

Ist die Schweizer Bevölkerung noch aufzurütteln?

Eine breite Klimabewegung ist trotzdem nicht entstanden. Die gängigen Erklärungen dafür: Die Klimaschützer treten nicht geeint auf. Während die einen nachhaltige Mobilität einfordern, engagieren sich die anderen für erneuerbare Energien oder Fair Food. Ein weiteres Argument: Dank der direkten Demokratie kann sich die Bevölkerung in wichtigen Fragen regelmässig einbringen, was die Bereitschaft für Kundgebungen mindert. Und schliesslich: Die Schweizer Klimaschützer planen ihre grosse Demonstration erst – für den 13. Oktober in Genf; in jenen Tagen veröffentlicht der Weltklimarat IPCC einen Bericht zur Frage, unter welchen Voraussetzungen das Pariser Klimaziel noch erreichbar ist.

Ob das neue Dokument die Schweizer Bevölkerung aufrütteln wird, ist fraglich. Dass Zweifel berechtigt sind, zeigen simple Beobachtungen im Alltag. Nicht wenige sind der teils alarmistischen Berichterstattung überdrüssig – wo bleibt nur die angekündigte Klimakatastrophe?! Zudem leiden bislang nur exponierte Gruppen sichtbar unter der Klimaerhitzung, etwa ein Teil der Bauern oder der älteren Menschen. Die Mehrheit der Bevölkerung hält zwar betroffen inne, wenn etwa tote Fische im Rhein treiben, die Veränderung nimmt sie im Grossen und Ganzen aber entweder gleichmütig hin – oder beklatscht diese gar.

Leichtes Spiel für die Wirtschaft und die bürgerlichen Parteien

Exemplarisch zeigt sich Letzteres in Zürich. Zwar tickt die Stadt politisch streng rot-grün, ihre Bewohner stimmen an der Urne jeweils für mehr Ökologie. Doch der Klimawandel bleibt für sie im Alltag weitgehend eine abstrakte Gefahr. Viele sehen in ihm sogar die Chance, das eigene Leben zu optimieren – Sommertraum von April bis September, Winter ohne Pflotsch. Es ist denn auch kein Zufall, dass sich kaum eine andere Stadt so lustvoll mediterranisiert wie Zürich.

Zum Prüfstein für die Klimaaktivisten wird die Gletscher-Initiative, die der Verein Klimaschutz Schweiz jüngst lanciert hat – eine Gruppe, die sich als Bürgerbewegung versteht. Ihr Ziel: den C02-Ausstoss der Schweiz bis 2050 auf null senken. Auch wenn die Initiative laut ihren Promotoren nur die Umsetzung des Pariser Klimavertrags in der Schweiz sicherstellen soll: Sie gilt als radikal. Um im Abstimmungskampf eine reelle Siegeschance zu haben, müssen die Klimaaktivisten über das rot-grüne Milieu hinaus Unterstützung gewinnen. Just deshalb wäre es wichtig, die Bevölkerung bereits jetzt für ein kraftvolles Zeichen zu gewinnen. Eine gute Gelegenheit haben die Aktivisten am Samstag verpasst. Die Wirtschaft und die bürgerlichen Parteien wird es freuen. So haben sie leichtes Spiel, den Klimawandel weiter als relativ marginales Problem abzutun.